https://www.faz.net/-gxh-9iqg5

Schlemmen statt Skifahren : Einmal Hochgebirgshummer mit Almaustern, bitte

Spargelfelder im Schnee oder doch ein eisiger Zen-Garten in Savoyen: Courchevels frisch präparierte Pisten lassen der Phantasie viel Raum. Bild: Baptiste Assémat/Courchevel Tourisme

Der französische Skiort Courchevel ist die Feinschmeckerhauptstadt der Alpen. Ein Dutzend Michelin-Sterne sind zwölf gute Gründe, den Schnee links liegenzulassen – wenn da nicht die Sache mit der Sehnsucht wäre.

          Ein Säugling muss er gewesen sein, als sich das Unglück ereignete, aus dem großes Glück erwachsen sollte, da ist sich Michel Rochedy ganz sicher. Er besitze ein Beweisfoto, das ihn mit acht, vielleicht zehn Monaten auf dem Arm seiner Mutter im elterlichen Gasthaus in der Ardèche zeige. „Sie rührt in einem großen Topf voller Flusskrebse, und ich muss in ihn hineingefallen sein, so wie Obelix in den Kessel mit Zaubertrank, denn seit ich denken kann, gibt es für mich nichts anderes als gutes Essen“, sagt Rochedy mit einem feinen und gar nicht so unernsten Lächeln. Ein gallischer Haudrauf von schlichtem Gemüt und gargantueskem Wildschweinappetit ist allerdings nicht aus ihm geworden, sondern ein hochdekorierter Koch, Gralshüter der Grande Cuisine und Mitglied der französischen Ehrenlegion. Mit zweiundachtzig Jahren steht Monsieur Michel noch immer Tag für Tag am Pass seines Zwei-Sterne-Restaurants „Le Chabichou“ in Courchevel, und wenn der Chef, eher Napoleon als Obelix, eher knorriger Ardèchois als rauflustiger Gallier, sein Reich mit einem knappen Gruß wie ein Küchenbrigadegeneral betritt, ruft seine Brigade zackig im Chor „Bonjour Patron“ zurück – nicht nur aus Gründen der Tradition und Disziplin, sondern auch, weil sie weiß, was sie und ganz Courchevel Michel Rochedy zu verdanken haben.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Das savoyische Bergdorf ist die Gourmet-Hauptstadt der Alpen, ein Schlaraffenland im Schnee für fortgeschrittene Feinschmecker, wie man es zwischen Montblanc und Großglockner kein zweites Mal findet. Zweitausendvierhundert ständige Einwohner teilen sich zwölf Michelin-Sterne – ein aberwitziges Weltrekordverhältnis –, dazu kommen zwei Dutzend ambitionierte Restaurants, die jedem österreichischen oder oberbayerischen Skiort zur Zierde gereichten, und allerlei gastronomische Trouvaillen, wie man sie andernorts in den Alpen kaum noch findet – lauter gute Gründe für uns, ausgerechnet im größten Skigebiet der Welt den Schnee links liegenzulassen und unseren Appetit ausschließlich am Tisch zu stillen.

          Das savoyische Bergdorf ist die Gourmet-Hauptstadt der Alpen.

          Das ist allerdings für jeden leidenschaftlichen Skifahrer ein hartes Brot, denn nirgendwo sonst in den Bergen sind die Welten des Wintersports und der Feinschmeckerei fester verwoben als in Courchevel – und nirgendwo sonst erlebt man das perfekter inszeniert als im Hotel Les Airelles, einem barocken Riesenchalet im pseudo-austro-ungarischen Stil voller Holzschnitzwerk, Lüftlmalerei, Kristalllüster, Kassettendecken und Brokatvorhänge. Das Personal trägt k.u.k.-Tracht, obwohl es mit der Doppelmonarchie nichts zu schaffen hat, das Ambiente erinnert an Maria Theresia, obwohl Les Airelles erst 1992 zu den Olympischen Spielen in Albertville eröffnet wurde, und die Bezeichnung Luxushotel ist eine starke Untertreibung, obwohl das Haus fünf Sterne zieren. Aus diesem Grund haben die Franzosen für solche Beherbergungsopulenz eigens die Kategorie „Palace“ eingeführt, von denen es gleich drei Stück in Courchevel neben sechzehn herkömmlichen Fünf-Sterne-Hotels gibt.

