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Serie „Heimat“ (Folge 3) : I hao miassa sält na ge schaffa

Hochdeutsch lernen war Pflicht für alle damals. Unterschichtkinder mit Dialekt hätten in unserer Leistungsgesellschaft noch weniger Chance als Unterschichtkinder ohne Dialekt, sagte man uns. Im Studium mussten wir Soziolinguistik lernen, die These vom Dialekt als Sprachbarriere war damals Mode. Basil Bernstein, welch schöner Name, hieß der Forscher, ich weiß es heute noch. So hatte man auch die Sprache in das marxistische Erklärmonopol von damals eingefangen: Wer schwäbisch spricht, outet sich als Mitglied der Unterschicht, pardon Klasse. Das war schon deshalb lustig, weil in den Tübinger Seminaren längst nicht nur die Hausmeistersöhne, sondern auch die Kinder der Fabrikanten aus Reutlingen, Plochingen und drum herum mindestens ebenso breiten Dialekt sprachen.

Auf der Beliebtheitsskala ziemlich weit unten

Wäre das Programm der Soziolinguistik aufgegangen, so wären im besten Fall, mutmaßlich nach einer kleinen sozialistischen Revolution, nicht nur die Klassenschranken aufgehoben worden, sondern auch alle Sprachbarrieren. In einer kommunistischen Welt hätten wir am Ende alle das gleiche Hochdeutsch gesprochen, auch die Leute in den Dörfern meiner Vorfahren in Altshausen, Kreis Saulgau, oder in Mühringen an der Eyach, Kreis Horb. Vielleicht ist auch deshalb die Revolution ausgeblieben, weil sich die Handwerker im „Adler“ dagegen wehrten, „Frankfurter Würstchen“ zu bestellen, wenn sie einfach nur „Saitewürschtle mit em Weckle“ essen wollten.

Geblieben ist die Ambivalenz des Schwäbischen. „Beim Stetter“, jener Weinstube in der Stuttgarter Altstadt, in der ich mir als Schüler das erste Geld als Bedienung verdiente, kamen über den Mittag die Richter vom nahe gelegenen Amtsgericht, tranken zum Essen ihre drei Viertele Riesling oder Trollinger und plauderten selbstverständlich in ziemlich ausgeprägtem Schwäbisch.

Zumal auch unter den Nichtphilosophen des Landes zum stolzen Selbstverständnis stets dazu gehörte zu erwähnen, dass auch die Herren Hegel, Schiller und Hölderlin sozusagen Leute von uns sind, schon allein deshalb, weil sie unsere Sprache sprachen. Aber es konnte uns natürlich nicht verborgen bleiben, dass in der Beliebtheitsskala der Dialekte das Schwäbische ziemlich weit unten rangiert, irgendwo vor oder hinter Sächsisch, auch wenn die Umfragen, die das belegen sollen, ziemlich schludrig sind. Wer „schwäbelt“, der ist irgendwie minderbemittelt; für die Schweizer sind alle Deutschen „Schwobe“ und das ist nicht freundlich gemeint. Die Bayern haben das besser hinbekommen, ihren Dialekt zwischen Laptop und Lederhose hoffähig zu machen.

Nicht der Dialekt verschwindet, sondern das Hochdeutsche

An dieser Stelle wird es Zeit, auf die neuere Dialektforschung einzugehen, die bislang nicht so sehr ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen ist. Wer hätte nicht das Gefühl, in einer zunehmend globalisierten Welt sterbe über kurz oder lang der Dialekt aus und als herrschendes Idiom bleibe eine Mischung aus Hochdeutsch und grobem Businessenglisch übrig. Tatsächlich ist diese Vorstellung irrig. Da stirbt gar nichts aus, auch wenn alle das immer meinen, und zwar nicht erst seit der Globalisierung. Schon der deutsche Bibliothekar und Germanist Johann Christoph Adelung (1732 bis 1806) hatte die These vom „Aussterben des Dialekts“ in die Welt gesetzt. Seither meinen die Leute, der Dialekt verschwinde, aber er tut es nicht. Großeltern behaupten, ihre Enkel verstünden sie nicht mehr und der größere Radius der Mobilität führe dazu, dass sich die Sprachmilieus verschleifen.

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