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Schweiz : Tagebuch eines Trampers

  • -Aktualisiert am

Trampen in der Schweiz geht gut in ländlichen Gegenden. Diese Männer warten allerdings nicht auf Autos, sondern auf die Hubschrauber der Air Zermatt. Bild: Tin Fischer

Unser Autor hat sich auf die „Grand Tour of Switzerland“ gemacht, eine neue Luxus-Auto-Route durch die Schweiz. Auf den Luxus hat er allerdings verzichtet.

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          Es hätten luxuriöse Tage werden können. Ich hätte ein Cabrio gekriegt. Ich wäre Jetboot gefahren. Ich hätte im Tessin „geballte Spitzenkulinarik“ genossen und „glamourös im Zirkuswagen“ übernachtet. So wird nämlich für die „Grand Tour of Switzerland“ geworben, einem neuen Produkt von Schweiz Tourismus speziell für Autofahrer. Eine „Schweizer Route 66“ soll es sein, wenn auch ohne historische Bedeutung. Eine Luxus-Route-66 in einem der teuersten Reiseländer der Welt? Ich war skeptisch. Als ich dann auch noch las, dass ich in einem beheizten Bergsee baden werde, dachte ich: Ach lasst mal. Ich mache eure Tour, aber als Tramper: Ohne Geld und ohne Ahnung, was Leben, Land und Leute bringen. Nur mit Rucksack, Schlafsack und zehn Franken für zehn Tage. Und bisschen Sorge, dass das gut geht.

          1. Tag: Basel

          „Umsonst? Da müssen Sie in den Wald gehen!“, meint die Dame beim Campingplatz im jurassischen Delémont, schweizerisch freundlich, aber bestimmt, so wie eine Jugendrichterin einen Lümmel ins Heim schickt. „Bonne journéeee!“ Ich hatte gefragt, ob ich hier meine Isomatte ausrollen könne, würde dafür auch etwas helfen. Aber sie fand das unfair. Hatte sie recht? Klar. Andererseits: Nett wäre es trotzdem gewesen. Ich wandere also weiter, waldwärts und leicht bedrückt. Mein Magen rumort. Ich hatte heute in der Kulturstadt Basel statt nach Essen nur dekadent nach Gratis-Museen gefragt. An einem Nespresso-Stand am Bahnhof packte ich dann noch - interessiert degustierend - die halbe Keksdose ein. Dann kämpfte ich mich mit Autostopp hierher in den Jura. Ein schmuckes kleines Bauernhaus ist meine letzte Chance vor dem Wald. Ich frage den älteren Herrn, ob ich im Garten übernachten könne. Er kommt auf mich zu, schaut mich an, überlegt keine Sekunde, sagt nur: „Mais oui, aber Sie können auch auf meinem Canapé schlafen.“

          2. Tag: Jura

          Die Leute seien heutzutage „méchant“ - böse - meinte Monsieur Sutterlet immer wieder besorgt, als wir gestern Abend wie Vater und Sohn bei seinen zwanzig Kaninchen, Gänsen, Pfauen und Windmühlen saßen und ich ihm von meinem Plan erzählte.

          Schlafen im Park von Neuchatel.

          Ich tat, als glaubte ich ihm nicht, aber glaubte ihm heimlich doch. Monsieur Sutterlet lebt alleine und bescheiden und gab mir sein Gästezimmer. Jetzt, zur Abreise, packt er mir Brötchen und selbstgemachte Roulade ein, Vorrat gegen das Böse. Au revoir und merci, Monsieur Sutterlet! Doch die Menschen im Jura sind nicht méchant, nehmen mich sofort mit, fahren mich durch ihre weite, tiefgrüne Landschaft und ihre historischen Dörfer. Als irgendwann unterwegs zwei Zeugen Jehovas meinen, dass das Paradies bald kommen werde, denke ich: „Schaut aus dem Auto, es ist da!“ Doch der Rausch schlägt schnell um. Als ich abends in Neuchâtel abgesetzt werde, packt mich erstmals die Angst. Dunkle Gewitterwolken hängen über der Stadt. Und ich habe kaum noch zu Essen.

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