          Savoyischer Wermut statt Almdudler

          Der hungrige Skifahrer biegt direkt von der Piste zwischen zwei Tannen ab, erreicht nach zehn Metern das Hotel, hält aber erst einmal vor einer Hexenhütte, in der ein freundlicher junger Mensch in der schneeweißen Uniform der französischen Gebirgsjäger mit Barett und Knickerbockers schon auf ihn wartet. Er hilft beim Ausziehen der Skischuhe, deponiert sie in einem Wärmeschrank, nimmt dem Gast Helm und Jacke ab, reicht ihm flauschige Latschen und dazu Würste und Wein aus Savoyen, um ihn dann zum Mittagsimbiss ins Restaurant „La Table du Jardin Alpin“ zu geleiten. Dort wird man überschwänglich von Monsieur Roger in seinem roten Anzug empfangen, einer Mélange aus Restaurantleiter, Conférencier und Faktotum, der seit zwanzig Jahren für familiäre Stimmung im alpinen Garten sorgt.

          Die Skihütten haben Hummer und Austern, Kamtschatka-Krabben und Tataki vom roten Thunfisch mit Wakame, Shiso und Daikon auf der Karte und schenken Bordeaux Premier Grand Cru Classé aus.

          Der Mittagsimbiss im Reich des Monsieur Roger besteht aus einem ausladenden Buffet nicht mit austro-ungarischer, sondern italo-französischer Küche, auf dem sich Hummer, Austern, Gambas und Seepocken zu Montblancs der Meeresfrüchte türmen und Bresse-Hühner, Charolais-Rinder und normannische Lämmchen von den sterneerprobten Köchen fachgerecht tranchiert werden, während die Kellner am Tisch selbstverständlich die passenden Gerätschaften für Homard Royal und Fines de Claire in schwerem Silber reichen. Zur Verdauung genehmigen wir uns keinen primitiven Almdudler, sondern einen Génépi, den savoyischen Wermut aus der schwarzen Edelraute, bevor sich dann die Wege trennen: Die Skifahrer lassen sich von dem freundlichen Hexenhüttenmann in die Skistiefel helfen, und wir trösten uns damit, dass eine Siesta nach diesem dionysischen Mahl auch keine schlechte Idee ist.

          Im Grunde ist Michel Rochedy an Extravaganzen wie diesem Buffet schuld, denn ohne ihn wäre es mit Courchevel wohl niemals so weit gekommen. Nach Flusskrebsmalheur und Kochlehre nahm ihn der berühmte Drei-Sterne-Chef André Pic unter seine Fittiche, und nach Wanderjahren unter anderem im Pariser Nationalheiligtum „La Tour d’Argent“ verschlug es ihn Anfang der sechziger Jahre in die Berge von Courchevel. Dort erblickte er eine schöne junge Frau, verliebte sich sofort, heiratete sie auf der Stelle und kaufte mit ihr 1963 das Hotel Le Chabichou, das kaum mehr als eine bessere Pension in dem damals gerade erst erwachenden Retorten-Skiort war. Sie bauten es Schritt für Schritt zu einem schneeweißen Luxuschalet aus, und da die Jahre bei André Pic für Rochedy gleichermaßen Ehre und Verpflichtung waren, kochte er auch im Hochgebirge auf höchstem Niveau.

