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Schlemmen statt Skifahren : Einmal Hochgebirgshummer mit Almaustern, bitte

Gourmet-Gipfel mit Bonsai: Ein Gang in Michel Rochedys Zwei-Sterne-Restaurant „Le Chabichou“.

Courchevel mag der vornehmste Skiort Frankreichs sein, ein französisches St.Moritz ist es aber nicht, keine Manege der Eitelkeiten voller Glitzer, Glamour und prunksüchtiger Grandhotels, sondern eine nonchalante Mischung aus Reichtum und Bodenständigkeit, Luxus und Lokalpatriotismus, klandestiner Dekadenz und uniformem Chalet-Stil. Die Haute Bourgeoisie der Grande Nation verbringt hier geschlossen ihren Winterurlaub, auch all die notorischen Schönen und Berühmten sind da, wollen aber lieber unerkannt bleiben, und selbst die neureichen Slawen passen sich der diskreten Tonlage an. Es gibt Paläste mit stratosphärischen Zimmerpreisen, aber auch Familienhotels wie Les Sherpas, in dem drei Generationen von der Großmutter bis zum Enkelkleinkind präsent sind und in dem es seit 1961 so unprätentiös zugeht, als sei man im Erholungsheim der Arbeiterwohlfahrt – was allerdings nicht ganz stimmt, denn Küchenchef und Schwiegersohn Nicolas Salley muss sich doch sehr den Bedürfnissen seiner Gäste anpassen und die Karte je nach Saison stark variieren: In der russischen Periode zur orthodoxen Weihnacht stapeln sich Trüffel und Gänsestopfleber auf den Tischen, in der Epoche der Briten kurz danach Rindfleisch in Aspik und allerhand Gelee.

Sogar die üblichen Verdächtigen der Markenhocharistokratie, die von Dior, Fendi und Chopard bis zu Bulgari, Chanel und Valentino vollständig versammelt sind, geben sich mit einfachen Ladengeschäften zufrieden und fügen sich nahtlos zwischen Metzger, Bäcker und Apotheke ein. Die Juweliere haben kaum etwas unter fünfstellig in ihrer Auslage, bei Prada kostet die primitivste Skiausrüstung mit Hose, Jacke, Helm und Handschuhen fünftausend Euro, und die Pferdekutschen im Hermès-Design sehen aus wie rollende Fabergé-Eier. Doch mit derselben Existenzberechtigung gibt es einen Straßenmarkt voller Polyester-Pelz-Imitatjacken aus China und ein Einkaufszentrum mit Bowling-Bahn, Asia-Imbiss und Allerweltsmarken wie in jeder deutschen Fußgängerzone. Zwischen so viel Normalität ist allerdings auch Platz für einen Yacht-Broker, der Oligarchen-Kähne zum Dreißig-Millionen-Euro Schnäppchenpreis im Angebot hat, wahlweise auch zur Wochenmiete für hundertfünfzigtausend Euro.

Ein fast unsichtbares Chalet zum Preis eines Wolkenkratzers

Das passende Naschwerk für die Bootsfahrt könnte man sich in einer Chocolaterie mit dem selbstironischen Namen Piste Noire besorgen, in der Bio-Schokolade aus Ecuador, Peru und Tansania mit Amaranth, Ingwer, Zimt, Génépi oder Dulce de leche aromatisiert wird. Und die passenden Getränke haben Weingeschäfte wie Le Baricou parat, das zu Dekorationszwecken selbst bei strammen Minustemperaturen Prestige-Champagner von Krug, Roederer oder Moët&Chandon in Methusalem-, Salmanazar- und Nebukadnezar-Größe vor das Schaufenster auf den Gehsteig stellt. Zur Kundschaft gehörten viele Großfamilien und Großfreundesgruppen, die gerne Doppeldoppeldoppel-Magnum auf dem Tisch hätten, sagt man uns lapidar und verrät uns auch, dass die billigste Flasche im Laden, ein einfacher Bordeaux, siebzehn Euro kostet. Über die teuerste Bouteille hingegen wirft das Personal den Mantel eines freundlich lächelnden Schweigens.

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