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Schlemmen statt Skifahren : Einmal Hochgebirgshummer mit Almaustern, bitte

Savoyischer Wermut statt Almdudler

Der hungrige Skifahrer biegt direkt von der Piste zwischen zwei Tannen ab, erreicht nach zehn Metern das Hotel, hält aber erst einmal vor einer Hexenhütte, in der ein freundlicher junger Mensch in der schneeweißen Uniform der französischen Gebirgsjäger mit Barett und Knickerbockers schon auf ihn wartet. Er hilft beim Ausziehen der Skischuhe, deponiert sie in einem Wärmeschrank, nimmt dem Gast Helm und Jacke ab, reicht ihm flauschige Latschen und dazu Würste und Wein aus Savoyen, um ihn dann zum Mittagsimbiss ins Restaurant „La Table du Jardin Alpin“ zu geleiten. Dort wird man überschwänglich von Monsieur Roger in seinem roten Anzug empfangen, einer Mélange aus Restaurantleiter, Conférencier und Faktotum, der seit zwanzig Jahren für familiäre Stimmung im alpinen Garten sorgt.

Die Skihütten haben Hummer und Austern, Kamtschatka-Krabben und Tataki vom roten Thunfisch mit Wakame, Shiso und Daikon auf der Karte und schenken Bordeaux Premier Grand Cru Classé aus.

Der Mittagsimbiss im Reich des Monsieur Roger besteht aus einem ausladenden Buffet nicht mit austro-ungarischer, sondern italo-französischer Küche, auf dem sich Hummer, Austern, Gambas und Seepocken zu Montblancs der Meeresfrüchte türmen und Bresse-Hühner, Charolais-Rinder und normannische Lämmchen von den sterneerprobten Köchen fachgerecht tranchiert werden, während die Kellner am Tisch selbstverständlich die passenden Gerätschaften für Homard Royal und Fines de Claire in schwerem Silber reichen. Zur Verdauung genehmigen wir uns keinen primitiven Almdudler, sondern einen Génépi, den savoyischen Wermut aus der schwarzen Edelraute, bevor sich dann die Wege trennen: Die Skifahrer lassen sich von dem freundlichen Hexenhüttenmann in die Skistiefel helfen, und wir trösten uns damit, dass eine Siesta nach diesem dionysischen Mahl auch keine schlechte Idee ist.

Im Grunde ist Michel Rochedy an Extravaganzen wie diesem Buffet schuld, denn ohne ihn wäre es mit Courchevel wohl niemals so weit gekommen. Nach Flusskrebsmalheur und Kochlehre nahm ihn der berühmte Drei-Sterne-Chef André Pic unter seine Fittiche, und nach Wanderjahren unter anderem im Pariser Nationalheiligtum „La Tour d’Argent“ verschlug es ihn Anfang der sechziger Jahre in die Berge von Courchevel. Dort erblickte er eine schöne junge Frau, verliebte sich sofort, heiratete sie auf der Stelle und kaufte mit ihr 1963 das Hotel Le Chabichou, das kaum mehr als eine bessere Pension in dem damals gerade erst erwachenden Retorten-Skiort war. Sie bauten es Schritt für Schritt zu einem schneeweißen Luxuschalet aus, und da die Jahre bei André Pic für Rochedy gleichermaßen Ehre und Verpflichtung waren, kochte er auch im Hochgebirge auf höchstem Niveau.

Prada und Dior neben Bowling-Bahn und Asia-Imbiss

Im Jahr 1979 wurde er dafür mit einem Michelin-Stern belohnt, was seinen Umsatz auf einen Schlag um sechzig Prozent erhöhte. „Das bekamen natürlich die anderen Hoteliers mit, die fast alle Köche waren, und nahmen sich an mir ein Beispiel“, sagt Rochedy, der 1984 mit dem zweiten Stern für seine Küche belohnt wurde, die kompromisslos Hochämter des kulinarischen Klassizismus mit Wolfsbarsch und Steinbutt, Trüffel und Täubchen zelebriert. Jetzt bestreitet er seine letzte Saison, weil seine Söhne das Hotel nicht übernehmen wollen, worüber Rochedy, Patron mit Haut und Haaren, Koch mit Leib und Seele, seine Melancholie nicht verbergen mag. Immerhin kann er mit der Gewissheit als Doyen der Spitzenköche Courchevels abtreten, ein großes Erbe zu hinterlassen. Und den Fortbestand der beiden Sterne wird sein Ko-Chef Stéphane Buron garantieren, der 2004 als „Meilleur ouvrier de France“ ausgezeichnet wurde – „mein Sohn im Geiste“, nennt ihn Michel Rochedy, dieses Mal mit einem sehr ernsten Lächeln.

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