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Schutzmaßnahmen auf Reisen : Tourismus unter der Haube

  • -Aktualisiert am

In Trastevere in Rom experimentieren Restaurantbesitzer bereits mit Plexiglasscheiben Bild: EPA

Wenn wir im Sommer verreisen, werden wir von Plexiglas umgeben sein: Scheiben im Flugzeug und Boxen am Strand sollen uns vor unseren Nachbarn schützen. Ist Plexiglas das Mittel der Stunde?

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          Alexandre de Juniac kann sich viel vorstellen. Nur eines nicht: „Den Mittelsitz leer zu lassen gehört nicht dazu“, betonte der Chef des Dachverbands der Fluggesellschaften Iata diese Woche in Genf. Natürlich ist das Zukunftsmusik. Abertausende Flugzeuge bleiben derzeit am Boden wie eine traurige Schar flügellahmer Zugvögel. Bis sich die Sitzreihen wieder derart füllen, dass Passagiere auf ihren Bordkarten überhaupt die unbeliebten Buchstaben B oder E einer Dreierreihe zu sehen kriegen, dürfte noch eine geraume Weile verstreichen. Doch selbst wenn die Grenzen wieder öffnen: Wer will dann schon zwischen zwei hüstelnden Fremden in den Urlaub fliegen?

          Portugal hat als erstes Land angeordnet, die Sitzplätze in Passagierflugzeugen um ein Drittel zu reduzieren. Derweil preisen nicht nur Billigfluggesellschaften, die besonders eng bestuhlen, die Luft in ihren Maschinen als so rein wie in einem Operationssaal. Was technisch durch ausgeklügelte Filtersysteme und Frischluftzufuhr machbar erscheint und auch von den Virologen des Robert Koch-Instituts gestützt wird. Sie haben bisher keine einzige Ansteckung in einem Flugzeug gezählt. Weshalb also sollten die Airlines die maximale Auslastung auf 62 Prozent drosseln, wo doch die Gewinnschwelle bei 77 Prozent liegt? Die Konsequenz wären womöglich um rund die Hälfte teurere Flugtickets, warnt die Iata.

          Unsicherheit und Misstrauen können allerdings ansteckender sein als das Coronavirus. Das bringt manche Menschen auf Ideen. Paolo Dragos zum Beispiel. Dem Chef des italienischen Sitzeherstellers Aviointeriors schwebt vor, die Passagiere unter Hauben aus Plexiglas zu plazieren. Die in Latina südlich von Rom designten Modelle namens Glassafe erinnern ein wenig an Trockenhauben der 1960er Jahre, haben aber oben eine Öffnung – für den Fall des Druckabfalls müssen schließlich die Sauerstoffmasken erreichbar sein. Ein zweites Modell, nach dem römischen Gott Janus mit seinen zwei Gesichtern benannt, würde den Mittelsitz entgegen der Flugrichtung verkehren und den Gast bis hinunter zu den Armlehnen einschalen. Binnen zwei Monaten könne er die Schutzschirme liefern, verspricht Dragos.

          Leider ist es nicht kratzfest

          Überhaupt scheint Plexiglas neben Mundschutz das Mittel der Stunde zu sein. An Supermarktkassen, Bankschaltern oder anderen Verkaufsstellen haben sie längst Einzug gehalten. Neuerdings schirmen sich auch die Abgeordneten des Landtags von Schleswig-Holstein damit voneinander ab. Die Kollegen in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt sollen folgen. Was die gebeutelten Betreiber von Gaststätten sinnieren lässt, die Erfindung des deutschen Chemikers Otto Röhm aus dem Jahr 1933 in ihr Hygienekonzept zu integrieren und Stellwände nicht nur links und rechts der Tische zu installieren. Auch als Spritz- und Spuckschutz zum Gegenüber machen sie zumindest auf Twitter bereits Karriere.

          Keimfreie Outfits bei Air Asia.

          In Rimini und auf Mallorca gehen die Touristiker noch einen Schritt weiter: Kabinen aus Plexiglas sollen dort die Saison retten und die Branche vor dem Ruin. Erste Modelle zeigen Strände, auf denen sich Hunderte solcher Boxen aneinanderreihen, adrett möbliert mit jeweils zwei Liegestühlen und Sonnenschirm und Platz für die private Sandburg.

          Leider haben all die Ideen gleich mehrere Haken. „Plexiglas ist ziemlich bruchsicher, aber nicht kratzfest“, gibt Finn Rüscher zu bedenken, der für die Firma Zwintzscher an dem Auftrag für den Kieler Landtag arbeitet. In der Kombination mit Sand und Wind könnten die Kabinen-Bewohner also wohl bald das Meer nicht mehr sehen. Verflixt warm würde es in den vier Wänden überdies. Selbst an der Nord- und Ostsee.

          Paolo Dragos von Aviointeriors räumt ein, dass seine Plexiglas-Schutzschirme das Fluggewicht erhöhen würden. Damit würden sämtliche Versuche der Flugzeughersteller und Airlines zunichtegemacht, mit leichten Materialien den Treibstoffverbrauch und CO2-Ausstoß zu verringern. Gift für die Branche, die ohnehin als Klimakiller am Pranger steht. Andere Ausstatter winken deshalb gleich ab.

          Das knappe Gut

          Von den Kosten gar nicht zu reden. Denn die enorme Nachfrage nach Plexiglas hat die Preise sprunghaft in die Höhe schnellen lassen. Zahlreiche Hersteller klagen zudem bereits jetzt über knappe Rohstoffe.

          Bleibt also doch nur die Verpflichtung, wo möglich Abstand zu wahren, vor Reiseantritt die Temperatur zu messen und während des Fluges Mundschutz zu tragen? Die Idee der Fluglinien Air Philippines und Air Asia, ihr Kabinenpersonal in Schutzanzüge zu stecken, die an ein Dekontaminierungsteam nach einer Ölpest erinnern, hat jedenfalls wenig Begeisterung geweckt. „Ich für meinen Teil verzichte lieber die nächsten Monate auf das Reisen, als dass ich mich stundenlang mit Mundschutz in ein Flugzeug setze oder von vermummten Flugbegleitern bedienen lasse“, kommentierte ein Leser die Nachricht. Wohl dem, den nicht das Fernweh plagt.

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