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Schlössertour durch Böhmen : Wenn wir nur endlich fertig wären

  • -Aktualisiert am

In den Fünfzigern diente Grabštejn dem tschechischen Landwirtschaftsministerium. Danach war Cranachs Renaissance-Madonna unter dem Orangenbaum unauffindbar. Bild: picture-alliance

In Tschechien gibt es mehr mehr als zweitausend Adelssitze – trutzige, leichte und erinnerungsschwere. Und fast alle warten darauf, renoviert zu werden.

          6 Min.

          Fünfhundert Jahre lang war sie da. Dann verschwand sie, und heute weiß niemand, wo die „Madonna unter dem Orangenbaum“ aus der St.-Barbara-Kapelle des tschechischen Schlosses Grabštejn – deutsch Grafenstein – geblieben ist. Gesichert scheint, dass keiner aus der gräflichen Familie Clam-Gallas, die 1945 enteignet und ausgewiesen wurde, Gelegenheit fand, einen Lucas Cranach unter dem Mantel fortzutragen , um ihn in Wien wieder an die Wand zu hängen. Heute befindet sich in der Kapelle eine Kopie: Das Jesuskind auf Marias Schoß streckt die Hand nach einer Orange aus, die nackte Knäblein aus dem Baum geschüttelt haben.

          Wo immer die beiden heute sind, und wer immer sich verstohlen an dem Original weidet, die Madonna ist eins der leichter zu verschmerzenden Opfer des Zweiten Weltkriegs, der im Dreiländereck von Tschechischer Republik, Deutschland und Polen eine Spur unsäglichen Leids gezogen hat. Nordböhmen mit den tschechischen Regionen Ústí und Liberec war und ist eine verträumte, geschwungene Landschaft voller Wiesen, Weinberge, Sonnenblumenfelder und schwarzer Äcker, gesäumt von den bewaldeten Wellenkämmen erloschener Vulkane und durchsetzt von kleinen Städten, denen Tradition und fehlende Industrie Ortskerne mit gotischen Treppengiebeln hinterlassen haben. Doch – die griesegrauen Ränder, die Plattenbauten, die zugemauerten Fenster, den abgeschlagenen Putz, die gibt es auch. Aber die Vergangenheit gibt sich gotisch, barock oder kaisergelb. Das Wort Sudetenland spricht keiner der Schlossführer aus, die uns drei Tage lang Adelssitze im Böhmischen Mittelgebirge zeigen, auch nicht das Wort Konzentrationslager.

          Täglich sechzig Tonnen Brot

          Theresienstadt – Terezín – lernen wir als eines der größten Festungsbauwerke der Welt kennen, 1790 vom österreichischen Kaiser Josef II. gegen Angriffe aus dem Norden erbaut, über tausendreihundertfünfzig Hektar groß, eine ganze Stadt hinter gezackten Bastionen, uneinnehmbar, niemals wirklich berannt, vor zweihundert Jahren „super modern“, sagt Jiří Hofman, ein junger Mann, der über Festungsbau forscht. Mit ihm stehen wir lange auf der Kreuzung zweier unterirdischer Gänge. Die Kerzen in den Grubenlaternen flackern, vierunddreißig Kilometer lang sind diese aus Ziegeln gemauerten Minengänge, perfekte Sprengfallen; die Festung zudem von Gräben umschlossen, die bei Bedarf durch die Eger geflutet werden konnten. Diese Ausmaße! Von Theresienstadt aus konnte die ganze österreichische Armee medizinisch versorgt werden. Die Bäckerei lieferte täglich sechzig Tonnen Brot.

          Terezin: Eine der größten Festungen der Welt.
          Terezin: Eine der größten Festungen der Welt. : Bild: picture-alliance

          Hofman bedauert, dass der Staat die Gedenkstätte für das KZ in der kleinen Festung, die außerhalb der Bastion und jenseits des Friedhofs für die Opfer liegt, zwar aufwendig erhalte, aber kein Geld für die Festung erübrigen könne. Mit dem Bus fahren wir rasch einmal durch die Stadt, das ehemalige Ghetto, Durchgangslager für Zehntausende von Juden auf dem Weg nach Auschwitz und Treblinka, „der Stall vor dem Schlachthof“, wie Ruth Klüger Theresienstadt nannte. Bis zum Jahr 2000, bevor das tschechische Militär abzog, war Terezín eine Kommune mit achttausend Einwohnern und zweiundfünfzig Bierstuben. Eine ist noch übrig in einer staubigen Geisterstadt mit verschlossenen Rollläden, zerbrochenen Dächern und leeren Parks – nichts, was man Reisenden auf dem Weg zu den böhmischen Schlössern gern als Erstes zeigen möchte.

