https://www.faz.net/-gxh-8kxav

Serie „Heimat“ (Folge 7) : Der U-Bahnhof als Bastelbogen

Der Lehrer war ein Idealist, er wollte die Elite der Zukunft formen. Nicht nur er ist im Laufe der Jahre resigniert.

Der Lehrer, Herr P., war ein Neuling, Anfang dreißig, zweiter Bildungsweg, heimatvertrieben, ein Idealist. Wir waren seine erste Grundschulklasse, und er wollte aus uns die Elite der Zukunft formen. Auf Klassenfahrten zeigte er uns die Sehenswürdigkeiten der Umgebung, den Taunus, die Moorleiche von Friedberg, die Salinen von Nauheim; in seinem Garten – er war Imker – bewirtete er uns mit Honig und Saft. Wir dankten es ihm nicht. Nach dem Wechsel auf Realschule und Gymnasium hielten die wenigsten mit ihm Kontakt. Als ich ihn viele Jahre später wiedertraf, war er sichtlich gealtert, resigniert und müde. Er habe aufgehört, nach Begabungen zu suchen, sagte er. Jetzt gehe es ihm nur noch darum, dass möglichst viele das Klassenziel erreichten. Zwei Drittel seiner Schüler seien Kinder von Zuwanderern, viele sprächen kaum richtig Deutsch. Vor zehn Jahren ist er gestorben.

Die Kirche

Bevor sich Nostalgie wie Mehltau über die Schritte des Heimkehrers legt, soll wieder die Realität ins Bild kommen, die harte, graue, heutige. Die Häuser beispielsweise, viergeschossige Riegel, elfstöckige Hochhausblöcke, die wie verpanzert hinter ihren Wärmedämmungen in der Hitze brüten. So grau aber sind sie mit ihrem Neuanstrich in Altrosa, Lindgrün, Himmelblau oder Sandgelb auch wieder nicht. Und auch der Kiosk auf dem Schulweg, damals wie heute Endstation der Hoffnungslosen und Wasserstelle der Gelegenheitstrinker, hat seine Schrecken verloren, den Fuselatem der Versuchung, vor dem uns Herr P. immer wieder drohend gewarnt hatte. Zwei plaudernde Greisinnen sitzen davor auf einer Bank, zwischen ihnen ein Weinglas, und ein Häuflein Säufer drückt sich unter das Vordach. Ein Sommeridyll.

Aber die Kirche! Für uns Konfirmanden war sie der Gipfel der Banalität, ein Schuhkarton aus Beton mit Lichtschlitzen und einem großen Luftloch darin, ein Gebetskasten zur Verwaltung des Kirchenmitgliederschwunds. Auch der Gemeindepfarrer, der nach einem deutschen Aufklärer hieß, sprach im Konfirmationsunterricht lieber von Krisen und Zweifeln, statt uns mit Gewissheiten einzudecken. Bald merkten wir, dass der wahre Vorteil des Konfirmiertwerdens im privilegierten Zugang zu den Tanzpartys lag, die regelmäßig in den Gemeindehäusern der Umgebung gefeiert wurden. Der Pfarrer sah uns noch einmal am Tag unserer Konfirmation und dann nie wieder.

Nach der Konfirmation sah uns der Pfarrer nie wieder. Das Haus der Evangelischen Dietrich-Bonhoeffer Gemeinde, aufgenommen im Jahr 2012.

Heute ist die Kirche, erbaut von Werner Neumann, ein modernes Baudenkmal, und irgendwie sieht sie jetzt besser aus, was nicht nur am Betrachter liegt. Die hellgrauen Mauern sind mit Efeu überwachsen, das kleine Portal, weiß und trist, wirkt beinahe rührend. Im Inneren fällt das Licht friedlich durch die Buntglassteine in den hohen Schlitzen, und die Metallstreifen, die unter der Kreisöffnung in der Betondecke hängen, glänzen wie Silberpapier. Eine Handvoll Gläubige verliert sich in den langen Bänken. Der neue Pfarrer soll ein freundlicher Mann sein.

Weitere Themen

Topmeldungen

Die Ziele der EZB sind umstritten.

Debatte um Inflationsziel : Was die EZB wirklich antreibt

Ist die Inflationsbekämpfung das einzig wahre Ziel der EZB oder gibt es noch andere implizite Absichten, die in Entscheidungen einfließen? Eine neue Studie stellt ein interessantes Experiment an.
Die Eröffnung der Vogelfluglinie: Der dänische König Frederik IX. (links) und Bundespräsident Heinrich Lübke gehen im Mai 1963 im dänischen Hafen Rodbyhavn an Bord der Fähre.

Von Hamburg nach Kopenhagen : Abschied von der Vogelfluglinie

Die Zugfahrt von Hamburg nach Kopenhagen führte jahrzehntelang mit der Fähre über die Ostsee. Das war mal ein Verkehrsprojekt der Superlative. Nun ist die Verbindung über das Schiff Geschichte. Eine letzte Fahrt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.