https://www.faz.net/aktuell/reise/schweden-bunte-blumen-auf-dem-leib-1742859.html

Schweden : Bunte Blumen auf dem Leib

  • -Aktualisiert am

Der größte Teil der ausgesägten Pferde geht an fünfzig Heimarbeiter, darunter viele Rentner. Bezahlt wird nach Größe. Die kleinsten Pferde sind nur einen Zentimeter groß, sie werden aus Erle geschnitzt. Sonderanfertigungen können ein Meter groß werden wie das Pferd vor dem Rathaus des Nachbarorts Rättvik. Dieses Tier hat Gudmuns Slöjdfabrik in Rättvik produziert, für den Kenner daran zu sehen, dass es leicht andere Formen und Farben hat. Außerdem gibt es die Hersteller Nils Olsson Hemslöjd AB in Nusnäs und Färnäs Hemslöjd in Färnäs. Jedes Jahr produzieren sie Hunderttausende von Pferdchen.

Symbol für Schweden

Seit fast vierhundert Jahren wird das Dalapferd hergestellt. Im Winter waren die Bauern im Wald und haben gearbeitet. Ihr treuster Freund war das Pferd, das das Holz gezogen hat. Am Abend haben sie dann kleine Pferde für die Kinder als Spielzeug geschnitzt. "Der Körper des ältesten bekannten Pferdes aus dem Jahre 1624 war länger als die heutigen", erzählt Ivar Johansson, der gerade ein Buch über Nusnäs und seine Geschichte geschrieben hat. "Seit den fünfziger Jahren allerdings hat sich das Design des Pferdes kaum verändert. Denn es ist leicht zu sägen, hat seine Balance und ist nach rationalen Gesichtspunkten gestaltet."

Fast zweihundert Jahre lang schnitzten die Menschen vor allem, um sich zu beschäftigen. Die ersten Firmen entstanden Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Es waren in erster Linie Familienbetriebe. Einige stellten aber schon Stücklohnarbeiter an. Die Grannas-Olsson- und die Nils-Olsson-Werkstatt in Nusnäs wurden 1922 gegründet - von zwei vierzehn Jahre alten Buben. "Ein fester Kundenkreis half ihnen beim Überleben", berichtet Johansson. Den anderen Betrieben aus der Frühzeit gelang dies nicht. Auch wollten die wenigsten Nachfahren die Betriebe weiter- führen. Immerhin brachten drei größere Unternehmen in Mora noch die Kraft auf, sich 1939 an der Weltausstellung in New York zu beteiligen. Sie sammelten siebentausend Dalapferde und verschifften sie nach Amerika, darunter ein mehr als ein Meter hohes Pferd. "An dem konnte keiner vorbeischauen", sagt Johansson. Über Nacht wurde das Dalapferd berühmt - und zu einem Symbol für Schweden. Danach war es zwar einfacher, Holzpferde zu verkaufen. Der finanzielle Erfolg blieb dennoch aus. Johansson hat die Namen von sieben kleinen Unternehmen zusammengetragen, die in den dreißiger und vierziger Jahren von dieser Arbeit "reich und glücklich" werden wollten. "Aber sie haben kaum etwas verdient", weiß er. Und so starb auch diese Generation in den siebziger Jahren aus. Geld gab es damals nur in der Land- und Forstwirtschaft, im Sägewerk und beim Fischen.

Zum Geburtstag von Bill Clinton

Den Olssons aber half der Tourismus der sechziger Jahre. Urlauber, vor allem aus Amerika, wurden busweise nach Nusnäs gefahren. So berühmt wurde das Pferdchen nun wieder, dass es als repräsentatives Geschenk taugte. Bob Hope hat eines bekommen, ebenso Doris Day und Elvis Presley. Mitglieder des Obersten Rates der Sowjetunion erhielten es, Bill Clinton bekam eines zum fünfzigsten Geburtstag vom Ministerpräsidenten Göran Persson. Der Auftrag war geheim; er kam vom schwedischen Konsulat. Das Pferd wurde fünfundsiebzig Zentimeter groß und wog fünfundzwanzig Kilo. Es wurde aus mehreren Holzblöcken zusammengeleimt. Als Carl Bildt seinen Auftrag als Friedensvermittler in Bosnien zu Ende führte, verschenkte er vierhundert der Tiere.

Weitere Themen

Topmeldungen

Satiriker Jean-Philipp Kindler

WDR-Rundfunkrat : Auf Kurs Richtung Sturm

Stunksitzung in Köln: Auf der 646. Sitzung des WDR-Rundfunkrats wurde ungewöhnlich grundsätzlicher Unmut laut. Intendant Tom Buhrow sieht sich auf dem richtigen Weg.
Mit diesem Foto sucht die Polizei nach der vermissten Julia.

Jugendliche vermisst : Wo ist die 16 Jahre alte Julia W.?

Sie nahm keine Zahnbürste mit und stellte beide Handys ab, dann verschwand sie: In Baden-Württemberg wird seit einer Woche die 16 Jahre alte Julia W. vermisst. Die letzte Spur führt zum Bahnhof Kirchheim/Teck.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.