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Serie „Heimat“ (Folge 7) : Der U-Bahnhof als Bastelbogen

Das wahrhaft Neue begegnet mir nebenan im kleinen Einkaufszentrum – so nannte man früher die Shopping-Malls –, das noch vor dem „großen“, dem Nordwestzentrum, im Winkel zwischen Thomas-Mann-Straße und Praunheimer Weg entstand. Als ich die Stufen in den Innenhof hinabsteige, kommt mir eine Menschentraube entgegen: alles Männer, einige mit Vollbart, viele in langen, einfarbigen Kutten mit weißen Kappen auf dem Kopf. Es ist das Ende des Freitagsgebets, das die Gemeinde der As-Salam-Moschee auf Teppichen im Freien abgehalten hat, weil die Räume des islamischen Kulturvereins im Erdgeschoss für die Menge der Gläubigen zu klein sind. So erklärt es mir eine Mitarbeiterin des Jugendclubs, der noch immer im Obergeschoss untergebracht ist, und ich betrachte staunend die Männer mit den Bärten, die mit ernstem Blick aus dem Einkaufszentrum strömen, die arabischen Schriftzeichen über dem Eingang des Kulturvereins, die Auslagen des türkischen Gemüsehändlers, die leeren, mit Metallgittern gesicherten Ladenräume gegenüber und das Hamburgerplakat im Schaufenster des „As-Salam-Grills“, der dort liegt, wo mir ein deutscher Friseur den ersten Mecki-Schnitt meines Lebens verpasste.

Zu Hause

Das Haus steht auf einer Anhöhe, Nord-Süd-Lage, vierundzwanzig Wohneinheiten in drei Blöcken, Fernwärme, Kinderspielplatz. Von der Straße ist es durch eine Böschung getrennt, von deren Höhe ich eine Zeitlang gern meinen Roller ungebremst herunterrasen ließ, um, im Sturz abspringend und im Gras abrollend, die Autofahrer auf der Straße zu Vollbremsungen zu zwingen. Es gab Ärger, Gebrüll, quietschende Reifen, Fernsehverbot. Zum Glück ist nie etwas Schlimmeres passiert. Der Verkehr war noch nicht sehr dicht.

Die Wohnmaschine ist kein Zuhause: Richtfest am Nordwestzentrum am 7. November 1967.

Auf dem Klingelschild der Wohnung, in der ich sechzehn Jahre lang mit meinen Eltern und meinem Bruder gelebt habe, steht jetzt ein anderer Name. Drei frühere Nachbarn leben noch hier, zwei Witwen, ein altes Ehepaar. Als meine Mutter auszog, lief ich durch die leeren Räume wie durch ein weißes Blatt. Die Wohnung hatte unsere Spuren getilgt, sie war wieder rein. Die Wohnmaschine ist kein Zuhause. Das Zuhause ist ringsum, auf den Wiesen und Wegen, es liegt in der Luft.

Unten, vor dem Trockenplatz, auf dem die Hausfrauen damals an Stangen die Wäsche aufhängten, dieselben stachligen Büsche, dasselbe mit Löwenzahn und Butterblumen durchsetzte Gras. Zur Faschingszeit und auch im Sommer boten die Büsche willkommene Deckung bei unseren Indianerspielen, deren ewiges Ziel die Eroberung der beiden hölzernen Zelte auf dem längst abgeräumten, nur noch mit Schaukel und Rutsche bestückten Spielplatz war. In Silvesternächten verwandelte sich die Wiese dann in ein Kampfgebiet, auf dem die Chinaböller, die zu Matten gebündelten Minikracher und die zischenden Heuler hin und her flogen. Manche schossen von ihren Balkonen herab, andere suchten das Schützengrabengefühl am Fuß des Abhangs. Auch den Rest des Jahres hatte ich immer einen Böllervorrat. Unsere Anoraks waren von Brandlöchern durchsiebt. Ich schob den Schaden auf die schlechte Qualität des Stoffs. Später kamen dann Military-Jacken in Mode. Aber da war die Kindheit vorbei.

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