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Schwanger auf Reisen : Ein bißchen Fliegen

  • -Aktualisiert am

Schwanger fliegen: Genaue Informationen sind nötig Bild: F.A.Z.- Foto Claus Setzer

Dürfen Schwangere fliegen? Wer Mutter wird, denkt über alles zwei Mal nach. Auch darüber, ob eine Flugreise dem Baby schaden kann. Hier die Fakten.

          Dürfen Schwangere fliegen? Klare Empfehlungen, etwa ein Verbot, gibt es nur in den wenigsten Fällen. Die Mehrzahl der werdenden Mütter muß Risiken und persönlichen Nutzen - unter fachärztlicher Beratung - abwägen. Jede von ihnen muß für sich selbst und das Kind entscheiden, ob sie fliegen will, dazu aber die Fakten kennen.

          Sobald man für zwei denken muß, rücken viele Reiseziele in weite Ferne, wichtig wird die fachärztliche Versorgung am Urlaubsort - für alle Fälle. Ein Notfallrückflug ist meist mit Risiken verbunden und etwa bei schweren Blutungskomplikationen sogar unmöglich. Fällt die Wahl auf ein weiter entferntes Ziel, stellt sich die Frage nach der Flugtauglichkeit.

          Die Gefahren

          Die klarsten Regelungen bestehen für das Ende der Schwangerschaft. Ausgehend von den Vorschriften der IATA (International Air Transport Association), die von einem Flug in den letzten vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin abrät und ein ärztliches Attest fordert, nehmen viele Fluggesellschaften Schwangere ab diesem Zeitpunkt nicht mehr an Bord.

          Dies soll in erster Linie Geburten an Bord mit allen damit verbundenen Risiken vermeiden. Aber schon vor dem achten Schwangerschaftsmonat sind drei Aspekte entscheidend: Der geringere Sauerstoffgehalt der Atemluft in der Höhe, das lange Sitzen mit der Gefahr der Thromboseentstehung und schließlich die kosmische Strahlenbelastung.

          "Mount Everest in utero"

          Verkehrsflugzeuge fliegen auf einer Höhe von 9.000 bis 12.000 Metern, und da der Luftdruck in dieser Höhe für den Menschen zu gering wäre, haben die Maschinen Druckkabinen, die jedoch aus technischen Gründen nicht den Druck am Boden erzeugen, sondern den einer Höhe von etwa 2.500 Metern. Deshalb ist an Bord weniger Sauerstoff in der Luft. Das gleicht der Körper normalerweise mit einem Anstieg der Herzfrequenz aus. Auf das ungeborene Kind in der Gebärmutter muß der Sauerstoff im Blut der Mutter erst noch über die Plazenta transportiert werden. Daraus ist das unheilverheißende Schlagwort "Mount Everest in utero" entstanden.

          Renate Huch, Professorin an der Klinik für Geburtshilfe der Universität Zürich und anerkannte Expertin für dieses Thema, beruhigt jedoch. Sie hat Studien durchgeführt, die zeigten, daß bei normalen Schwangerschaften der Körper der Mutter wie bei einem Normalpassagier reagiert und auch für das Kind keine nachteiligen Wirkungen festgestellt werden können. Allerdings setzt dies eine "normale" Schwangerschaft voraus. Ist etwa die Versorgung des Kindes wegen einer Störung der Schwangerschaft schon am Boden nur schlecht gewährleistet, kann der weitere Abfall des Sauerstoffangebots tatsächlich zu Problemen führen. Eine gründliche frauenärztliche Untersuchung und Beratung vor Reiseantritt ist deshalb unabdingbar.

          Erhöhte Thromboseneigung

          Die Thrombosegefahr auf Langstreckenflügen war zuletzt im Herbst 2000 durch den plötzlichen Tod einer 28jährigen nach einem zwanzigstündigen Flug ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gelangt. Seitdem wurden für vielstündige Reisen Verhaltensempfehlungen erarbeitet, die auch für Schwangere relevant sind. Während der Schwangerschaft besteht durch Veränderungen des Gerinnungssystems eine erhöhte Thromboseneigung.

          Die Wiener Konsensus-Konferenz zur Reisethrombose stufte Schwangere aus diesem Grund in die Gruppe der Reisenden mit mittlerem Thromboserisiko ein. Sie sollten deshalb immer vorbeugen: Auf Beinbewegungsfreiheit achten, kein Handgepäck unter den Vordersitz klemmen, Beine bewegen, ausreichend trinken, Alkohol und Schlafmittel vermeiden und Kompressionsstrümpfe (Klasse 1, bei Vorliegen von Krampfadern nach Rücksprache mit dem Arzt eventuell auch Klasse 2) tragen. Zusätzlich wird bei Schwangeren eine medikamentöse Prophylaxe empfohlen. Ob dies in jedem Fall, etwa in der Frühschwangerschaft, notwendig ist, muß der betreuende Arzt entscheiden. Auch in dieser Hinsicht ist somit wieder eine ärztliche Beratung vor der Reise notwendig.

