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Serie „Heimat“ (Folge 7) : Der U-Bahnhof als Bastelbogen

In den achtziger Jahren erlahmte der sozialreformerische Impuls. Ein Gutteil des Überdrusses, der den Betonkubus als Leitbild hinwegfegte, kam aus den alternden Siedlungen selbst. Die weißen Würfel wurden grau. Kleinbürger tauschten die Plätze mit Arbeitslosen und Zuwanderern. Rentner blieben, Familien zogen weg. Mit neunzehn wollte ich nie wieder im Plattenbau wohnen. Die Gründerzeithäuser, früher muffige Absteigen mit Außentoiletten und rußenden Öfen, waren jetzt schick. Die Nordweststadt erstarrte zum Denkmal einer vergreisten Moderne.

Denkmal einer vergreisten Moderne: Als die Würfel grau wurden, wollten alle wieder in Gründerzeithäusern wohnen.

Zur Schule

Der Weg zur Schule führt durch den Park. Als ich zum ersten Mal, aus entgegengesetzter Richtung kommend, mit dem Ranzen auf dem Rücken und der Schultüte im Arm zur Erich-Kästner-Schule lief, damals noch Grundschule II, gab es den Martin-Luther-King-Park noch nicht. Amerikanische Soldaten legten ihn Ende der sechziger Jahre an, sie planierten das Gelände der ehemaligen Ziegelei, deren Reste zwischen den Neubauten verkümmerten, hoben die Grube für einen Teich aus und schütteten den Aushub zu einem Rodelhügel auf. Wir sahen den Hügel wachsen, wenn wir aus dem Klassenzimmer hinausschauten, und bald spielten wir am Teich, quälten Kaulquappen, jagten Frösche, ließen Papierschiffe segeln.

Die Geschichte des Martin-Luther-King-Parks ist auch die Geschichte der Nordweststadt. Zuerst war er kahl und hell, zitternd von Kindergeschrei, dann verlotterte und verkrautete er, die Entengrütze ließ den Teich umkippen, der Hügel wurde zum Grillplatz. Jetzt wirkt das Grün wieder gepflegt, eine Schautafel erzählt, wie es entstand, eine Frischwasserleitung hält den Tümpel am Leben. Die Spitze des Hügels, auf die ich dreihundertmal den Schlitten zog, um den Sekundenrausch der Abfahrt zu genießen, ist zugewachsen, darunter liegt ein Pärchen im Gras. Mittagsglück.

Die Schule selbst ist geschlossen, es sind noch Ferien. Aber der Blick durch das Tor öffnet die Schleusen der Erinnerung, denn alles sieht noch fast genauso aus wie vor vierzig Jahren. Der aus Plastikplatten und Metallleisten zusammengesteckte Ipi-Bau, damals als Provisorium hochgezogen und zu raschem Verfall bestimmt, ist immer noch da, ein wenig aufgeputzt, aber im Kern unverändert. In den Klassenzimmern, in denen man im Sommer schmachtete und im Winter fror, stehen die Stühle umgedreht auf den länglichen Tischen. Nur die Gärtnerei an der Nordostseite der Schule hat aufgegeben. Im Herbst brannten oft große Feuer mit Gartenabfällen auf dem Gelände, der Rauch stieg in Schwaden vor dem Klassenfenster auf. U., ein Freund, konnte seine Augen nicht von dem Schauspiel lösen. Nachdem ihn der Lehrer zweimal ermahnt hatte, schickte er ihn aus dem Unterricht nach draußen, zum „Feuersche gucke“. Eine Weile saß U., von allen Übrigen heimlich beäugt, auf der niedrigen Mauer, die den Brand vor unseren Blicken verbarg, dann schlich er traurig nach Hause. Niemand schaute mehr nach dem Feuer.

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