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Winter in der Schweiz : Berauschender Sturz in den leeren Raum

  • -Aktualisiert am

Alles weiß: die Bernina-Linie am Lago Bianco auf der Berninapass-Höhe zwischen Ospizio Bernina und Alp Grüm. Bild: Gerhard Fitzthum

Das Valposchiavo liegt wie eine vergessene Welt jenseits des Berninapasses im Süden Graubündens. Jahrzehntelang hat sich kaum ein Wintertourist für das einsame Tal interessiert – und genau das macht es jetzt für Stillesucher so interessant.

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          Wer in ein tiefverschneites Alpental aufsteigt, kann sich und die Welt schnell vergessen. Man konzentriert sich auf den Atemrhythmus und das richtige Aufsetzen der Schneeschuhe, gerät in einen Zustand der Entrückung, in dem alles nah und fern zugleich ist. Das Gespür dafür, wann man innehalten und aufschauen muss, scheint aber trotzdem nicht verlorenzugehen. Als wir uns heute zum ersten Mal umdrehen, sind wir jedenfalls sicher, genau den richtigen Zeitpunkt erwischt zu haben. Denn in unserem Rücken haben sich Piz Palü und Piz Bernina aufgebaut, die höchsten Gipfel Graubündens, weiß glänzend von Schnee und Eis. Eine ganze Weile stehen wir nun reglos da, betört von einer Kulisse, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Erstaunlicher als das spektakuläre Panorama ist nur die Tatsache, dass uns seit Stunden kein Mensch mehr begegnet ist. Nur fünfzehn Kilometer weiter westlich, im Oberengadin, treten sich Naturfreunde in dieser Jahreszeit gegenseitig auf die Füße, dort wimmelt es in den Wäldern vor Winterwanderern, Schneeschuhgängern und Tourengehern.

          Im autofreien Val di Campo hingegen zieht man ganz allein seine Spuren. Man sucht sich seinen Weg durch Lärchen- und Arvenwälder und passiert immer wieder gurgelnde Wildbäche und eisbedeckte Naturseen, neugierig beäugt von Gämsen, die weiter oben am Hang stehen. Das Val di Campo ist das Prunkstück des Valposchiavo, dieses tief eingeschnittenen Alpentals, das sich an das Oberengadin anschließt und an der Grenze zum Veltlin, dem italienischen Valtellina, endet. Weil die großen Transitrouten anderswo verlaufen, gehört es zu den weißen Flecken auf der touristischen Landkarte der Schweiz. Es soll sogar Eidgenossen geben, die den abgelegensten Winkel ihres Landes nur vom Hörensagen kennen – die kleine Welt am aufbrausend dahinströmenden Poschiavino, deren Bewohner einen italienischen Dialekt sprechen und sich ihren südlichen Nachbarn näher fühlen als den Rätoromanen des Engadins.

          Das Glück der Entschleunigung

          Obwohl von hohen Alpengipfeln umstanden, hat sich das Tal nie als Winterziel vermarktet – und konnte das auch nicht. Von Skigebieten, die diesen Namen verdienen, fehlt nämlich jede Spur, im ganzen Puschlav, wie das Valposchiavo auf Deutsch heißt, gibt es einen einzigen Übungslift, an dem sich nachmittags die Schulkinder tummeln. Dass man sich das lukrative Geschäft mit den Wintersportlern entgehen lässt, hat mehr mit der Mentalität der Poschiavini zu tun als mit der Topographie. Im Unterschied zu den Protestanten von St. Moritz und Pontresina sind ihnen Unternehmergeist und Risikobereitschaft eher fremd. Eine Rolle dürfte freilich auch die ungünstige meteorologische Lage gespielt haben. Wegen der Nähe zu den mediterranen Regionen der Lombardei taut der Schnee schneller als anderswo, selbst im tausend Meter hohen Hauptort Poschiavo gibt der Winter nur an wenigen Tagen des Jahres ein Gastspiel. Kein Wunder also, dass für Ski- und Snowboardfahrer die Welt an den Engadiner Stationen Diavolezza und Lagalp zu Ende ist. Wer komfortable Lifte und präparierte Pisten für selbstverständliche Einrichtungen eines Alpentals hält, glaubt im Valposchiavo in den leeren Raum zu stürzen.

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