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Historische Skihallen : Schnee von gestern

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Der „Schneepalast“ in Berlin sollte schon 1927 die Lust auf Wintersport wecken. Bild: bpk / Kunstbibliothek, SMB / Bearbeitung F.A.S.

Schon vor fast hundert Jahren hat man in Berlin versucht, der Sehnsucht nach echtem Winter ein Zuhause zu geben – und den Schnee einfach selbst gemacht. Erfolg hatte die Idee dann erst in Wien.

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          Skifahren in Berlin? Genau das konnte man schon vor fast 100 Jahren, in den goldenen Zwanzigern, in einer Halle mit dem schönen Namen „Schneepalast“. Am Osterwochenende 1927 eröffnete er am Berliner Kaiserdamm im Rahmen der gigantischen Ausstellung „Das Wochenende“.

          Die Sportaufsicht beim Bau dieser Halle hatte der 1905 gegründete Deutsche Skiverband, auf 3000 Quadratmetern gab es einen großen und einen kleinen Sprunghügel für Sprünge bis zu 15 Meter, zwei Rodelbahnen sowie flache und steile Ski-Übungsflächen. Alles diente der „Förderung des Skilaufs, Erhöhung der technischen Fertigkeiten und Training der Skiläufer, Abhalten von Skikursen, Schauspringen, Ersatz der Skitrocken- und Skigymnastikkurse und als Rodelgelegenheit“, wie es in einem Zeitungsartikel hieß. Hinzu kamen Hindernislauf, Geschicklichkeitsübungen und „Ski-Scherze“. Von den vier überlieferten Fotos zeigen zwei die „Eis-Girls“, mehrere Dutzend Tänzerinnen beim Charleston auf den Skiflächen, im Zuschauerraum vor ihnen sitzt ein Orchester. Ein weiteres zeigt einen Rodler bei gemächlicher Fahrt und das vierte drei Frauen und zwei Männer beim Skifahren mit Holzbrettern und Bambusstöcken.

          Der Kaiserdamm war 1906, auf Wunsch Kaiser Wilhelms II., als Prachtstraße Richtung Westen angelegt worden. Die Ausstellung kann man sich am ehesten wie eine Reisemesse vorstellen. Damals war sie ein Novum und passte genau in die Zeit: Die Goldenen Zwanzigerjahre hatten noch großen Schwung. Ein Konjunkturhoch beflügelte die Wirtschaft und die Kultur. Die Menschen arbeiteten viel – und hatten vielleicht das erste Mal in ihrem Leben Freizeit, gewerkschaftlich errungen. Was tun? Berlin zählte vier Millionen Einwohner, und die wollten Brot und Spiele.

          Verhaltene Reaktionen

          Im Strandbad Wannsee, 1907 eröffnet, ging es damals zu wie heute in Rimini, 900.000 Besucher im Jahr 1927. Eine Reise – und auch nur an die Ostsee – konnten sich nicht viele leisten. Wer sich die Zeit nicht mit Kabarett, Varieté, Alkohol und Drogen um die Ohren schlug, war am Wochenende draußen. Was man dort alles machen könnte, wurde in dieser 50.000 Quadratmeter großen Ausstellung in einer Automobilhalle gezeigt. Diese neue Ausstellung werde zwar, schrieb das „Berliner Tageblatt“, „das Gesamtproblem des Wochenendes nicht lösen, aber zweifellos die Weekendidee in stärkerem Maße propagieren und praktische Gestaltungsmöglichkeiten zeigen“. Die gab es im Schneepalast zu sehen. Für dessen künstlerische Gestaltung holte man Emil Pirchan, Bühnenbildner, Allroundkünstler, Reformer. Nach Stationen in Wien und München war er Ausstattungschef der Staatstheater in Berlin, arbeitete mit Richard Strauss und Kortner.

          Und draußen vor den Berliner Türen gab es vor 100 Jahren auch mehr Schnee als heute. Obwohl durchgängige Wetteraufzeichnungen für Berlin erst nach dem Zweiten Weltkrieg begannen, sind einige interessante Klimadaten in den Archiven zu finden. So war etwa der Winter 1928/29 einer der kältesten des Jahrhunderts, mit 5 Grad unterm Temperaturdurchschnitt anderer Jahre. Am 11. Februar 1929 wurden in Berlin sogar minus 26 Grad gemessen. Manchmal gab es spät noch etwas Schnee, so schneite es am 13. Mai 1927 in Berlin. Und wann lag am meisten Schnee? Lang ist’s her: Am 6. März 1829 wurden in Berlin 80 Zentimeter Schnee gemessen. Richtig viel Schnee gab es auch, als ihn kein Mensch brauchen konnte: Im Kriegswinter 1917/1918. Das geht aus den meteorologischen Daten der Station Dahlem hervor. Ebenso, dass im Januar 1924 in Berlin 15 bis 19 Zentimeter Schnee lagen. Fünf Jahre später waren es 25 Zentimeter. Wenn die Straßen und Parks voller Schnee sind, so könnte man meinen, war auch die Lust der Berliner auf Skifahren ausgeprägt. Dem war aber nicht so. Der DSV-Vorstand nahm damals schriftlich Stellung zum Schneepalast. Ob dieser Kunstschnee Umwälzungen bringen würde, werde die Zukunft zeigen. Ungünstig sei der Eröffnungstermin gewesen, „da viele Skiläufer im Riesengebirge waren, um die guten Schneeverhältnisse noch einmal auszunützen“. Insgesamt verhielten sich die DSV-Mitglieder bei der Eröffnung „diesem völligen Novum gegenüber stark zurückhaltend, nur einige unentwegte Optimisten sahen das Problem des schneearmen Winters bereits gelöst“. Eine typische Berliner Herangehensweise also.

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