          Prada und Dior neben Bowling-Bahn und Asia-Imbiss

          Im Jahr 1979 wurde er dafür mit einem Michelin-Stern belohnt, was seinen Umsatz auf einen Schlag um sechzig Prozent erhöhte. „Das bekamen natürlich die anderen Hoteliers mit, die fast alle Köche waren, und nahmen sich an mir ein Beispiel“, sagt Rochedy, der 1984 mit dem zweiten Stern für seine Küche belohnt wurde, die kompromisslos Hochämter des kulinarischen Klassizismus mit Wolfsbarsch und Steinbutt, Trüffel und Täubchen zelebriert. Jetzt bestreitet er seine letzte Saison, weil seine Söhne das Hotel nicht übernehmen wollen, worüber Rochedy, Patron mit Haut und Haaren, Koch mit Leib und Seele, seine Melancholie nicht verbergen mag. Immerhin kann er mit der Gewissheit als Doyen der Spitzenköche Courchevels abtreten, ein großes Erbe zu hinterlassen. Und den Fortbestand der beiden Sterne wird sein Ko-Chef Stéphane Buron garantieren, der 2004 als „Meilleur ouvrier de France“ ausgezeichnet wurde – „mein Sohn im Geiste“, nennt ihn Michel Rochedy, dieses Mal mit einem sehr ernsten Lächeln.

          Gourmet-Gipfel mit Bonsai: Ein Gang in Michel Rochedys Zwei-Sterne-Restaurant „Le Chabichou“.

          Courchevel mag der vornehmste Skiort Frankreichs sein, ein französisches St.Moritz ist es aber nicht, keine Manege der Eitelkeiten voller Glitzer, Glamour und prunksüchtiger Grandhotels, sondern eine nonchalante Mischung aus Reichtum und Bodenständigkeit, Luxus und Lokalpatriotismus, klandestiner Dekadenz und uniformem Chalet-Stil. Die Haute Bourgeoisie der Grande Nation verbringt hier geschlossen ihren Winterurlaub, auch all die notorischen Schönen und Berühmten sind da, wollen aber lieber unerkannt bleiben, und selbst die neureichen Slawen passen sich der diskreten Tonlage an. Es gibt Paläste mit stratosphärischen Zimmerpreisen, aber auch Familienhotels wie Les Sherpas, in dem drei Generationen von der Großmutter bis zum Enkelkleinkind präsent sind und in dem es seit 1961 so unprätentiös zugeht, als sei man im Erholungsheim der Arbeiterwohlfahrt – was allerdings nicht ganz stimmt, denn Küchenchef und Schwiegersohn Nicolas Salley muss sich doch sehr den Bedürfnissen seiner Gäste anpassen und die Karte je nach Saison stark variieren: In der russischen Periode zur orthodoxen Weihnacht stapeln sich Trüffel und Gänsestopfleber auf den Tischen, in der Epoche der Briten kurz danach Rindfleisch in Aspik und allerhand Gelee.

          Sogar die üblichen Verdächtigen der Markenhocharistokratie, die von Dior, Fendi und Chopard bis zu Bulgari, Chanel und Valentino vollständig versammelt sind, geben sich mit einfachen Ladengeschäften zufrieden und fügen sich nahtlos zwischen Metzger, Bäcker und Apotheke ein. Die Juweliere haben kaum etwas unter fünfstellig in ihrer Auslage, bei Prada kostet die primitivste Skiausrüstung mit Hose, Jacke, Helm und Handschuhen fünftausend Euro, und die Pferdekutschen im Hermès-Design sehen aus wie rollende Fabergé-Eier. Doch mit derselben Existenzberechtigung gibt es einen Straßenmarkt voller Polyester-Pelz-Imitatjacken aus China und ein Einkaufszentrum mit Bowling-Bahn, Asia-Imbiss und Allerweltsmarken wie in jeder deutschen Fußgängerzone. Zwischen so viel Normalität ist allerdings auch Platz für einen Yacht-Broker, der Oligarchen-Kähne zum Dreißig-Millionen-Euro Schnäppchenpreis im Angebot hat, wahlweise auch zur Wochenmiete für hundertfünfzigtausend Euro.

