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Serie „Heimat“ (Folge 3) : I hao miassa sält na ge schaffa

 „I mag Di“, sagt der Liebende im Süden. Das ist nicht weniger leidenschaftlich, bloß dass noch Zärtlichkeit dazukommt.

„Was für unerwünschte Anklänge weht die Heimatvorstellung doch herbei“, schreibt Jean Améry in einem sehr traurigen Essay mit dem schönen Titel „Wie viel Heimat braucht der Mensch?“ „Märchenerzählungen einer alten Kinderfrau, das Gesicht der Mutter überm Bett, Fliederduft überm Nachbarsgarten. Man möchte die peinlich-lieblichen Töne, die sich mit dem Wort Heimat assoziieren, gerne verscheuchen, aber sie sind hartnäckig.“

Für Kinder, die mit einem Dialekt aufwachsen – es sind weitaus die meisten –, ist die sogenannte Hochsprache nicht etwa der Normalfall und der Dialekt eine regionale Ausnahme. Ganz im Gegenteil: Die Hochsprache ist eine Art Fremdsprache, die man sich mühsam aneignen muss. Für einen native Speaker im Schwäbischen hört es sich außerordentlich komisch an, dass es korrekterweise eigentlich „die Butter“ und nicht „der Butter“ heißt, dass man „ihn“ und nicht „ihm“ anruft, dass der Fußgänger nicht auf dem „Trotwar“ (Trottoir), sondern auf dem Bürgersteig geht und man anderswo eine Kutterschaufel Kehrblech nennt. Noch vor dem Hochdeutschen hatten wir Latein gelernt, als Ministranten in der vorkonziliaren katholischen Messe beim Stufengebet. Bloß dass wir, introibo ad altare Dei, ad deum qui laetificat juventutem meam, einfach nur blind auswendig leierten und keinen Schimmer hatten, was wir da eigentlich redeten. Im Schwäbischen aber fanden Klang und Bedeutung zu einer Einheit, selbst noch im Fluch, klassische Domäne des Dialekts, wenn der einen den anderen im Zorn einen „Granadaseggel“ heißt.

Hochdeutsch lernen war Pflicht für alle

Noch zärtlicher als in Stuttgart klang es bei den Großeltern in Altshausen, jenseits der Schwäbischen Alb auf halbem Weg an den Bodensee, wo sie Oraasche und nicht Orosche (mit offenem o) zu den Orangen sagen, aber auf gar keinen Fall Orangschen. Dort fiel für das Kind alles in prästabilisierter Harmonie zusammen: die liebliche Landschaft, die vielen Vettern und Bäsle, die Werkstatt vom Opa, dem Sattler, und die aufregende Metzgerei, wo man Sauä gmetzget hot, und die Wirtschaft der Patentante („Der Adler“), wo es Läberkäs, saure Nierlä und immer Spätzlä gab. Die Patentante im Oberland hieß Gotte, der Patenonkel in Stuttgart aber hieß Dette und nicht Gette, wie er im Oberland geheißen hätte, weil über der Donau drüben irgendeine der vielen Sprachgrenzen liegt, welche die Sprachwissenschaftler auf ihren Sprachatlanten penibel einzeichnen.

Erst in der Oberstufe kam der Bruch. Ich höre sie bis heute, die honoratiorenschwäbisch gefärbte Stimme von Frau Fetzer, der Klassenlehrerin, nachdem ich mein Referat beendet hatte. „Hank, wenn Sie sich Ihr Honoratiorenschwäbisch nicht abgewööhnen, wird aus Ihnen nie etwas.“ Das saß und war vor allem deshalb verstörend, weil ich gar nicht wusste, dass ich ein Honoratiorenschwäbisch sprach, weil ich eigentlich so sprach wie alle anderen, sieht man einmal ab von Bernd-Friedrich, meinem Nebensitzer, dessen Eltern von woanders waren. Die Warnung der Lehrerin wurde verpflichtender Auftrag, den ich spätestens in den ersten Semestern in Tübingen in die Tat umsetzte, indem ich mir nur Nichtschwaben zu Freunden aussuchte, von denen ich so lange ihre Art zu sprechen abhörte, bis irgendwann die Leute zu mir sagten, man höre gar nicht, woher ich komme – und ich stolz darauf war, nun ein bisschen heimatlos geworden zu sein.

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