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Serie „Heimat“ (Folge 3) : I hao miassa sält na ge schaffa

Der Dialekt ist somit nicht nur das Stück Heimat, dass die Globalisierung nötig hat, um den Menschen Halt zu geben. Der Dialekt, glaubt man Walser, entlarvt auch das Unhaltbare als das Unwahre. Und er reduziert die Sprache auf das Wesentliche. „Müssten alle Kommuniqués und auch Wahlreden im Dialekt gehalten werden, und zwar in den originalen Wörtern dieses Dialekts, dann müsste, ohne Schaden, viel ungesagt bleiben.“ Winfried Kretschmann, der Ministerpräsident dieses Landes, verdankt sein hohes Ansehen mutmaßlich weniger der Programmatik seiner grünen Partei als vielmehr dem Umstand, dass er es in der von Walser beschriebenen Entlarvungs-Lakonie sehr weit gebracht hat. Das Schwäbische ist das Reduit vor dem Plauderern.

Wia dahoim

Kretschmann, der Kult-Schwabe, kommt von der Schwäbischen Alb, jenem Landstrich zwischen Unter- und Oberland an der Donau, den man gerne die rauhe Alb nennt, weil da kaum etwas wächst außer kleinen Linsen und überall die Schafe weiden. Alle meinen zu wissen, dass Leute, die „vo dr Alb ra“ kommen, auch das breiteste Schwäbisch sprechen. Auch das stimmt nicht. Was daran stimmt, ist, dass wir den Dialekt zur sozialen Abgrenzung brauchen, um uns unserer selbst zu vergewissern. Heimat ist ja nicht nur Inklusion, sondern stets auch Exklusion. Mit dem Dialekt kann man das ganz gut machen. Da sagen sie dann in Neuhausen auf den Fildern, dass man ein paar Kilometer entfernt in Bernhausen oder Sielmingen ganz anders redet. Meist meinen sie auch zu wissen, warum das so ist. Weil die in Sielmingen evangelisch sind und wir in Neuhausen katholisch.

Dabei wird die Konfession als dialektdifferenzierend überschätzt, wie ohnehin die kleinteiligen Unterschiede im Dialektgebrauch von einem Dorf zum anderen übertrieben werden. Subjektive Dialektgrenzen sind vielfältiger als die objektiven Sprachveränderungen. Aber die Frage, wer ich bin, hängt zusammen damit, wie ich spreche. Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. In Schwäbisch Hall sagen sie, „überm Kocher isch es ganz andersch“, wozu man wissen muss, dass der Kocher ein Fluss ist im Grenzgebiet zwischen Schwäbischem und Fränkischem und dass überall die Leute der Meinung sind, jenseits des Flusses sei eben alles anders, besonders aber die Sprache.

Jean Améry war der Meinung, es gebe so etwas wie eine mobile Heimat oder Heimatersatz. Er nennt die Religion und zitierte einen jiddischen Erzähler. Der Dialekt ist eine ganz besonders schöne mobile Heimat. Wenn jemand hinter Dir plötzlich schwäbisch spricht, hört sichs a wia dahoim.

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