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Galápagos-Inseln : Der Mensch ist nur ein Zacken in der Schöpfungskrone

Anmutig und zutraulich: Die Galápagos-Haie schnuppern gerne an Menschen. Und die Menschen müssen sich vor ihnen nicht fürchten. Bild: Agentur Bilderberg

Es gibt einen Ort, an dem man sich fühlt, als sei das Leben auf Erden nicht vier Milliarden Jahre, sondern erst ein paar Stunden alt: die Galápagos-Inseln in den Weiten des Pazifischen Ozeans.

          12 Min.

          Die verbotene Frucht der Versuchung ist grün wie eine Mamba, kaum größer als eine Mirabelle und soll im Mund so infernalisch brennen wie ein ganzes Bündel Chilischoten. Unser Führer zupft vorsichtig eine der Giftpillen vom Baum, verzerrt das Gesicht und sagt, dass sie im Magen wie eine Detonation wirke, die schlimmstenfalls zur Vertreibung aus dem Reich der Lebenden führe. Dann reißt er ein Blatt ab, fuchtelt mit dem Saft im Stiel herum und deutet einen Schmerzensschrei an, weil diese Flüssigkeit übelste Brandblasen auf der Haut schlägt. Übrigens sei es keine gute Idee, bei einem Tropenschauer unter den Ästen Schutz zu suchen, es sei denn, wir wollten einmal in einem Schwefelsäureregen stehen. Doch unser Führer hat auch Trost für uns parat: Wir müssen uns nur vom Giftapfelbaum der Galápagos-Inseln fernhalten, und schon glauben wir uns dem Garten Eden ganz nah. Denn er ist das einzige giftige Lebewesen des Archipels, auf dem die Natur den großen Friedenspakt der Arten geschlossen hat, ganz so, als stehe Galápagos der Sündenfall erst noch bevor. Kaum ein Lebewesen kennt hier Furcht, kaum eines hat Fressfeinde, und selbst alle Schlangen sind harmlose Nattern ohne diabolisches Verführungspotential.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Oder ist das nur Selbstbetrug? Ist Galápagos nicht der Vorgarten des Paradieses, sondern die Vorhölle auf Erden, nicht der Anfang aller Zeiten, sondern ihr schreckliches Ende? „Die Welt nach einem göttlichen Strafgericht“ glaubte ein schockierter Herman Melville zu sehen, als es ihn auf großer Walfangfahrt nach Galápagos verschlug und er sich hier lebendig begraben fühlte. „Dumpf und drückend, verkümmert und sonnenverbrannt“ kamen die Inseln Charles Darwin vor, während der spanische Bischof Tomás de Berlanga, der den Archipel auf seiner pazifischen Odyssee am 10. März 1535 entdeckte, schaudernd in seinem Bordbuch notierte: „Es ist, als habe Gott Steine regnen lassen.“ So niederschmetternd fand er diese Ödnis, dass er noch nicht einmal eine Standarte mit dem Wappen Kastiliens in den Boden rammte, um sie für seine Krone in Besitz zu nehmen. Erst 1832 erbarmte sich die junge Republik Ecuador der menschenleeren Inseln tausend Kilometer vor seiner Küste und annektierte sie - ohne zu ahnen, dass sie sich damit einen der kostbarsten aller Naturschätze gesichert hatte, eine Welt von so überwältigender Archaik, wie man sie kein zweites Mal auf dem Planeten findet.

