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Serie „Heimat“ (Folge 3) : I hao miassa sält na ge schaffa

Wie gesagt, alles falsch. Sechsundachtzig Prozent aller Württemberger sprechen Dialekt, behauptet eine Tübinger Dissertation aus dem Jahr 2014. Donnerwetter. Der Betreuer der Arbeit, ein Germanistikprofessor aus dem Badischen namens Hubert Klausmann, hat sogar eine sozioökonomische Theorie dazu. Der Dialekt sei die Gegenbewegung zur Globalisierung, sagt er. Gerade in unserer Zeit, in der alle so viel reisen und global vernetzt sind, sorgt der Dialekt für Erdung und Verwurzelung. „Die Mundarten werden nicht weggespült.“ Sie verändern sich, aber sie bleiben erhalten. Da mögen noch so viele Reigschmeckte aus der großen weiten Welt nach Stuttgart kommen, weil es beim Daimler, beim Bosch, an der Technischen Universität oder der Kanzlei Gleiss/Lutz viele gute Arbeit gibt: Stuttgart bleibt eine schwäbische Stadt.

In Schwäbisch Hall sagen sie, „überm Kocher isch es ganz andersch“, wozu man wissen muss, dass der Kocher ein Fluss ist im Grenzgebiet zwischen Schwäbischem und Fränkischem und dass überall die Leute der Meinung sind, jenseits des Flusses sei eben alles anders, besonders aber die Sprache.

Nicht der Dialekt verschwindet am Ende, sondern das Hochdeutsche. Letzteres, sagen die Sprachforscher, sei nichts als eine List der Norddeutschen, ihrer Sprechweise als Norm Durchsetzung zu verschaffen und den anderen ein schlechtes Gewissen zu machen, weil sie sich nicht anpassen. Wenn die im Norden Abendbrot sagen, wir aber zu Hause um halb sieben zum Nachtessen pünktlich sein mussten: Warum soll das Abendbrot besser schmecken, nur weil es vornehmer klingt als unser Nachtessen? Natürlich passen sich immer viele im Süden an die im Norden an, und die Nachrichtensprecher beim Süddeutschen Rundfunkt sagen schneidig „Tach“ statt „Guten Taag“ oder „Grüß Gott“, weil sie es besonders richtig machen wollen.

Das Reduit vor dem Plaudern

Professor Klausmann nennt die Beherrschung des Dialekts einen zivilisatorischen Fortschritt, also eben keinen provinziellen Rückschritt. Seine Beispiele leuchten ein. Wir verfügen über verschiedene Abstufungen der Sprachverwendung, mit denen wir spielen können, je nach den Kontexten, in denen wir uns verständigen. Ein Meeting am Arbeitsplatz ist etwas anderes als ein Gespräch am Familientisch. Ein Satz, der hochdeutsch heißt „Ich musste dort hinüber zur Arbeit“, lautet in der schwächsten Dialektform „Ich hab da nüber misse ins Gschäft“. Aus Arbeit wird Gschäft, aus Präteritum wird Perfekt. Regionaler wird es mit „I han nom misse zom schaffe“. Am Ende dann, in der breitesten Version, was nicht abwertend gemeint ist, sagt unser wackerer Arbeiter dann: „I hao miassa sält na ge schaffa.“ Das werden vermutlich nur noch seine Freunde verstehen, die mit ihm im selben Dorf aufgewachsen sind. Kommt er aber am nächsten Tag wieder zu seinem Meeting beim Daimler, steigt er quasi in die erste Dialektform auf.

Tatsächlich zeigen die Beispiele auch, dass es nicht gut funktioniert, vom Hochdeutschen linear in den Dialekt zu übersetzen. „Ich liebe Dich“ wäre ein unmöglicher Satz, angelernt und abgeschaut aus sogenannten Liebesfilmen. „I mag Di“, sagt unser Liebender im Süden, das ist nicht weniger leidenschaftlich, bloß dass noch Zärtlichkeit dazukommt. In einem sehr lustigen frühen Aufsatz mit dem Titel „Bemerkungen über unseren Dialekt“ hat Martin Walser, der vom Bodensee kommt und deshalb Bodensee-Alemannisch und nicht Schwäbisch spricht, einen Satz des damaligen Bundeskanzlers Kurt-Georg Kiesinger in den Dialekt rückübersetzt: Aus „Das deutsche Volk ist gegen seinen Willen heute noch geteilt“ wird am Ende in einer absteigenden Kaskade „Mir sind dagega, dass mir all no doald sin“. So ausgesprochen aber, bemerkt Walser, wird der Satz der Politiker seiner Unwahrheit überführt. Wer hätte 1967 im Ernst behaupten wollen, alle Deutschen („mir“) setzten sich einmütig für die Wiedervereinigung ein?

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