          Ein fast unsichtbares Chalet zum Preis eines Wolkenkratzers

          Das passende Naschwerk für die Bootsfahrt könnte man sich in einer Chocolaterie mit dem selbstironischen Namen Piste Noire besorgen, in der Bio-Schokolade aus Ecuador, Peru und Tansania mit Amaranth, Ingwer, Zimt, Génépi oder Dulce de leche aromatisiert wird. Und die passenden Getränke haben Weingeschäfte wie Le Baricou parat, das zu Dekorationszwecken selbst bei strammen Minustemperaturen Prestige-Champagner von Krug, Roederer oder Moët&Chandon in Methusalem-, Salmanazar- und Nebukadnezar-Größe vor das Schaufenster auf den Gehsteig stellt. Zur Kundschaft gehörten viele Großfamilien und Großfreundesgruppen, die gerne Doppeldoppeldoppel-Magnum auf dem Tisch hätten, sagt man uns lapidar und verrät uns auch, dass die billigste Flasche im Laden, ein einfacher Bordeaux, siebzehn Euro kostet. Über die teuerste Bouteille hingegen wirft das Personal den Mantel eines freundlich lächelnden Schweigens.

          Das Skifahren durchdringt diesen Ort so stark, dass man gar nicht anders kann, als sich umgehend in den Schnee zu wünschen.

          Man muss aber kein Millionär sein, um als Gourmet in Courchevel glücklich zu werden, sondern nur in eines der vielen Spezialitätengeschäfte gehen, in denen Delikatessen aus Savoyen zu überaus genießerfreundlichen Preisen angeboten werden, die berühmten Käsesorten Tomme, Reblochon und Beaufort, feine, feiste Würste mit Morcheln, Champignons, Pistazien oder im Kleid aus drei Pfeffersorten und Berghonig, der sich nur so nennen darf, wenn er in Höhen jenseits der tausendfünfhundert Meter gewonnen wird. Natürlich gibt es für notleidende Gourmets auch Gänsestopfleber in der Familienpackung oder die Fünfzig-Gramm-Dose iranischen Beluga-Kaviar für 448 Euro, obligatorische Zutaten auf dem Einkaufszettel der Privatköche, die ihre Arbeit diskret in den Privatchalets verrichten. Das teuerste von allen, wird uns von einem Kenner zugeraunt, der dort Reparaturdienste leistet, sei das Anwesen eines Kanadiers mit fünftausend Quadratmeter Wohnfläche, das mitten im Skigebiet verborgen hinter hohen Bäumen liege, von außen wie eine bessere Holzfällerhütte aussehe und hundertfünfzig Millionen Euro gekostet habe – ein fast unsichtbares Chalet zum Preis eines Wolkenkratzers, das ist Understatement!

          Selbst das berühmteste Haus am Platz verzichtet auf imperialen Pomp, um sich stattdessen brav Courchevels Diskretionsgebot zu unterwerfen. Das Cheval Blanc, im Besitz des Multimilliardärs Bernard Arnault, des reichsten aller Franzosen, ist selbstverständlich auch ein „Palace“, sieht aber aus wie ein überdimensioniertes Chalet aus Holz und Granit und nicht wie das Schneeschloss eines Sonnenkönigs. Bei den Preisen lässt es allerdings alle Scham fallen. Würden wir hier im geräumigen Appartement eine Nacht logieren, abends aus Übermut eine 1947er Flasche des namensgebenden Bordelaiser Weinguts Cheval Blanc leeren – noch eine Spielerei von Bernard Arnault – und in einem schwachen Moment im hoteleigenen Louis-Vuitton-Shop, der aussieht wie ein Dschungel von Henri Rousseau, die hübsche Damenhandtasche aus blauem Krokodilleder für die Gattin erstehen, wären wir hundertdreizehntausend Euro los, und das ist kein Scherz.