          Feenwälder in Nebelwolken

          Wenn es die Erde seit einem Tag gäbe, dann entspräche das Alter von Galápagos der letzten Minute und an manchen Stellen sogar der letzten Sekunde dieses Tages. Seit lächerlichen fünf Millionen Jahren existieren die ältesten der Inseln, seit ein paar hunderttausend Jahren erst die jüngsten - erdgeschichtliche Wimpernschläge, die zusammen mit der gottverlassenen Menschenleere und extremen Isolation des Archipels in den Weiten des Pazifiks einen einzigartigen Naturraum geschaffen haben: Galápagos ist bis heute ein Brutkasten der Schöpfung, in dem nahezu alle Pflanzen und Tiere aus den Anfangstagen der Evolution noch immer unbehelligt von allen Zeitläufen und fast aller Zivilisation leben, ganz so, als sei die Erde hier erst ein paar Stunden alt und der Mensch noch längst nicht Mensch geworden. Es ist ein Kosmos wie aus einer Zeit vor der Zeit, geschmiedet von Vulkanen, geformt von den Gezeiten, bevölkert von Schiffbrüchigen aller Art, die fliegend oder schwimmend, als blinde Treibgutpassagiere oder verirrte Samenkörner im Gefieder diese jungfräulichen Inseln erreichten und aus der Vorhölle ihr persönliches Paradies schufen.

          Dieses Riesenschildkrötenbaby hat ein langes Leben vor sich und könnte eines fernen Tages seinen hundertfünfzigsten Geburtstag feiern.
          Dieses Riesenschildkrötenbaby hat ein langes Leben vor sich und könnte eines fernen Tages seinen hundertfünfzigsten Geburtstag feiern. : Bild: AP

          Alles, was Galápagos so einmalig macht, kann man bei einer Wanderung hinauf zur Sierra Negra auf Isabela erleben, einem der fünf aktiven Vulkane, die gemeinsam mit ihren drei erloschenen Brüdern diese Insel schaumgeboren haben. Anfangs führt der Weg steil nach oben durch Feenwälder in Nebelwolken, in denen hundert verschiedene Farnarten wohnen und sich Guava-Bäume ihre zotteligen Flechtenbärte vom Wind des Humboldt-Stroms kraulen lassen. Schmetterlinge und Libellen flattern wie Fabelwesen durch diesen Wald, in dem es leise zischt und zirpt und eine vollkommen furchtlose Ratte mit provokanter Langsamkeit vor uns den Pfad kreuzt, ein eingeschleppter Eindringling, der nicht auszurotten ist und sich offensichtlich die Lebensphilosophie der vor nichts und niemandem zitternden Galápagos-Bewohner zu eigen gemacht hat.

          Zerschnitten bei lebendigem Leibe

          Noch in dichten Wolken erreichen wir den Kraterrand, so wattiert, als seien wir in den Himmel aufgestiegen. Doch die Mittagshitze verwandelt das Dickicht zuerst in Schleier, dann in Nichts, und so starren wir plötzlich in eine riesenhafte Arena mit dichten grünen Rängen herab, zehn Kilometer im Durchmesser, eine der größten Calderas eines aktiven Vulkans. Zur Hälfte ist sie mit Lava gefüllt, der Auswurf des letzten Ausbruchs aus dem Jahr 2005. Wie Schokoladenraspel kräuselt sich dieser Lava-Kratersee und verführt uns, zu ihm hinabsteigen, um nachzuprüfen, ob er nicht doch aus einer verlockenden Süßspeise besteht - was reiner Selbstmord wäre, denn die Lava ist glasscherbenscharf, weil sie sich mit abrupter Gewalttätigkeit abgekühlt hat, und außerdem so fragil, dass ein Mensch sofort in ihr einbrechen, bei lebendigem Leibe zerschnitten und in einem Glasscherbenmeer ertrinken würde.

          Kein Leben gibt es da unten, keine Pflanze, kein Tier, nur die todbringenden Eingeweide der Erde, die irgendwann, in ein paar hunderttausend Jahren, fruchtbarer Boden sein werden, so wie es die Landschaft rund um den Chico, einen Seitenvulkan der Sierra Negra, ein paar Kilometer weiter schon andeutet. Die apokalyptische Leere wird von einem Flaum wagemutiger Vegetation gemildert, von Lava-Kakteen vor allem, die sich einsam wie Markierungspfähle des künftigen Lebens in den schwarzen Stein krallen, manche stolz und stark, andere umgestürzt und aufgeplatzt, weil es bei weitem nicht alle Pioniere schaffen, hier zu überleben. Dazwischen klaffen gespenstische Löcher im Boden, die geradewegs ins Erdinnerste zu führen scheinen, während Dutzende von Miniaturvulkanen wie die Schlote von Höllenschlunden aus der steinernen Wüstenei ragen und wir in jedem Augenblick damit rechnen, dass ein Luziferlein mit Dreispitz hervorlugt.

