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Insel der Schlangen : Biss zur Ankunft

  • -Aktualisiert am

Heimat der Lanzenotter: Queimada Grande Bild: João Marcos Rosa Barbosa da Souza

Auf Queimada Grande, vor der Küste Brasiliens, leben nur Giftschlangen. Und manchmal Vögel – aber nicht lange.

          3 Min.

          Der brasilianische Tierfotograf João Marcos Rosa hat das, was man starke Nerven nennt. Er ist im Amazonasbecken auf fünfzig Meter hohe Baumriesen geklettert, um Harpyien zu fotografieren. Sie zählen zu den größten Greifvögeln der Erde. Er war in Kolumbien im Gebiet der FARC-Rebellen, um den letzten Andenbären nachzustellen. Und Rosa reiste zu den Berggorillas an der Grenze von Uganda zur Demokratischen Republik Kongo. Aber so etwas hat auch der abenteuererprobte Brasilianer noch nicht erlebt. „Es war eine der kompliziertesten Expeditionen, die ich je gemacht habe: eine 1,5 Kilometer lange Insel mitten im Atlantik, keine Süßwasserquelle, aber Tausende von Schlangen.“

          Rosa kann sich dennoch glücklich schätzen, denn er ist einer der wenigen Menschen, die Queimada Grande betreten durften. Die Insel 32 Kilometer vor Brasiliens Südküste ist ein verbotener Ort, denn sie ist in der Regel ausschließlich dem brasilianischen Militär und einigen Biologen vorbehalten. Auf dem 200 Meter hohen Granitfelsen mitten im Atlantik leben keine Säugetiere, geschweige denn Menschen. Die Leuchtturmwärter haben die Insel vor Jahrzehnten verlassen, als das Leuchtfeuer automatisiert wurde.

          Viel giftiger als die Artgenossen?
          Viel giftiger als die Artgenossen? : Bild: João Marcos Rosa Barbosa da Souza

          Jäh erhebt sich der Granitfelsen aus dem Meer. Die raue See und die komplizierte Anlandung sorgen für quasi immerwährende Isolation. Er habe an vier Expeditionen nach Queimada Grande teilgenommen, erzählt Fotograf Rosa. „Bei allen dreien gab es Schwierigkeiten, bei einer konnten wir wegen des schlechten Wetters gar nicht landen.“ Doch das ist längst nicht alles, denn die Insel birgt ein Geheimnis, weswegen das Militär weniger regelmäßig, Biologen dagegen sehr regelmäßig hierherkommen: Auf Queimada Grande lebt eine einzigartige Population von Bothrops insularis, eine hochgiftige Lanzenotter, die nur hier vorkommt.

          Wer an Land geht, riskiert sein Leben

          Im „Atlas der Superlative“, der die „größten, schnellsten, längsten, heißesten, stärksten, riesigsten und gefährlichsten Rekordhalter der Welt“ listet, heißt es über Queimada Grande: „Wer an Land geht, riskiert sein Leben.“ Und genau deswegen zieht die Insel seit Jahrzehnten Wissenschaftler an. „Mit etwa 45 Schlangen pro Hektar ist Queimada Grande der Ort mit der zweitdichtesten Schlangenpopulation der Welt“, sagt Marcus Augusto Buononato. „Das wird nur von der Insel Shedao in China übertroffen.“ Buononato muss es wissen: Er arbeitete dreizehn Jahre lang im staatlichen Butantan-Institut und nahm an Dutzenden von Expeditionen auf die Insel teil.

          In Brasilien kennt jedes Kind Queimada Grande, die Insel mit den Schlangen.
          In Brasilien kennt jedes Kind Queimada Grande, die Insel mit den Schlangen. : Bild: João Marcos Rosa Barbosa da Souza

          Nach neuesten Untersuchungen gibt es etwa vier- bis sechstausend Schlangen auf dem nur 0,43 Quadratkilometer großen Atlantik-Eiland. Doch wie kamen die Tiere hierher, ohne schwimmen zu können? „Die Schlangen gelangten vor etwa 11.000 Jahren während der letzten Eiszeit nach Queimada Grande, als die Insel noch mit dem Festland verbunden war“, sagt der Herpetologe Breno Damasceno, der die Tiere seit 28 Jahren studiert. „Als die Eiszeit endete, stieg das Meer an und das, was einst ein Berg war, wurde wieder zu einer Insel. Seitdem sind die Schlangen von ihren Verwandten auf dem Festland getrennt.“

          Im Lauf der Evolution hat sich die Insel-Lanzenotter an die extremen Lebensbedingungen angepasst. Mit ihrem Greifschwanz kann sie im Gegensatz zu ihren Verwandten vom Festland bestens auf Bäume klettern. Dort wartet sie oft tagelang, bis ein Vogel des Weges kommt. Auch ihr Gift veränderte sich im Laufe der Jahrtausende. Über seine Stärke wird unter Wissenschaftlern gestritten: Einige Forscher wollen herausgefunden haben, dass das Gift von Bothrops insularis kaum stärker ist als das der Verwandten vom Festland. Andere Studien besagen, dass das Gift um ein Vielfaches tödlicher ist als das der Artgenossen. „Das Gift ist hochwirksam, es tötet sofort“, sagt Breno Damasceno. „Weil die Tiere hauptsächlich Vögel jagen, muss es das auch. Denn wenn ein Vogel wieder in die Luft gehen kann und dann irgendwann tot ins Meer stürzt, ist die Beute für die Schlange verloren.“ Laboruntersuchungen haben ergeben, dass das Gift Mäuse binnen zwei Sekunden tötet, größere Nagetiere in 20 Sekunden.

          Etwa vier- bis sechstausend Schlangen leben auf dem nur 0,43 Quadratkilometer großen Atlantik-Eiland.
          Etwa vier- bis sechstausend Schlangen leben auf dem nur 0,43 Quadratkilometer großen Atlantik-Eiland. : Bild: João Marcos Rosa Barbosa da Souza

          Trotz der enormen Zahl an Individuen auf Queimada Grande ist Bothrops insularis in Gefahr. Auf der Roten Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutzorganisation IUCN gilt die Art als vom Aussterben bedroht. „Das Ökosystem der Insel ist komplex und extrem verletzlich“, sagt Biologe Buononato. Es gebe auf Queimada Grande eigentlich nie genug zu essen. „Der Mangel an Nahrung wie Fröschen, Kröten, Eidechsen und Tausendfüßlern führt während der Trockenzeit zu Situationen, die wir von anderen Orten nicht kennen, auch zu Kannibalismus.“ Dazu kämen Feuer, der geringe Genpool aufgrund jahrtausendelanger Inzucht, der viele Tiere zu unfruchtbaren Zwittern mache, und der illegale Handel. Auf den Schwarzmarkt werden bis zu 25.000 Euro für eine lebendige Insel-Lanzenotter bezahlt. Das macht die Tiere sehr begehrt.

          Um im Fall eines Einbruchs der Population neue Schlangen auf der Insel ansiedeln zu können, werden derzeit gleich in mehreren Labors Tiere gezüchtet. Doch die Zeichen stehen nicht gut. Wird es in hundert Jahren noch Schlangen auf Queimada Grande geben? Breno Damasceno macht sich keine Illusionen. Die Spezies sei ein Irrläufer der Evolution. Man könne ihr Aussterben bestenfalls hinauszögern. „Isolation hat die Spezies geschaffen. Es ist gut möglich, dass die Tiere aufgrund ebendieser Isolation auch bald wieder verschwinden“, sagt der Herpetologe.

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