          Eine Champs-Elysées im Schnee

          Für dieses Geld würden wir lieber sehr oft im Spitzenrestaurant des Hauses speisen, das seinen Namen „1947“ zu Ehren des besten Cheval-Blanc-Jahrgangs aller Zeiten trägt, mit seinen schneeweißen, kreisrunden Sonden über jedem der fünf Tische wie ein Raumschiff Orion mitten im Hochgebirge aussieht und als einziges Restaurant in Courchevel drei Michelin-Sterne hat – dank Yannick Alléno, des gegenwärtigen Superstars der französischen Haute Cuisine, der auch in Paris für sein „Ledoyen“ die Maximalbewertung erkocht und ausgerechnet den größten Ballast der klassischen französischen Küche in ihr größtes Pfund verwandelt hat: die Saucen. Wie das funktioniert, zeigt uns sein Chef exécutif Gérard Barbin, der immer dann die Stellung in den Bergen hält, wenn der Chef in einem seiner vielen Restaurants rund um den Globus am Herd steht. Alléno befreit die Saucen von Butterbombast und Aromentyrannei, indem er Gemüse, Pilze, Fisch oder Fleisch stundenlang bei achtzig Grad zu einer Bouillon ohne alle Geschmacksverstärker verkocht, dann die Flüssigkeit tiefgefriert, sie anschließend zum Auftauen auf ein Sieb legt und nur die abtropfende Essenz auffängt – als reinste Seele des Geschmacks, als tiefste Wahrheit eines Aromas.

          Man muss kein Millionär sein, um als Gourmet in Courchevel glücklich zu werden, sondern nur in eines der vielen Spezialitätengeschäfte gehen, in denen Delikatessen aus Savoyen zu überaus genießerfreundlichen Preisen angeboten werden.

          Wenn man Saucen einkoche, intensiviere man nicht den Geschmack, sondern ruiniere ihn, sagt Barbin und reicht uns zum Beweis eine Sellerie-Reduktion, die so umwerfend rein und klar nach Sellerie schmeckt, wie wir es noch nie gekostet haben. Mehr als hundert solcher Essenzen hat Alléno im „1947“ vorrätig, aus denen er wie bei einem Prestige-Champagner seine Saucen assembliert. Und aus Respekt vor dem Gebirge erweitert er seine Küche in Courchevel rigoros um regionale Produkte, lässt von Frühling bis Herbst Kräuter, Samen, Pilze, Moose, Flechten, Tannennadeln sammeln und konservieren, fermentiert, sauer eingelegt, getrocknet, immer auf ihren Eigengeschmack reduziert. In der Küche hängen zu Mumien verschrumpelte Sellerieknollen und Hochgebirgsschinken, nicht als Dekoration, sondern als Ingredienz, und auf dem Herd köchelt die savoyische „Steinsuppe“ in einer Cocotte, in der zwischen Gemüse und einem Brocken Salzfleisch tatsächlich ein Granit nicht nur zum Mineralisieren der Flüssigkeit liegt: Durch das Köcheln bewegt er sich leicht und püriert das Gemüse in der Suppe ganz vorsichtig, das Alléno dann in einem Ravioli serviert, während er den Suppensud mit Vin jaune verfeinert und seinen Gästen einen kleinen Stein zum Lutschen mit auf den Teller legt.

          Die Steine und Felsgrate, die schroffen Bergspitzen und herrlichen Ausblicke auf den Montblanc im Skigebiet von Courchevel bleiben für uns ein Sehnsuchtsziel von selbstgewählter, fast masochistischer Unerreichbarkeit. Denn das Skifahren durchdringt diesen Ort so stark, dass man gar nicht anders kann, als sich umgehend in den Schnee zu wünschen. Gondeln und Pisten beginnen und enden mitten im Dorf, fast jedes Hotel steht direkt an einer Abfahrt, Wintersportler in voller Montur wimmeln durch sein Zentrum, alle Blicke gehen hinauf in die Berge, deren Topographie wie erfunden ist für das Gourmet-Skifahren. Die Hälfte der Pisten sind grün oder blau, kaum zehn schwarze Abfahrten gibt es, und wer sich nicht ins Gelände wagt, kann in Courchevel und den beiden anderen Tälern der Trois Vallées auf sechshundert Pistenkilometern promenieren wie auf einer Champs-Elysées im Schnee. So weitläufig ist das Gebiet, so viele Optionen bietet es, dass man oft das Privileg einer Privatpiste genießt und selten länger als dreißig Sekunden am Lift anstehen muss.