          Das Mysterium aller Mysterien

          Ganz hinten am Horizont sehen wir schon die wuchernde Vegetation in der Ebene, die den Kampf gegen die Lava gewonnen hat, nichts als grüne Unberührtheit, in der kein Mensch jemals seine Spuren hinterlassen hat, nichts als die dröhnende Stille der totalen Zivilisationslosigkeit. Hundertzwanzig Kilometer könnten wir jetzt nach Norden wandern, ohne einem Haus, einem Zaun, einem Masten, einer Menschenseele zu begegnen, weil Isabela viereinhalbtausend Quadratkilometer groß ist, aber nur dreitausend Einwohner hat, die sich ausnahmslos in Puerto Villamil an der Südküste zusammendrängen wie eine verängstigte Herde in der großen Leere. Alles andere ist Natur im Rohzustand, Landschaft als Urmasse, der Blick mitten hinein in die prähistorische Werkstatt der Evolution.

          Musterbeispiel der genetischen Anpassung: Die Meeresechsen lernten schwimmen, als sie merkten, dass das Nahrungsangebot im Ozean besser ist als an Land.
          Musterbeispiel der genetischen Anpassung: Die Meeresechsen lernten schwimmen, als sie merkten, dass das Nahrungsangebot im Ozean besser ist als an Land. : Bild: F1online

          Als Charles Darwin im Oktober 1835 nach fünf Wochen Forschungsaufenthalt den Archipel wieder verließ, schrieb er: „Ich fühle mich auf Galápagos dem Mysterium aller Mysterien ganz nah: dem Entstehen neuen Lebens auf Erden.“ Es waren die frechen Galápagos-Finken, die Darwin, ihren künftigen Namenspatron, das bis dahin Undenkbare denken ließen. Er stellte fest, dass sich die Schnabelform der Vögel je nach Nahrungsangebot auf den einzelnen Inseln unterschied. Und er kam zu dem einzig möglichen Schluss: dass sich die Finken im Laufe der Zeit an ihre Umgebung angepasst hatten, dass sie also nicht für alle Zeiten unveränderlich von Gott erschaffen worden waren, sondern sich - wie alle anderen Arten auch - genetisch verändern können.

          Algen schmecken viel besser als Gras

          Das war eine unfassbare Gotteslästerung, deren wissenschaftlicher Richtigkeit wir auf den Inseln pausenlos begegnen. Unser zarter Löwenzahn hat sich hier als Überlebenskünstler in den mächtigen, zwanzig Meter hohen Scalesia-Baum verwandelt. Die Opuntien haben sich einen dicken Stamm mit Rinde gegen die Anfeindungen der Natur zugelegt. Und der Galápagos-Leguan stellte eines Tages fest, dass die Algen im Meer viel besser schmecken als das dürre Gras an Land. Also mutierte er als einziger Leguan der Welt zu einem maritimen Wesen, das sich wie ein Fisch im Wasser bewegt, allerdings auch immer wieder auf den heißen Lava-Steinen aufwärmen muss, um nicht zu erfrieren.

          Im Dutzend, manchmal auch als ganze Hundertschaften liegen die Meeresechsen überall auf den Inseln herum, dekorative Miniaturdinosaurier mit missmutigen Gesichtern, die ebenso furchteinflößend aussehen, wie sie harmlos sind, und dauernd niesen müssen, um auf diese Weise das Salzwasser von ihren Tauchgängen wieder loszuwerden. Wir würden diesen Galápagos-Schnupfdrachen gerne ein Taschentuch zum Schnäuzen reichen, was zumindest theoretisch kein Problem wäre, denn alle uns bekannten Naturgesetze sind hier außer Kraft gesetzt. Nicht die geringste Angst haben die Echsen vor uns Menschen, nicht das geringste Zucken bemerken wir, als wir uns ihnen bis auf zwei Meter nähern, denn Fluchtreflexe sind ihnen völlig fremd.