          Unterschiedliche Strahlendosis

          Der dritte Aspekt, die kosmische oder Höhenstrahlung ist sicherlich nicht der medizinisch relevanteste, aber der umstrittenste. Hier stellt sich die Frage, ob eine Schwangere überhaupt an Bord soll. Die einzige Möglichkeit, an diesem Punkt anzugreifen, ist nämlich, nicht zu fliegen.

          Alles, was mit Strahlung zu tun hat, erschwert eine nüchterne Diskussion, berechtigte Befürchtungen mischen sich mit irrationalen Ängsten, kühler Emotionslosigkeit und blinder Sorglosigkeit. Das eigenartige ist, daß die naturwissenschaftlichen Fakten gar nicht in Frage gestellt werden. Bis auf kleine Abweichungen sind sich alle einig. Es geht nur um die Bewertung. Die GSF, das Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg bei München, hat ein von der EU-Kommission gefördertes Programm zur Bestimmung der Strahlendosis auf Flügen (EPCARD) entwickelt.

          Die Strahlendosis ist für jeden Flug unterschiedlich und sehr variabel. Sie schwankt in einem etwa elfjährigen Zyklus mit der Intensität des sogenannten Sonnenwindes. Daneben ist sie aber auch von der Flughöhe und der Flugroute abhängig, da sie mit der Höhe zunimmt und in der Nähe der Pole wesentlich stärker ist als am Äquator. Danach beträgt die Belastung auf einem dreizehnstündigen Flug von München nach San Francisco im Durchschnitt etwa 70 Mikrosievert; bei dem annähernd gleich langen Flug nach Sao Paulo dagegen weniger als die Hälfte. Eine Reise von Frankfurt nach Palma de Mallorca wird wegen der geringeren Höhe und Dauer lediglich mit 3 Mikrosievert veranschlagt.

          "Schwangere und Kinder haben da oben nichts zu suchen"

          Dem Laien sagen solche Zahlenwerte wenig. Und auch bei Experten lösen sie unterschiedliche Reaktionen aus, denn die Bewertung der Strahlenbelastung im Hinblick auf das ungeborene Leben ist auch unter ihnen umstritten. Ist das viel oder wenig? Darf eine schwangere Frau fliegen? Das Gros der Experten sagt: Ja. So etwa Renate Huch: "Eingedenk einer theoretischen Risikoerhöhung im Zufallsbereich gibt es beim heutigen Kenntnisstand wenig Argumente, vom Fliegen in der Schwangerschaft wegen der kosmischen Strahlenbelastung abzuraten." Ganz anders sieht das Horst Kuni, Radiologe an der Universität Marburg, der in der Zeitschrift Öko-Test mit dem prägnanten Satz zitiert wird: "Schwangere und Kinder haben da oben nichts zu suchen."

          Diese Kontroverse verstärkt noch, daß zur exakten Bewertung auch die Art der Strahlung und der Zeitpunkt der Schwangerschaft wichtig sind. Ähnlich wie beim Alkoholgenuß gilt: In den ersten Schwangerschaftswochen ist die Gefahr einer Schädigung des ungeborenen Kindes höher als gegen Ende der Schwangerschaft. Und doch gibt es wohl kaum eine Frau, die einen Schwangerschaftstest macht, bevor sie im Restaurant ein Glas Wein bestellt oder zum Flughafen fährt.

          Die natürliche Strahlenbelastung

          Verständlicher wird der Streit vielleicht durch einen Vergleich mit Strahlenbelastungen aus anderen Quellen. So beträgt die natürliche Strahlenbelastung in Deutschland, der alle Menschen ständig ausgesetzt sind, im Durchschnitt etwa 2,5 Millisievert pro Jahr, also 2.500 Mikrosievert. Dazu kommt noch einmal etwa die gleiche Dosis durch künstliche Strahlenquellen, wie medizinische Untersuchungen, Kernkraftwerke, Fernsehröhren oder Rauchen. Gerade die natürliche Strahlenbelastung ist aber extrem variabel und hängt zum Beispiel vom Wohnort ab.

          In Deutschland liegt sie in manchen Gebieten des Schwarzwalds oder der Oberpfalz um ein Vielfaches über dem Durchschnitt. Noch extremer ist sie in manchen Gegenden Indiens oder Brasiliens. Ein anderer Aspekt ist das radioaktive Edelgas Radon, das in verschiedenen Gebäuden in höchst unterschiedlichen Mengen auftritt. Dies alles sind Schwankungen, die wesentlich größer sind als die Belastung bei einzelnen Urlaubsflügen. Zugespitzt ausgedrückt, kann eine Woche Urlaub in einer Gegend Deutschlands mit hoher natürlicher Radioaktivität mehr Belastung mit sich bringen als ein Transatlantikflug hin und zurück. Und die Frau, die in dieser Gegend wohnt, würde unter dem Strich nach zwei Wochen Urlaub in der Südsee weniger ionisierende Strahlung treffen als zu Hause im Garten.