          Ukrainische Oligarchen, britischer Adel, schoppentrinkende Einheimische

          Es ist nicht so, dass uns der Appetit aufs Essen verginge, aber manchmal ist die Skifahrerabstinenz schon ein Kreuz, denn der Schnee sieht von unten so appetitlich wie ein gigantisches Sahnebaiser aus. Er ist eine einzige Versuchung, doch wir bleiben standhaft, fahren ohne Bretter hinauf und wundern uns schon nicht mehr darüber, dass es dort kein Pisten-Halligalli mit Schirmbar-Besäufnis gibt, sondern Skihütten, die Hummer und Austern, Kamtschatka-Krabben und Tataki vom roten Thunfisch mit Wakame, Shiso und Daikon auf der Karte haben. Wir setzen uns erst an einen der offenen Kamine, dann draußen mit Lammfellen an ein Lagerfeuer, trinken dabei Bordeaux Premier Grand Cru Classé und fragen uns, wie wir jemals wieder die Selbstbedienungsrestaurants mit Plastikessen im übrigen Alpenraum ertragen werden.

          Weltrekord: Zweitausendvierhundert ständige Einwohner teilen sich hier zwölf Michelin-Sterne.

          Doch Courchevel wäre nicht Courchevel, wenn es im Herzen des Skigebiets nicht auch die Ferme Auberge d’Ariondaz gäbe, die hundertfünfzig Jahre alte Käserei von Bernard Chardon, der im Sommer hier oben fünfzig Kühe weiden lässt und im Winter seinen Raclette, Tomme, Beaufort und dazu savoyische Charcuterie serviert. Chardon trägt eine zerschlissene Skijacke, sein Pullover riecht nach Kuhstall, die Ferme hat den Charme eines Luftschutzbunkers, die Flasche Wein kostet fünfundzwanzig Euro, nicht fünfundzwanzigtausend, und immer montags spielt zum Raclette ein Akkordeonist auf – größer könnte der Kontrast zwischen dieser rustikalen Hochgebirgshöhle und den Chalet-Palästen unten im Ort nicht sein und größer auch nicht zwischen dem Publikum, das sich umstandslos aus ukrainischen Oligarchen, britischem Landadel und schoppentrinkenden Einheimischen zusammensetzt.

          Wir würden uns nicht wundern, wenn Bernard Chardon jetzt gleich durch die Tür käme und sich an unseren Tisch im Restaurant „Le Farçon“ setzte, in dem Julien Machet savoyische Bodenständigkeit auf Haute-Cuisine-Niveau hebt. Er kommt aus einer Skilehrerfamilie, hat fast sein gesamtes Leben in Courchevel verbracht und wurde so stark von der Küche seiner Großmutter geprägt, dass er ihr sein ganzes Tun widmet. Wie ihre gute Stube sieht sein Lokal auch aus, in dem helles Holz Wohnzimmeratmosphäre verbreitet, die Kaminscheite vor der Tür gestapelt sind und Häkeldeckchen die Platzteller ersetzen. Seit 2006 hat er einen Michelin-Stern und rechtfertigt diese Auszeichnung mit einem pochierten Savoyen-Saibling, der in einem Flussbettchen aus Champignons de Paris und Zitronencreme liegt, oder mit seinen Schnecken, die keine Kaugummis in Tellern mit albernen Vertiefungen sind, sondern zarte Bonbons in Kalbskopfbegleitung mit einem wunderbaren Nussaroma. Und beim Pfannengemüse mit Estragon-Sorbet, Tafelspitz und Sauce bourguignon aus autochthonen, roten Trauben hat man ein Courchevel en miniature auf dem Teller: lauter Kontraste aus kalt und heiß, fest und cremig, roh und sautiert, die sich miteinander ins beste Benehmen setzen.