          Alle Rechnungen verbrannt

          Die Tschechische Republik hat mehr als zweitausend Adelssitze. Sie alle zu erhalten übersteigt den Etat. So bleiben die Grotten – das Feinste und Exotischste von Schloss Ploskovice bei Litoměřice – bis auf Weiteres geschlossen. Eine Großherzogin, Anna Maria von der Toskana, hatte sich diese spätbarocke Spielerei für ihre Sommerresidenz ausgedacht. Ein acht Kilometer langer Kanal leitete Wasser aus den Bergen in die Gewölbe unter dem Schloss und ließ zahllose, mehrstöckige Brunnen wallen und sprudeln, die von umhertollenden nackten Gestalten, Fischen und Fabelwesen umkränzt sind. Das Prestige für Anna Maria war enorm, die Kosten mussten gigantisch gewesen sein. „Sie hat alle Rechnungen vernichtet“, sagt Jana Zinandlova, die Kastellanin von Ploskovice, „damit niemand wusste, wie teuer es kam.“ Eine Restaurierung überstiege heute die staatlichen Möglichkeiten. „Erst ein neues Dach“, seufzt Frau Zinandlova, dann der wiederhergestellte Barockgarten, die Fresken im Gartensaal. Ein Seitenflügel ist eingerüstet. Ihr Traum nach fünfundvierzig Jahren als Kastellanin: „Dass wir endlich fertig werden.“

          Schloss Ploskovice: Eine Großherzogin, Anna Maria von der Toskana, hatte sich diese spätbarocke Spielerei für ihre Sommerresidenz ausgedacht.
          Schloss Ploskovice: Eine Großherzogin, Anna Maria von der Toskana, hatte sich diese spätbarocke Spielerei für ihre Sommerresidenz ausgedacht. : Bild: picture-alliance

          Schön hergerichtet ist die Stadt Litoměřice – Leitmeritz – am Zusammenfluss von Eger und Elbe. Auf ihrem zwei Hektar großen, mit huckeligen schwarzen Steinen gepflasterten Marktplatz stehen ausladende Eichen, Brunnen, Autos und eine aufblasbare Leinwand fürs Freiluftkino. In der Gaststube der Biskupský pivovar – der Bischofsbrauerei – kommt Böhmisches auf den Tisch. Die Speisekarte liest sich wie ein Höllenbrevier für Veganer: Gebratene fleischige Schweinerippen in Bier-Marinade, Rindfleischwangen in Rotwein mit Wurzelgemüse, gebratenes Knie auf Bischofsbier. Wessen Knie? Es schwimmt in einer Lagune aus köstlicher Tunke, umlagert von den Riffen fester bleicher, glänzender Knödel. Dem etwas zarteren Geschmack empfiehlt der Chef Bischofs Hühnerschnitzel. Der Bischof erscheint an jedem ersten Advent in der Brauerei, um das Bier zu segnen. Ob vom Segen oder der Braukunst – das Helle schmeckt himmlisch.

          Ein märchenhafter Look!

          Schön ist Úštěk – Auscha –, auf einem Felssporn gelegen, mit einer Stadtburg in der Mitte, einer gelben spätbarocken Kirche am Marktplatz, einer erhaltenen kleinen Synagoge – ein Deutscher wohnte seinerzeit darin – und der kopfsteingepflasterten Hauptstraße, die nicht so aussieht, als habe man in den vergangenen hundert Jahren dort nennenswerte Architektur errichtet. Die Ausstatter des Films „Jojo Rabbit“, eines satirischen Zweite-Weltkrieg-Dramas mit vielen netten Nazis, der zu Teilen in Úštěk gedreht wurde, waren begeistert von dem „märchenhaften Look“ der kleinen Stadt, ihren Arkaden, den intakten spätgotischen und barocken Bürgerhäusern und der Abwesenheit modernen Schnickschnacks wie Telefonkabel, Schaufenstern oder abstoßender Beschilderung.

          Úštěk mit seinen Arkaden, den intakten spätgotischen und barocken Bürgerhäusern und der Abwesenheit modernen Schnickschnacks.
          Úštěk mit seinen Arkaden, den intakten spätgotischen und barocken Bürgerhäusern und der Abwesenheit modernen Schnickschnacks. : Bild: ddp

          Úštěk, Stadt mit fünf Buchstaben und drei Akzenten, ist ein Beispiel für die tschechische Sprache, in der eine mit angelsächsischen oder romanischen Idiomen angestäubte Reisende rein gar nichts versteht oder entziffern kann. Das bringt Ruhe in die Betrachtung und eine Ergebenheit in das, was man ihr erzählt. In Böhmen wurde seit Jahrhunderten europäische Politik gemacht. Die Porträts der Protagonisten hängen in ihren Schlössern – die österreichischen Kaiser, die Prinzen, Feldmarschälle und Generäle, Alfred von Wallenstein, Matthias Gallas –, „blutige Hähne“ nach Bertolt Brecht, aber das Große blieb lange das Große, und es empfahl sich nicht, als Untertan geboren zu sein, ein Wort, dem man unterwegs öfter begegnet.

          Ein Heervernichter und Trunkenbold

          Zum Beispiel auf Burg und Schloss Frýdlant, dem Sitz des kaiserlichen Generalissimus Wallenstein. Im Dreißigjährigen Krieg, auf der Höhe seines Ruhms, besaß er als Herzog von Frýdlant rund ein Fünftel des Königreichs Böhmen. Nach seiner Ermordung 1634 wurde sein langjähriger Stellvertreter und aktueller Verräter, Matthias Gallas, vom Kaiser reich belohnt, unter anderem mit Schloss Frýdlant.