          Methusalem im Unterholz

          Stattdessen liegen sie mit aufreizender Arroganz auf ihren Sonnensteinen und scheinen nur eine Botschaft für uns bereit zu haben: Wir gehören zu den auserwählten Arten, die es geschafft haben, auf diesem grundwasserlosen Archipel zu überleben, dessen gesamte Biodiversität kleiner ist als die eines einzigen Urwaldbaumes im ecuadorianischen Amazonas. Wir also sind die Härtesten der Harten, die Schlauesten der Schlauen, die Zähesten der Zähen. Wir sind der lebende Beweis für Charles Darwins Doktrin des „Survival of the Fittest“ und müssen vor niemandem Angst oder Respekt haben, schon gar nicht vor den Menschen, die hier nicht die Krone der Schöpfung, sondern allenfalls eine Zacke in der Krone sind - und die in ihrer Naivität glauben, dass Galápagos ein friedfertiges Laboratorium der Schöpfung sei. Dabei ist es ein noch viel größerer Friedhof der Evolution voller Tiere und Pflanzen, die hier gescheitert sind.

          Inseln im Nichts: Aufgrund seiner extremen Isolation im Pazifischen Ozean konnte der Galápagos-Archipel zum Laboratorium der Evolution werden.
          Inseln im Nichts: Aufgrund seiner extremen Isolation im Pazifischen Ozean konnte der Galápagos-Archipel zum Laboratorium der Evolution werden. : Bild: dpa

          Dass Darwins Überlebensregel des Fittesten nicht zwingend etwas mit Fitness zu tun haben muss, beweist kein anderes Lebewesen so eindrucksvoll wie die Galápagos-Riesenschildkröten, die wie ins Groteske vergrößerte Karikaturen ihrer kontinentalen Schwestern aussehen und als monströse Irrläufer der Evolution so selbstverständlich durch das Unterholz der Inseln kriechen wie bei uns die Kaninchen. Im Laufe der Jahrtausende sind sie aus Ermangelung an natürlichen Feinden immer mächtiger geworden, wiegen heute bis zu dreihundert Kilogramm und werden wahrscheinlich knapp zweihundert Jahre alt, so dass die ehrwürdigsten Exemplare Darwin noch persönlich kennengelernt haben könnten - vielleicht war das ja jenem namenlosen Giganten da hinten in der Zuchtstation von Isabela vergönnt, der sich im Zeitlupentempo ein Schattenplätzchen sucht und in Momenten größerer Agilität dafür sorgt, dass die kolossale, evolutionäre Kuriosität der Galápagos-Schildkröte nicht ausstirbt.

          Frischfleischreserve für Freibeuter

          Die Zuchtstationen des Archipels sind eine der größten Erfolgsgeschichten des Naturschutzes überhaupt und noch immer eine absolute Notwendigkeit, weil die Eier und Jungtiere die Leibspeise eingeschleppter Ratten oder verwilderter Schweine und deswegen die Überlebenschancen der Kröten in freier Wildbahn minimal sind. Die Jungtiere verbringen ihre ersten fünf, sechs Lebensjahre in den Stationen, und ein Blick in die Gehege mit den Tieren der verschiedenen Altersstufen genügt, um zu wissen, dass dieses geduldige Aufpäppeln keine übertriebene Fürsorge ist. Die Kröten schlüpfen als Winzlinge, sind nach ein paar Monaten und selbst nach zwei Jahren noch immer possierliche Tierchen, denen man ihre künftige Monstrosität beim besten Willen nicht ansieht. Aber schon jetzt bewegen sie sich mit einer solchen trägen Gelassenheit, als wüssten sie genau, dass sie alle Zeit der Welt haben.

