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England : Tweed unter Palmen

Einheimisch auf den Scilly Islands: die Kegelrobbe. Bild: Imago

Es sieht aus wie die Karibik, aber es ist England: Ein Trip zu den Scilly-Inseln, südwestlich vor der Küste Cornwalls

          6 Min.

          Manchmal kann das Mondlicht die Welt in Schwarzweiß tauchen. So war es an diesem milden Abend im Oktober, als der Mond über der Bucht von Penzance stand und das Meer ganz ruhig da lag, und weil es wirklich mild für das Datum war, irgendwie seidig, und weil Palmen im Garten des Fischrestaurants standen, fühlte sich das Ganze an wie eine Szene aus einem Comic mit Corto Maltese, in dem die Schatten auch immer lang und dunkel fallen auf die fernsten, geheimnisvollsten Orte. Oder noch einmal anders: als würde man nicht von hier, aus der Hafenstadt Penzance, aufbrechen in den Süden, um Geschichten wie der Seefahrer Corto Maltese zu erleben, sondern als sei der Süden komischerweise schon da, obwohl man noch immer in England ist.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „In Cornwall, nicht in England“, hätte jetzt der Taxifahrer gesagt, der uns von Penzance aus hergefahren hatte, ins Fischrestaurant im benachbarten Mousehole, auch so ein Comicname. Der Taxifahrer war ein Mann mit kahlem Kopf und sentimentaler Stimme gewesen, und er hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er mit diesem England nichts zu tun habe: Das beginne nämlich irgendwo da hinten. Hier sei Cornwall. Wenn man das erste Mal in Cornwall ist und sieht, was der Golfstrom hier wachsen lässt, denkt man tatsächlich ständig, dass diese Gegend nichts mit England zu tun hat. Oder zumindest nichts mit dem Bild, das man sich von England gemacht hat, falls dieses Bild nicht von den Romanen und Verfilmungen Rosamunde Pilchers geprägt wurde, sondern von Regen und Tee und Gummistiefeln und bleichen Menschen mit starkem Hang zum Sonnenbrand, die nach Ibiza fliegen, um auch mal weiße Strände und Wellen in Türkis zu sehen.

          Aber das geht auch auf Englisch. Von Penzance aus legt die Fähre zu den Isles of Scilly ab. Das sind hundertvierzig kleinere und größere Inseln, von denen aber nur fünf bewohnt sind, St. Mary’s, Tresco, St. Martin’s, Bryher and St. Agnes, wo zweitausendzweihundert Insulaner leben – plus hunderttausend Besucher pro Jahr.

          Weiße Streifen aus Sand

          Man kann auf diese Inseln auch fliegen, nicht von hier, sondern von Newquay, das liegt weiter nördlich in der Grafschaft Cornwall, und es geht auch schneller, und wenn man dann Glück hat und die Sonne scheint, sieht man aus der Luft, in was für einem herrlich klaren Meer die Scilly Isles liegen, türkis umränderte Strände, weiße Streifen aus Sand. Mit der Fähre aus Penzance dauert der Weg auf die Inseln dagegen drei mehr oder weniger schaukelnde Stunden, dafür sind dann Hunde an Bord und jede Menge Menschen in Gummistiefeln, die nach Regen und Tee aussehen. Das sind die birder, die mit schwerem Gerät (Kameras, Ferngläser) und wetterfestem Zeug hinaus auf die Inseln fahren, um dort Vögel zu beobachten.

          Eine etwas andere Seite von England: der türkisgrüne Atlantik rund um die Inseln von Scilly.

          Es ist aber erst einmal schwer, auf den Inseln von Scilly Augen für Vögel zu haben, weil sich, einmal angekommen, der eigenartige Eindruck hier nur noch verstärkt, nicht das Schiff habe abgelegt, sondern gleich der ganze Hafen: Palmen. Blühende Hortensien, auch noch im Oktober. Und noch mehr Palmen. Und hineingebaut in dieses Gewächshaus ohne Gewächshaus stehen dann aber die Kulissen von Miss-Marple-Filmen. Es laufen hier auch Touristen herum, die sich gedacht haben müssen, dass sie sich wie Figuren aus Miss-Marple-Filmen anziehen müssen, wenn sie schon in eine Gegend kommen, von der sie denken, dass sie wie ein Miss-Marple-Film aussieht. Aber so sitzen sie dann in Tweed im „Kavorna Café“ in Hugh Town und essen Cornish Pasty oder Scones und fühlen sich wie zu Hause in ihrem Traum von England unter Palmen.

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