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Sehnsucht nach Meer : Strandbad, amore mio

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Ein faszinierendes Soziotop: Strandbad zwischen Ravenna und Rimini. Bild: Bernhard Lang/2015 Sony World Photography Awards

Ist ein Sommer ohne Strandbad, jenen Ort des zivilisierten Badens bei Zeitung, Espresso und Plauderei mit den Stammgästen, überhaupt ein Sommer? Eine Liebeserklärung an ein italienisches Soziotop.

          5 Min.

          Vor einigen Wochen schickte mir meine beste italienische Freundin Simona eine Sprachnachricht aufs Handy. Eine Sprachnachricht ohne Sprache. Es war Wellenrauschen zu hören. Schritte auf Kieseln. Kindergeschrei. Fetzen eines italienischen Dialogs. Unnötig, dass Simona zwei Minuten später schrieb: „Il Caranca è aperto! Sono al mare!“ Der Sound des Strandbads ist unverwechselbar.

          Vor meinem inneren Auge ploppte das ganze bunte Szenario auf wie in einem Bilderbuch. Ich sah alles vor mir: Die gelben Liegen unter den gestreiften Schirmen. Den alten Feigenbaum, in dessen Schatten betagte Herrschaften Karten spielen. Marco, den jungen Bademeister mit den stählernen Muskeln, wie er lässig in seinem Liegestuhl lümmelt und die Flipflops an den Zehen baumeln lässt. Enrico, den Besitzer des Bagni Caranca, der immer missmutig dreinschaut und an der Bar die Espressomaschine zum Fauchen bringt. Und natürlich: das Meer, das türkisblaue ligurische Meer, unter einem weiten blauen Sommerhimmel. Azzurro total. Und zum ersten Mal seit Beginn der Corona-Pandemie hatte ich das Gefühl, sofort in Tränen ausbrechen zu müssen. Natürlich, die Welt hat jetzt ganz andere Probleme. Aber trotzdem: Ich will ans Meer!

          Es müssen nicht die Seychellen sein

          Seit mehr als zwanzig Jahren gehört dieses Strandbad zu meinen Sommern, seit Simona und ich uns an der Uni in München in einem Italienisch-Seminar anfreundeten. Seitdem besuchen wir uns regelmäßig, sie mich in Bayern, ich sie in Bordighera, einer kleinen Stadt nahe der französischen Grenze, wo einst die europäische High-Society die Winter verbrachte. Ich komme natürlich im Sommer, und dann liegen wir tagelang im Strandbad herum und erzählen uns, was im Rest des Jahres so passiert ist.

          Ich war in meinem Leben an vielen Stränden. Aber für mich müssen es nicht die Seychellen sein. Das perfekte Sommerglück ist für mich, so wie für ungefähr sechzig Millionen Italiener, eine gelbe Liege am Mittelmeer. Nein, eigentlich: zwei Liegen unter einem Schirm. So wie der liebe Gott es bestimmt hat: Un ombrellone, due lettini – das gehört untrennbar zusammen, so mietet man sich seine paar Quadratmeter Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, das sich im Sommer aus der Stadt und von der Piazza hinaus an den Strand verlagert.

          Auch gut, um Ragazzi auf Herz und Nieren zu testen: Strandbad Kursaal in Rom.
          Auch gut, um Ragazzi auf Herz und Nieren zu testen: Strandbad Kursaal in Rom. : Bild: Picture-Alliance

          Dann tobt dort das Leben: Die Italienerinnen werfen sich ins schönste Badekleid, setzen die Glitzersonnenbrille auf und machen bella figura. Die Männer zeigen ausnahmsweise Bein und rennen ihren Sprösslingen hinterher. Man trifft sich in der Bar, schreit die Kinder an, die um die Tischtennisplatte herumjagen, und herzt sie gleich darauf, parliert mit den Bekannten, die man hier jedes Jahr trifft, und ist angenehm überrascht und interessiert, wenn neue Gesichter auftauchen. Ab und zu geht man auch ins Meer, aber nur bis zu den Knien, als kleine Abkühlung. Schwimmen ist etwas für Olympioniken und Deutsche.

          Bloß nicht würdelos braten

          Ich bin im Strandbad l’amica tedesca, die deutsche Freundin der Familie Gibertini, die, das ist wichtig im Strandbad-Kosmos, seit Jahrzehnten jeden Sommer die Kabine Nummer 20 mietet und dort Handtücher, Taucherbrille, Luftmatratze und, für das Mittagessen am Strand, die fabelhafte torta verde aus der Küche der Mamma lagert. Damit darf auch ich mich sozusagen unter die Stammgäste einreihen und pflücke jeden Morgen lässig den Kabinenschlüssel vom Schlüsselbrett neben der Bar – anders als die Tagestouristen, die erst einmal bei Enrico um einen Platz an der Sonne nachsuchen müssen.

          Richtig zivilisiert badet es sich nur mit Schirm und Liege: Strandbad in Sorrento.
          Richtig zivilisiert badet es sich nur mit Schirm und Liege: Strandbad in Sorrento. : Bild: Picture-Alliance

          Sind sie Ausländer, starren sie entsetzt auf die Preise. Sind sie Italiener, haben sie diese bereits ohne zu murren ins Urlaubsbudget einkalkuliert. Denn wer würde schon an dem freien Strandabschnitt gleich nebenan lagern wollen, wo man ohne Schirm würdelos in der Sonne brät und das Terrain verlassen muss, wenn einem der Sinn nach einem Espresso steht? Das Strandbad dagegen bietet alles, was der Mensch zum Leben braucht.

          Die Politik hat hier nichts verloren

          Während meine einheimischen Quasi-Verwandten noch bei der Arbeit sind – entgegen dem Klischee ist es ja in Italien mit la dolce vita gar nicht weit her –, liege ich wohlversorgt auf der gelben Liege und komme nicht dazu, in meinem Buch zu lesen. Da ist Signora Cinzia, eine verwitwete Dame aus Mailand, die den Sommer in ihrer Zweitwohnung in Bordighera verbringt und sich über aktuelle Krimis austauschen möchte. Dort das ältere Ehepaar aus Heidelberg, das jedes Jahr mit seiner inzwischen erwachsenen Tochter hier urlaubt. Simonas Mailänder Onkel auf der Nachbarliege reicht mir ausgewählte Teile des Corriere della Sera und plaudert über das Weltgeschehen, aber nie über Politik, die hat im Strandbad nichts verloren.

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