          Wenn die Stunde der Fütterung schlägt, ist es mit der Trägheit indes vorbei. Dann stürzt sich Blutjung und Uralt in gieriger Unersättlichkeit auf das saftige Elefantenohr, schubst vorlaute Artgenossen ruppig beiseite, stopft das Grün mit erstaunlicher Ausdauer und Geschwindigkeit in sich hinein und hört nicht eher auf zu schmatzen und zu schmausen und zu schlemmen und zu schlingen, bis kein Bissen mehr übrig ist - um dann wieder in den Trott der Galápagos-Genügsamkeit zu verfallen und reglos unter einem Baum zu verdauen. Das kann bis zu einem Jahr dauern, solange halten es die Riesenschildkröten ohne Wasser und Futter aus, weswegen sie in früheren Zeiten von vorbeisegelnden Freibeutern und Walfängern als Frischfleischreserve zu Zehntausenden an Bord genommen wurden.

          Sträflingskolonie mit sadistischer Hausordnung

          So wurden fünf der fünfzehn Unterarten ausgerottet und die übrigen zehn an den Rand des Verschwindens gebracht. Wäre nicht 1959 in letzter Sekunde der Galápagos-Nationalpark gegründet worden, gäbe es seither nicht den kompromisslosen Konsens der Weltgemeinschaft, diesen Naturschatz unter allen Umständen zu bewahren, hätte sich nicht der Tourismus zum mächtigsten Schutzwächter von Flora und Fauna entwickelt, dann wären die Riesenschildkröten, von denen heute wieder geschätzt zwanzigtausend Exemplare über die Inseln trotten, wahrscheinlich nichts weiter als eine vergessene Episode der Evolution.

          Ein berauschend schöner Anblick: Meeresschildkröten sieht man in den Gewässern rund um Galápagos so häufig wie früher Heringe in der Ostsee.
          Ein berauschend schöner Anblick: Meeresschildkröten sieht man in den Gewässern rund um Galápagos so häufig wie früher Heringe in der Ostsee. : Bild: plainpicture/Minden Pictures/Bir

          Doch der Tourismus ist ein janusköpfiger Beschützer, Fluch und Segen, Überlebensgarant und Lebensbedrohung, Bewahrer und Veränderer zugleich. Aus Puerto Villamil, früher einem von Gott und allen guten Geistern verlassenen Fischernest, das in den fünfziger Jahren eine Sträflingskolonie mit sadistischer Hausordnung war und nur einmal pro Jahr von einem Versorgungsschiff angelaufen wurde, hat er ein blühendes Fremdenverkehrsdörfchen voller Freiluftrestaurants und Strandbars, Tauchschulen und Kleinstsupermärkte, Backpacker-Hostels und den ersten Vierhundert-Dollar-Hotels gemacht. Noch sind die Straßen Sandpisten, noch fühlt man sich wie in der touristischen Prähistorie einer kaum wachgeküssten Hippie-Exklave, noch trinkt man in der „Casa Rosada“ sein Flaschenbier am Strand in Gesellschaft von Meeresschildkröten und Seelöwen, Fregattvögeln und Flamingos wie ein Robinson Crusoe mit Internetanschluss. Doch eines nahen Tages wird aus der Piste eine Promenade werden, aus der Bierkaschemme eine Lounge und aus dem Unschuldsparadiesgarten der Rucksackreisenden ein Ziel für Menschen, die sich einen Galápagos-Urlaub so viel kosten lassen wie andere eine Weltreise.

          Goldrochenschwärme in Fliegergeschwaderformation

          Recht voll wird es schon heute, wenn an der Mole von Puerto Villamil die Ausflugsboote zum Schnorcheln ablegen. Doch das vergisst man sofort, sobald man unter Wasser ist und den Meeresechsen voll und ganz recht gibt: Im Ozean ist der sonst so karge Galápagos-Archipel viel schöner, bunter, abwechslungsreicher als an Land, ein maritimes Zauberreich, durch das die Leguane keinen Meter von den Schnorchlern entfernt mit Paddelschlägen ihres Schwanzes wie ein Krokodil durchs Wasser gleiten, die eigenartigsten Wasserwesen, die wir jemals gesehen haben, weil sie im Meer so deplaziert wirken wie Löwen oder Kamele. In den Höhlen der unterirdischen Lava-Labyrinthe schlafen Horden von Weißspitzenhaien, die uns nach den friedvollen Begegnungen mit all den anderen Tieren nicht mehr den geringsten Schrecken einjagen, pittoresk umrahmt von Goldrochenschwärmen in Fliegergeschwaderformation, die tatsächlich so golden glänzen, als seien ihre Flügel mit Blattgold überzogen. Und fast schon eine Plage sind die Meeresschildkröten, die farbenfrohen, formschnittigen Schwestern der Landschildkrötenkolosse, die im Dutzend so elegant wie Kraniche ihre Runden um uns ziehen und immer ein Lächeln im Gesicht zu haben scheinen, vielleicht weil sie sich nicht selbst zur Last fallen müssen, sondern sich über die Gesetze der Schwerkraft lustig machen dürfen.

