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Serie „Heimat“ (Folge 3) : I hao miassa sält na ge schaffa

Das Schönste ist auch das Heiligste: Die bunten Häuser der Altstadt von Tübingen. Blick von der Eberhardsbrücke. Bild: Fabian Fiechter

Ein Gefühl von Zuhause vermittelt nicht allein der Ort, in dem man lebt oder aus dem man stammt. Sondern auch die Sprache, die man spricht. Zum Beispiel Schwäbisch.

          Es begab sich an der Ostküste Balis und ist schon einige Jahre her. Straßenverkäufer hatten ihre Tische aufgebaut und Krimskrams feilgeboten: Tonbandkassetten mit Gamelan-Musik, grob geschnitzte Buddha-Figuren, irgendwelche Salben aus Heilkräutern. Lauter solche Sachen. Ein junges Urlauberpaar schaut sich das eine oder andere prüfend an. Er liebäugelt mit drei Tonbandkassetten. Da weist sie ihn an: „Fragsch mal, obs Prozente gibt.“

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Man muss das hören, um zu erfassen, dass sich hier das Klischee ereignet. Schwaben schauen aufs Geld, auch dann noch, wenn es wie hier auf Bali vermutlich um Einsparungen im Pfennigbereich geht. Doch wer den Pfennig nicht ehrt, aus dem wird nie etwas. So jedenfalls muss sich Angela Merkel die schwäbische Hausfrau vorgestellt haben.

          Anekdoten dieser Art sind Legion. Robert Bosch, der Mann mit der Zündkerze und einer der Nationalhelden aus Württemberg, wird nachgesagt, dass er sich täglich bückte, um die am Boden liegenden Büroklammern aufzuheben und sie vorwurfsvoll seinen Angestellten im Kontor auf den Schreibtisch zu legen. Der Chef als sein bester Controller.

          Dialekt ist Heimat

          Dialekt ist nicht nur etwas für Sprachforscher. In ihm drückt sich auch so etwas wie der Charakter eines Volksstammes aus, was zugegebenermaßen ein bisschen arg verschwurbelt klingt. Von „Schaffa, schaffa, Häusle baue“ bis zu „Wir können alles außer Hochdeutsch“ erkennt man das Bild des rastlosen Ehrgeizlings, dem lebenslang neben Arbeiten und Sparen wenig Zeit für andere Betätigungen bleibt – schon gar nicht für die lustvollen Dinge des Lebens.

          Eine Art triebunterdrückende Askese hält sich im Großraum Stuttgart bereits seit der Reformation, verbunden mit einem fleischgewordenen habituellen Maxweberianismus, der am Ende von Erfolg gekrönt wird. Woher sonst sollen sie kommen, all die weltmarktführenden Mittelständler, die gestern noch in Schanghai neue Milliardenaufträge akquiriert haben, um heute in ihrem Fabrikle in Plochingen ihren Lehrling in den Senkel zu stellen, weil er zehn Minuten zu spät zur Arbeit erschien? „Gell, nägschd Mol kommsch aber pünktlich“, was sich lakonisch anhört, im Ton aber zu erkennen gibt: Arg viele übernächste Male wird es nicht geben.

          Weil meine Sprache die Sprache meiner Eltern ist, ist der Dialekt immer schon meine Heimat: das, was das Kind hört, wenn es in die Welt hineinwächst. Und weil der Dialekt nicht nur ein besonderer Wortschatz, sondern allererst eine besondere Phonetik ist, sind es Klang, Stimme und Rhythmus der Sprache der Mutter, die zu einer ganz besonderen Zärtlichkeit zusammenwachsen. „Brauchsch koi Angscht han.“ Nichts ist selbstverständlicher als dieser Ton, dessen beruhigende Färbung selbst die Garantie dafür gibt, dass dem Versprechen zu trauen ist.

          „Granadaseggel“

          Der Klangteppich ist bekannt, denn alle anderen sprechen ja auch so: Schwester Lucila, Betonung auf der ersten Silbe, die Nonne im Kindergarten, die Kinder „uf dr Gass“ oder die Lehrer in der Schule. Stuttgart in den sechziger Jahren, das war eine homogene Sprachlandschaft. Die paar Kinder von Gastarbeitern, die wir in der Grundschule hatten, ein Jugoslawe, ein Italiener - und der Zoltan, ein Kind nach dem niedergeschlagenen Aufstand geflohener Ungarn, hatten sich schnell anzupassen gewusst. Der Status der Minderheit kam ihnen zugute; für sprachliche Parallelwelten war da kein Raum.

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