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Am Semmering : Ornament ist nur vergeudete Gesundheit

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Die Abschaffung des Jodelbalkons: das Looshaus von außen Bild: Christian Redtenbacher

Was Adolf Loos einst am Semmering als noble Sommerfrischevilla baute, ist heute eine Kombination aus Landgasthaus mit guter Küche und Architekturmuseum mit Patina.

          Damals hatten die Leute noch keine Ahnung davon, dass es auf den Malediven schöne Tauchreviere gibt oder man sich an Mallorcas Stränden in die Besinnungslosigkeit trinken könnte. Es war die Zeit, als es besonders vornehm schien, seine Ferien in einem Luftkurort zu verbringen. Luftkurort - dieses Wort ist Inbegriff für Schlichtheit und Anachronismus. Man fährt irgendwohin wegen der Luft. Aber wer interessiert sich heute noch dafür? Dabei gab es ziemlich noble Vertreter dieser Gattung, wie etwa den Semmering südlich von Wien, wohin die bessere Gesellschaft vor der Hitze der Stadt auf die Hügel südlich des Wienerwalds flüchtete. Um die Jahrhundertwende entstanden noble Hotels wie das Panhans und das Südbahnhotel. Wer es sich leisten konnte, ließ sich seine eigene Sommerfrischevilla bauen. So wie der Unternehmer Paul Khuner, in dessen Fabrik Mayonnaise und Bratfette produziert wurden und der sich in den späten zwanziger Jahren keinen Geringeren als den berühmten Bauhaus-Architekten Adolf Loos leistete, um sich von ihm ein Feriendomizil entwerfen zu lassen.

          Strenge, gerade Linien

          Loos war ein Verfechter strenger, geradliniger Formen und hatte ein sehr kritisches Verhältnis zum weitverbreiteten Jugendstil. „Ornament ist vergeudete Arbeitskraft und dadurch vergeudete Gesundheit“, wurde er zitiert. Loos entwarf viele Privathäuser und beschäftigte sich vor allem mit der ländlichen Architektur. Als passionierter Schachspieler und Gesellschaftsmensch fühlte er sich zum Semmering besonders hingezogen, denn dort gab es neben der Hautevolee zahlreiche hochkarätige Schachturniere. Schon 1913 schrieb er in seinen „Regeln für den Bau in den Bergen“: „Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Veränderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim alten.“ Häuser waren für Loos keine Kunstwerke. Sie hatten der Bequemlichkeit zu dienen und möglichst allen zu gefallen.

          Schlicht, aber modern: das Looshaus von innen

          Khuner und Loos kannten sich bereits, denn Loos hatte für ihn seine Wiener Stadtwohnung gebaut. Am Semmering wünschte sich Khuner ein Haus, in dem er Gäste empfangen konnte, das entsprechend viele Zimmer und eine offene Architektur besaß. Loos ließ sich dafür von englischen Landhäusern inspirieren und baute die zahlreichen Zimmer auf mehreren Etagen um eine große zentrale Halle herum, die über zwei Etagen reichte. Dass die meisten Zimmer relativ klein ausfielen, milderte Loos, indem er mit Spiegeln und Einbauschränken arbeitete. Großzügigkeit gab es nur bei den beiden Zimmern für Khuner und dessen Gattin. Für Khuner richtete er ein Zimmer ein, das über eine Schiebetür mit dem Zimmer der Dame verbunden war. Beide teilten sich das Badezimmer, das noch heute fast im Originalzustand erhalten ist.

          Deftige, regionale Speisen

          Seit 2001 sind Hanna und ihr Bruder Norbert Steiner die Wirtsleute. Beide absolvierten eine Kochlehre und arbeiteten danach in renommierten Häusern. Später heiratete Hanna den Jäger Adi Sehn, der ihr Lieferant für Wildspezialitäten war. Die deftige regionale Küche der Wirtin sorgte dafür, dass das Looshaus heute ebenso ein beliebtes Wirtshaus ist wie es auch als Pretiose der modernen Architektur geschätzt wird. Denn das Interieur der späten zwanziger Jahre ist noch präsent. „Die Originalfarben waren ja immer noch da, wurden halt mehrmals überstrichen“, erzählt Hanna Sehn. Viele Einbaumöbel, die bunten Sitzbänke, Holzfassaden und Dekorationen sind noch vorhanden. Perfektion sollte man freilich nicht erwarten. Das hat alles Patina. Die nachträglich eingebauten Nasszellen aus hellem Kunststoff möchte man nur ungern als eine ästhetische Bereicherung bezeichnen.

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