          Auch über Wasser herrscht an der Lava-Küste Hochbetrieb. Pinguine, die sich irgendwann aus der Antarktis hierher verirrt haben, watscheln wie die Charlie Chaplins des Tierreichs über die Klippen. Blaufußtölpel schießen wie Kamikaze-Piloten im Sturzflug aufs Wasser herab, um sich Fische zu schnappen. Und Seelöwen, die frechsten, vorlautesten, eitelsten aller Tiere auf Galápagos, posieren für die Touristenkameras mit gerecktem Hals und gespreizten Flossen, als gäbe es dafür Top-model-Noten. An einer einzigen Stelle, einer mächtigen Lava-Zunge, dürfen wir an Land gehen. Hier hat die Natur Bleigießen gespielt, das tausend Grad heiße Gestein innerhalb einer halben Sekunde auf dreißig Grad abgekühlt und dabei einen Stichkanal geformt, hundert Meter lang und so eng wie der Landdurchstich bei Korinth - ein ideales Versteck, das Dutzende von Riffhaien für sich entdeckt haben, um dort dösend ihre Tage zu verbringen. Wie Koi-Karpfen in einem Zierteich drängeln sich die Raubfische in ihrem Kanal, so viele sind es, dass man trockenen Fußes ans andere Ufer käme, so unwirklich wirkt dieses Bild, dass wir uns beinahe in einer James-Bond-Kulisse wähnen.

          Die Verführungen des schnellen Geldes

          Das aber soll Galápagos niemals werden: eine bloße Kulisse für die touristische Spaßgesellschaft. Deswegen unterliegen die Inseln einem ganzen Katechismus von Regeln und Regulierungen. Nur drei Prozent der Landfläche darf von den jährlich 220000 Besuchern betreten und von den vierzigtausend Einwohnern genutzt werden, der Rest ist das verbotene Reich der Schöpfung. Nur siebenundsiebzig Schiffe dürfen Kreuzfahrten von Insel zu Insel anbieten, wobei ihre Routen und Landgänge per Satellit koordiniert und überwacht werden. Nur zwölf neue Hotelbauten sind für die nächsten Jahre genehmigt, wobei die Häuser maximal sechsunddreißig Betten und vier Etagen haben dürfen. Und allein Residenten der Inseln ist es vorbehalten, im Tourismus Geschäfte zu machen - eine Regel, die zum einen gerne mit Strohmännern umgangen wird und zum anderen ein hermetisches System mit unerfreulichen Nebenwirkungen geschaffen hat: einen kartellartigen Tourismus ohne externen Konkurrenzdruck und Qualitätsvergleich, dafür aber mit einem mitunter absurden Preis-Leistungs-Verhältnis. Wenn ein durchschnittliches Drei-Gang-Menü mehr kostet als in einem europäischen Sternerestaurant oder einer der vielen leidlich talentierten, mäßig interessierten, lausig informierten Nationalparkführer fast soviel Honorar nimmt wie ein New Yorker Spitzenpsychoanalytiker, läuft etwas falsch. Doch trotz solcher Maßlosigkeiten, trotz aller Verführungen des schnellen Geldes, trotz der epidemischen Korruption in Lateinamerika haben es die Inseln bisher geschafft, den goldenen Schnitt zwischen Tourismus und Naturschutz zu finden. Das ist vielleicht das größte Wunder.

