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Frankreich : Die ganze Erde zittert + schwankt

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Für jeden Toten eine Blüte? Der Klatschmohn trotzte aller Verwüstung und blühte sogar auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges. Bis heute ist er den Engländern deshalb Symbol der Erinnerung an die Gefallenen. Bild: Friedemann Bieber

Am 1. Juli 1916 begann die Schlacht an der Somme, der blutigste Kampf des Ersten Weltkriegs. Eine Reise auf den Spuren des Schriftstellers Siegfried Sassoon, der als englischer Offizier an der Somme kämpfte - und dort zum Kriegsgegner wurde.

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          Hier muss es gewesen sein, einige Schritte noch hinein ins Gerstenfeld: Dort, wo jetzt der Klatschmohn zwischen den Getreidehalmen blüht, trafen vor hundert Jahren Kingston Road und Sundown Avenue aufeinander, zwei britische Schützengräben. An dieser Kreuzung saß am 1. Juli 1916 der englische Schriftsteller und Offizier Siegfried Sassoon und verfolgte - soweit das Trommelfeuer es zuließ - den Beginn der „Schlacht an der Somme“. Gegen fünf nach zehn notiert er: „Eben meine letzte Orange gegessen. Ich blicke auf ein sonnenbeschienenes Bild der Hölle.“

          Jetzt ist es ruhig. Vögel zwitschern, und hält man einen Moment inne und lauscht, dann hört man, wie sich die Ähren im Wind wiegen. Zwei Hasen hoppeln über den Feldweg, schlagen einen Haken und verschwinden unter blühendem Holunder. Die wellige Landschaft schimmert grün und gelb, bis an den Horizont erstrecken sich volle Felder. Gerste, Weizen, Roggen, Raps. Dazwischen kleine Waldstücke und auf dem Kamm die Häuser von Fricourt. Nichts erinnert an damals.

          Am 1. Juli 1916 begannen Franzosen und Briten auf einer Länge von vierzig Kilometern eine Offensive, die zu einem der verlustreichsten Kämpfe überhaupt wurde. In Deutschland steht vor allem Verdun für die Schrecken des Ersten Weltkriegs, doch die Schlacht an der Somme war noch blutiger. In nur viereinhalb Monaten gab es mehr als eine Million Verwundete, Vermisste und Tote. Während sich in Verdun Deutsche und Franzosen bekriegten, schickte das Vereinigte Königreich Truppen aus dem gesamten Empire an die Somme - von Neufundland über Indien und Südafrika bis Neuseeland. Für die meisten war es ein traumatisches Erlebnis. Allein in den ersten Stunden starben neunzehntausend britische Soldaten, mehr als achtunddreißigtausend wurden verwundet - viel mehr als am D-Day oder an irgendeinem anderen Tag in der Geschichte des Königreichs.

          Soldatenfriedhöfe, auf denen Zehntausende ruhen

          „Seit 6 Uhr 30 ist die Hölle losgebrochen“, notiert Sassoon, der Offizier und Schriftsteller, am 1. Juli in eilig geschriebenen Zeilen in seinem schwarzen Notizbuch. „Die Luft vibriert von unablässigem Lärm - die ganze Erde zittert + schwankt + pocht - es ist ein einziges unaufhörliches Getöse.“ Sassoon, Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, hat sich kurz vor Kriegsausbruch freiwillig zum Militär gemeldet. Nun befehligt er einen Trupp der „Royal Welch Fusiliers“, einer Einheit aus Wales. Mit neunundzwanzig Jahren ist er deutlich älter als die meisten seiner Kameraden.

          Am ersten Tag der Offensive ist Sassoons Gruppe für den Munitionsnachschub zuständig. Einige hundert Meter hinter der Frontlinie protokolliert Sassoon die Ereignisse. Oft kann er kaum aus dem Schützengraben lugen, so stark ist der Beschuss durch Mörser und Maschinengewehre. „Inferno - inferno - bang - smash!!“ Darunter zeichnet Sassoon mit wenigen Tintenstrichen ein Gesicht, die Augen weit aufgerissen, die Haare stehen zu Berge.

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          Erster Weltkrieg : Der Blutsommer an der Somme Bild: AFP

          Folgt man dem Kornfeld, gelangt man nach hundert Metern an ein Bauerngehöft aus rotem Backstein. Im Hof steht ein kleiner Traktor, daneben ein aufgebockter weißer Renault. Eines der Hinterräder fehlt. Auf einem großen Schild steht: „œufs“. Kein Mensch ist zu sehen, nur ein Huhn tappt einsam über den Hof. Links führt eine Landstraße nach Fricourt, in den kleinen, knapp einen Kilometer entfernten Ort, den Sassoons Kameraden vor hundert Jahren einnehmen sollten. Klinkerbauten, gepflegte Vorgärten, eine Kirche mit Dorfplatz, das verschlafene Dorf mit fünfhundert Einwohnern und einer Bäckerei könnte überall liegen - wären da nicht die Soldatenfriedhöfe, auf denen Zehntausende ruhen.

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