          Gallas, der Stammvater der Familie Clam-Gallas, der man in Böhmen an jeder Schlossecke begegnet – Herren über Grabštejn, Liberec, Frýdlant und Lemberk – war ein, wie man liest, glückloser Schlachtenlenker, „Heervernichter“ und Trunkenbold. Im großen Saal ist die ganze gräfliche Sippe zu besichtigen, eine Galerie hervorragend gekleideter älterer Freaks mit arroganten Schlafzimmeraugen und gewichsten Schnurrbärten, in Seidenstrümpfen, Pumphosen, Harnisch und Spitzenjabot. Der letzte, ein Franz, der 1930 auf Frýdlant starb, soll ein liebenswürdiger Vater von sieben Töchtern gewesen sein, der sich um seine – tja, Untertanen – kümmerte. In einer Vitrine ist ein vergoldetes Damenpantöffelchen ausgestellt, das ein Frauenhilfsverein „dem edlen Gönnerhause“ überreichte, Aschenbrödels Dank für eine großzügige Spende.

          Der letzte, ein Franz, der 1930 auf Frýdlant starb, soll ein liebenswürdiger Vater von sieben Töchtern gewesen sein
          Der letzte, ein Franz, der 1930 auf Frýdlant starb, soll ein liebenswürdiger Vater von sieben Töchtern gewesen sein : Bild: picture-alliance

          Vielleicht waren es dieser Franz und Familie, die bei der Modernisierung des Wohn- und Gästeflügels im Renaissanceschloss Frýdlant ein Wort mitredeten. Nicht ganz so opulent eingerichtet wie der Herrenflügel im ersten Stock, verfügten die Damen im Parterre jedoch über eine sanitäre Anlage mit fließend heißem Wasser, das aus einem mächtigen Heizkessel in der Kellerküche durch die Rohre floss. Badewanne, WC, warme Handtücher, Korbliegestuhl. Wer brauchte diese ganzen Waffen und Gehörne, diese Helme und Uniformen, wenn sie an einem Herbsttag von einem Ausritt über die Latifundien zurückkamen?

          Männerschlösser und Frauenschlösser

          Komfort war schließlich ein Privileg, und wo es nicht mehr passte, zog die Herrschaft um. So wurde der ältere Teil von Schloss Grabštejn – Renaissance auf gotischen Grundmauern – den Verwaltern und Beamten zugewiesen, während die Clam-Gallas in ein elegantes, klassisches weißes Haus zu Füßen der Burg zogen. Später waren oben Soldaten stationiert. Warum sie die Kamine kurz und klein schlugen, weiß der Führer nicht. Vielleicht fanden sie ein Lagerfeuer im Salon gemütlicher. In den Fünfzigern diente Grabštejn dem tschechischen Landwirtschaftsministerium. Danach war Cranachs Renaissance-Madonna unter dem Orangenbaum unauffindbar, und als in den Neunzigern die Restauratoren anrückten, mussten sie in einigen Prachträumen erst einmal Bäume fällen.

          Bild: lev

          Das Militär hat sich inzwischen ins untere Schloss verzogen. Früher wurden dort Grenzhunde abgerichtet, vierhundert zugleich. Heute sind es neunzig, die auf das Erschnüffeln verbotener Substanzen spezialisiert sind. Wenn sie nichts aufzuspüren haben, erfüllen sie den Park mit ihrem infernalischen Gebell.

          Zweifellos sieht ein Männerschloss anders aus als ein Frauenschloss, eine Immobilie, die der Gartenlust oder dem Ruhestand diente, anders als eine bessere Kaserne. Dem Schlösschen Velké Březno – Großpriesen – früher im Besitz der Familie Chotek, sieht man schon von Weitem seine zivilen Freuden an. Der Umbau im Stil der Neorenaissance mit Türmchen und Erkern fiel etwas kleiner aus als geplant, da eine Gattin in Monte Carlo einen Teil der Baukosten verspielt hatte, aber vielleicht ist sein Format ja auch ein Vorteil, eine Einladung.

          Gerne möchte man hier einziehen. Es gibt Dampfheizung und ein Badezimmer mit rankengemusterter Keramik. Die Sonne wirft blaue und rote Schatten auf die Fliesen. Es riecht warm, alt, nach Leder und Möbelpolitur. Auf jedem Tisch stehen Blumen, frische Erdbeeren und glasierte Torten, eine edle Kaffeetasse auf dem Sekretär. Die Türen von Bibliothek und Musikzimmer sind geöffnet, auf dem Klavier sind Noten aufgeschlagen: Foxtrott „Einmal rechts, einmal links“. Franz Liszt war bei den Choteks zu Gast, aber das hat er sicher nicht gespielt.

          Information: Broschüren und Landkarten gibt es bei der Tschechischen Zentrale für Tourismus, Wilhelmstraße 44, 10117 Berlin, Tel. 030 20447 70, www.visitczechrepublic.com, berlin@czechtourism.com. Informationen über die Region Ústí und Liberec: www.branadocech.cz/de und www.regopmliberec.de

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