          Vollversammlung der Pelikane: In der Bucht von Puerto Ayora herrscht immer Hochbetrieb.
          Vollversammlung der Pelikane: In der Bucht von Puerto Ayora herrscht immer Hochbetrieb. : Bild: AP

          Ein billiges Vergnügen ist eine Galápagos-Reise in keiner Hinsicht, und am teuersten ist sie an einem der dramatischsten Orte des Archipels: auf einem Hügel hoch über Santa Cruz, der am stärksten besiedelten Insel, auf dem die Pikaia Lodge, das beste Hotel von Galápagos, wie eine Trutzburg der Zivilisiertheit inmitten der ungebändigten Natur thront. Es ist der schönste Logenplatz für den Blick ins Laboratorium der Schöpfung, erbaut aus strengen Kuben mit riesigen Glasfronten und weit auskragenden Dächern, geschaffen als geometrisches Gegenbild zur Evolution aus weißen Betonwänden, schwarzen Lava-Quadern, kakaobraunem Teakdächern und Travertinböden im Karamellton.

          Die Welt der ersten Schöpfungstage

          Unendlich weit blicken wir hier auf das Meer und die Vulkane, auf karge Landschaften aus Akazien, Adlerfarn, Ambergewächsen, Kandelaberkakteen, Giftapfelbäumen, Jerusalemdornbüschen, entfernten Cousins jener Sträucher, aus denen Pontius Pilatus die Dornenkrone Jesu Christi flechten ließ. Wir blicken in eine Vergangenheit weit vor dem Anfang aller Geschichte, in eine Welt der ersten Schöpfungstage, halb wüst, halb leer und wieder erfüllt von dieser dröhnenden Stille der Leere, wie wir sie am Vulkan Chico erlebt haben, ein Anblick so berauschend, so beängstigend, so befremdend, dass er kaum auszuhalten ist - und erst recht nicht der Gedanke, in diesem Paradies da unten, das nie eines gewesen ist, ausgesetzt zu werden, um den Kampf des Überlebens ausfechten zu müssen wie einst die Schiffbrüchigen des Pazifiks, wie all die Meeresechsen und Darwin-Finken, Blaufußtölpel und Riesenschildkröten.

          Doch dann, im letzten Schein des Tageslichtes, kurz bevor diese Welt endgültig im tiefsten, stummsten, schwärzesten Nichts versinkt, kräht ein Hahn, bellt ein Hund, muht eine Kuh, und der Kellner fragt, ob er noch etwas Wein nachschenken darf. Wir nicken und sind heilfroh, auf unserem Feldherrenhügel der gottlosen Dekadenz in der Gewissheit zu sitzen, dass wir unsere Evolution schon hinter uns haben.

          Inseln der Haie, Drachen und Echsen

          Anreise: KLM (www.klm.de) fliegt täglich über Amsterdam von zehn deutschen Flughäfen nach Ecuador. Die Preise beginnen bei 890 Euro in der Economy Class, gegen einen kleinen Aufpreis kann die Comfort-Klasse gebucht werden. Man kann auch mit Lufthansa (www.lufthansa.com) über Bogotá oder Panama nach Quito und Guayaquil fliegen. Weiter geht es mit Gesellschaften wie Avianca (www.avianca.com), Latam (www. latam.com) oder Tame (www.tame. com.ec), Der Eintritt in den Park kostet 100 Dollar, das Visum 20 Dollar.

          Arrangements: Seit 2015 bietet der deutsche Spezialreiseveranstalter Galápagos Pro maßgeschneiderte Arrangements für die Inseln und Ecuador an. Man kann individuell oder als Gruppe reisen, zwischen allen Preisniveaus wählen, den Archipel bei einer Kreuzfahrt oder beim Inselhüpfen kennenlernen und nach Belieben Festlandprogramme dazu buchen. Deutschsprachige Mitarbeiter stehen auf den Inseln und in Quito bereit. Ein vierzehntägiges Inselhüpfen kostet mit Flug in der Nebensaison ab 2980 Euro pro Person, inklusive einer viertägigen Kreuzfahrt ab 3990 Euro. Tägliche Abreisen sind möglich. Informationen: www.galapagos-pro.com, Telefon: 069/71914030.

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