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Schnee und Streik in London : Mind the fog

Der Trafalgar Square am 12. Dezember Bild: dpa

Bitte ein Schritt nach dem anderen: London kapituliert vor dem Schneechaos, doch die Illusion von Kontrolle bleibt davon unberührt. Ein Tag an drei Flughäfen und einem Dutzend Bahnhöfen.

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          Winter in London, endlich mal wieder alles bestäubt. Von oben aus dem Flieger fällt der Blick auf langsam gleitende Eisinseln, Wolkentanker oder freezing fog, wie es später in den Nachrichten heißt, die sich wie die Bruchstücke einer riesigen Scholle ineinanderschieben, voneinander lösen, Landschaft darunter freigeben, und den trügerisch lachsfarbenen Morgen. Am Boden dasselbe Gefühl, auf jedem Rad, an jedem Ast ein Schneekleid, die ersten Fußgänger der Stadt wie verzaubert: London in Weiß, eine dumpfe, glückliche Einheit.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Eigentlich sollte alles geregelt sein. Tritt man am City Airport vor die Tür oder in Gatwick in die U-Bahn, erklären Stimmen, was zu tun ist, wenn man etwas sieht, das „nicht richtig“ aussieht: Bescheid geben – und die British Transport Police kümmert sich. Um alles, was nicht richtig aussieht! Toll. Ein paar Meter weiter auf den Stufen zur U-Bahn: „Bitte aufpassen, ein Schritt nach dem anderen, hetz dich nicht.“ Kann also nichts passieren in dieser Illusion totaler Sicherheit, auch wenn nirgendwo steht: Bleib zu Hause, wenn du nicht riskieren willst zu frieren, zu warten, stecken zu bleiben.

          Man muss es verstehen

          In diesem Fall ist es also der aufziehende Schneesturm, der „nicht richtig“ aussieht, in zweiter Instanz dann das Klima, aber für so viel Abstraktion ist gerade keine Zeit, ganz aktuell jedenfalls der Freezing Fog. Darauf ist niemand in London vorbereitet, so etwas passiert, wie ein Taxifahrer später bei Schritttempo sagt, einfach zu selten, das muss man verstehen. Also erst einmal eine Drei-Flughäfen-Erfahrung an einem Tag: Gatwick in seiner hässlichen Funktionalität, wo aus keiner Steckdose Strom kommt. London City, wo die Leute im Vorzimmer des Check-ins lungern müssen. Und Heathrow mit seinen klaustrophobischen Gängen. Dann die Erkenntnis: British Airways fliegt nicht mehr nach Frankfurt. Nicht von London City, und, aber das bleibt vorerst geheim, der Spannung halber, auch tags darauf nicht von Heathrow. Solange man hofft und sich noch was bewegt, solange es draußen sowieso dunkel ist und bleibt und derart ungemütlich, ist das auch nicht so schlimm.

          Dann aber in der Nacht der totale Stillstand. Auf Eis schlitternde Autofahrer, die ihre Wagen in Panik mitten auf der Straße stehen lassen. Reisende, die herumirren, die sich die Hände reibend an stillen Bahnhöfen stehen. Das frühe Aufstehen umsonst, weil die meisten Taxifahrer nicht aufgestanden sind, fliegt ja eh nichts. Nicht aufgestanden zu sein, wünschen sich auch die Mitarbeiter in den Hotels, die reihenweise Leute abweisen müssen und alles abkriegen. Die britische Freundlichkeit trotz allem, diese Bereitschaft, mitzufühlen. „Never mind“, sagt der Busfahrer, weil das Kleingeld ausgegangen ist. Und die Scham über den eigenen deutschen Groll, den sichtbaren Aufruhr. Wen immer man anfauchen möchte, es ist die oder der Falsche.

          Wer Geld hat und Nachrichten liest (der Ausnahmezustand bleibt), nimmt den Zug – aber schnell, weil schon bald ein Streik ansteht. Der Eurostar nach Brüssel ist auf Tage ausgebucht, aber er fährt noch, pünktlich sogar, und wenn man drinsitzt, stolz und triumphierend, sieht das Umland von Canterbury auf einmal wieder malerisch aus, und alle, die es geschafft haben, atmen durch. Über dem Eingang zum Abteil die Leuchtschrift: „Beleidigendes Verhalten wird nicht toleriert. Riskiere es erst gar nicht.“ Wo käme man hin. So im Warmen lässt sich ein Schneechaos auf Reisen doch gut aushalten.

          In der Krise träumen viele davon, endlich wieder reisen zu können – und vergessen, dass das Reisen schon vor Corona auch einige Probleme mit sich brachte. Weil es dort, wo man hinfuhr, dann doch nicht so schön war. Oder so schön, dass die Reisenden einen Nervenzusammenbruch bekommen. Manche Ziele müssten Beipackzettel bekommen, die über „unerwünschte Nebenwirkungen“ informieren. Wir haben deshalb Viel- und Wenigreisende um solche Beipackzettel gebeten. Vielleicht können sie in einer notwendigerweise reisearmen Zeit Erinnerungen wecken oder Vorfreude, Trost spenden oder helfen, die vertraute Umgebung mehr zu schätzen.

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