          Das Strahlenfeld der kosmischen Strahlung

          Andererseits: Würden sich die schwangeren Reisenden auch ohne weiteres röntgen lassen? Da ist die Antwort klar: Nur im Notfall. Möglichst keine Strahlung während der Schwangerschaft! Und wie sieht es dann mit einer Flugreise aus? Auch nur im Notfall? Nun werden viele protestieren wollen: Das kann doch nicht vergleichbar sein: Röntgen und eine Flugreise. Und der Protest kommt zu Recht, es ist auch nicht vergleichbar. Aber aus genau umgekehrten Gründen als angenommen: Die Strahlenbelastung für das ungeborene Kind ist nämlich beim Fliegen ungemein höher, als wenn sich die Mutter die Hand oder den Fuß röntgen läßt. So viel höher, daß man es rechnerisch kaum mehr vergleichen kann.

          Gern zitiert wird der Vergleich mit einer Lungenaufnahme: Die Strahlenbelastung eines Fluges Frankfurt-San Francisco entspricht zwei Lungenaufnahmen. Hin und zurück macht vier. Das ist richtig, aber nur die halbe Wahrheit. Die Zahlen gelten nämlich nur für die Mutter. Das Kind liegt bei einer Lungenaufnahme nicht im Strahlengang, bekommt also nur die Streustrahlung ab, das ist ein Bruchteil. Im Flugzeug dagegen ist der ganze Körper der Mutter im Strahlenfeld der kosmischen Strahlung und damit auch das Kind.

          Schwangerschaft nicht ausgeschlossen

          Bei Extremitätenaufnahmen der Mutter, also etwa beim Handgelenk oder beim Fuß, ist bei richtiger Abdeckung für das Kind in der Gebärmutter keine Strahlung mehr meßbar, sagt etwa Werner Kirchinger, Arzt am Institut für Strahlenschutz der GSF. Und trotzdem ist für Röntgenaufnahmen eine weitgehende Vermeidung jeglicher Strahlenbelastung in der Schwangerschaft gesetzlich vorgeschrieben.

          In der entsprechenden EU-Richtlinie 97/43/EURATOM heißt es in Art. 11: "... falls eine Schwangerschaft nicht ausgeschlossen werden kann, ist je nach Art der medizinischen Exposition - insbesondere wenn Bauch- und Beckenregionen betroffen sind - der Rechtfertigung, insbesondere der Dringlichkeit, und der Optimierung der medizinischen Exposition besondere Aufmerksamkeit zu widmen, wobei die Exposition sowohl der Schwangeren als auch des ungeborenen Kindes zu berücksichtigen ist." Für Flugreisen gibt es keine derartigen Regelungen. Aber auch nicht für das Wohnen in Gebieten mit höherer natürlicher Belastung, die wesentlich größer ist.

          "Die Kirche im Dorf lassen"

          Woher kommt diese unterschiedliche Einschätzung? Man kann nur spekulieren. Fest steht lediglich, daß die Strahlengefahr beim Röntgen gefühlsmäßig über-, die beim Fliegen aber eher unterschätzt wird. Grund zu Panik besteht aber trotzdem nicht. Das Ausmaß der Gefahr relativiert sich auch deshalb, wie die Expertin Renate Huch schreibt, weil die Risikoerhöhung zwar errechenbar ist, sich aber innerhalb aller zufälligen Schwankungen bewegt und Risiken aus anderen Bereichen höher liegen.

          Man sollte also bei allen Überlegungen und Bedenken "die Kirche im Dorf lassen". Es fragt sich nur, in welchem Dorf. Im Schwarzwald, in der Oberpfalz oder eben doch im Global Village? Oder muß es immer eine Fernreise sein? Wer sich jedoch bei jeder Röntgenaufnahme große Sorgen um das Kind macht und gleichzeitig bedenkenlos fliegt, verschließt die Augen vor den Tatsachen.

          Wichtig ist auf jeden Fall: Vor einer Reise sollte sich jede Schwangere fachkundig frauenärztlich beraten lassen. Das mindert die Risiken am wirkungsvollsten. Und der positive Effekt einer urlaubserholten Mutter sollte auch nicht vernachlässigt werden. Sie hat schließlich noch einiges vor sich.

          Fluginformationen für Schwangere

          Die erste und wichtigste Adresse ist der betreuende Gynäkologe. Eine Dosisberechnung der Flugstrahlung ist für jeden Flug unter www.gsf.de/epcard möglich. Allerdings sind dafür genauere Flugdaten nötig, als sie dem Reisenden normalerweise zur Verfügung stehen. Zur Thrombosegefahr auf Reisen - auch für Schwangere - gibt es Informationen unter www.careforlife.de. Auf der Internetseite www.thrombosedialog.de können Fragen an Experten gestellt werden. Die meisten Fluglinien, wie etwa die Lufthansa, Condor, American Airlines, Singapore Airlines, Air Berlin, Cathay Pacific Airways und Air France, nehmen Schwangere bis zur 34. oder 36. Schwangerschaftswoche mit. Danach können Schwangere nur noch mit wenigen Fluglinien und ärztlichem Attest fliegen.
          Interessant ist allerdings auch, daß beispielsweise die Condor ihre Flugbegleiterinnen - sobald diese ihre Schwangerschaft bekannt geben - sofort zum Bodenpersonal versetzen.

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