          Raclette aus Tomme, Morbier und Blauschimmel

          Noch weniger würden wir uns allerdings wundern, wenn unser Käsemacher in der „Cave de Lys“ in Le Praz auftauchte, dem Ur-Courchevel fünfhundert Meter unterhalb des artifiziellen Luxus-Courchevel, einem entzückenden savoyischen Bergbauerndorf mit krummen Gassen, verwitterten Häusern und einer trutzigen Kapelle. Hier haben sich Camille und Rémy, sie Agraringenieurin und Köchin, er Käse- und Buttermacher, beide blutjung und voller Leidenschaft, in einem zweihundert Jahre alten Kuhstall mit dicken Granitwänden, schweren Holztischen und einem katakombengleichen Tonnengewölbe eingerichtet – und mit einem Butterfässchen, in dem wie zu Urgroßmutters Zeiten die Milch per Handkurbel zu Butter geschlagen und dann im Restaurant serviert wird.

          In einer Vitrine präsentiert Rémy seine Käse, aus denen Camille ihre Gerichte kocht, ein „Raclette créative“ nicht nur aus Raclette-Käse, sondern auch aus Tomme, Morbier und Blauschimmel oder ein luxuriöses Fondue nach Art des Hauses: Junger Comté, Raclette, Beaufort, Muskateller, Kirschschnaps, Muskatnuss, Senf, Knoblauch und getrocknete Bergblumen geben ihm ein hochkomplexes Aroma, das gar nichts mehr mit dem üblichen Käsekleister in den Touristenschuppen zu tun hat. Wir tunken unser Brot immer wieder in dieses herrliche Fondue, wir können gar nicht anders und denken uns dabei sehnsuchtsvoll ein neues Spiel aus: Wer sein Brotstückchen verliert, wird nicht wie bei Asterix und Obelix im See versenkt, sondern auf die Skipisten von Courchevel verbannt.

          Schlemmen in den Alpen

          Informationen im Internet über „Le Chabichou“ (www.chabichou-courchevel.com), Les Airelles und „La Table du Jardin Alpin“ (www.lesairelles.airellescollection.com), Cheval Blanc und „1947“ (www.chevalblanc.com/courchevel), Les Sherpas (www.hotel-les-sherpas.com) und „Le Farçon“ (www.lefarcon.fr). Allgemeine touristische Auskünfte sowie über „La Ferme Auberge“ und „La Cave de Lys“ unter www.courchevel.com

          Weitere Themen

          Alexander von Humboldt in Amerika Video-Seite öffnen

          Etappe 4 : Alexander von Humboldt in Amerika

          Der Humboldtstrom entlang der Küste Perus ist ein riesiges Ökosystem. Mit seinem nährstoffreichen Wasser aus der Tiefe ist der von Humboldt entdeckte Meeresstrom lebenswichtig für Fische Doch heute stört ihn der Klimawandel. Die vierte Etappe.

          Topmeldungen

          G-7-Gipfel in Biarritz : Jetzt wird es ungemütlich

          Bislang hat Donald Trump auf dem G-7-Gipfel in Biarritz alles und jeden gelobt. Doch an diesem Sonntag stehen die weltweiten Handelskonflikte auf der Agenda. Die Stimmung dürfte frostiger werden – auch bei Angela Merkel.

          Bundesbankpräsident Weidmann : „Ich sehe keinen Grund zur Panik“

          Die Aussichten für die Konjunktur trüben sich ein. Bundesbankpräsident Weidmann hält einen Großeinsatz der Geldpolitik aber für falsch. Im Interview spricht er über den drohenden Abschwung, übertriebene Angst vor Inflation – und warum die Zinsen noch tiefer sinken können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.