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Ein Museum über Ekel : Lieber Schafsaugen oder Bullenpenis?

  • -Aktualisiert am

Klassiker der DDR: Diese diabolisch lächelnde Großmutter kannte jeder Ostdeutsche. Bild: Disgusting Food Museum Berlin

Was appetitlich ist und was nicht, ist immer eine Frage der kulturellen Perspektive: Das Disgusting Food Museum in Berlin schickt die Besucher auf eine kulinarische Weltreise des Ekels, inklusive Verköstigung.

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          Das fängt ja gut an. Beim Eintritt wird dem unbedarften Besucher kein Ticket, sondern eine Papiertüte in die Hand gedrückt, wie man sie aus dem Flugzeug kennt. Was kommt denn da auf uns zu? „Keine Angst, die Kotztüte hat bisher fast niemand gebraucht“, zerstreut Martin Völker die schlimmsten Befürchtungen. Er ist der Direktor des Disgusting Food Museum in Berlin und stellt eines gleich klar: Hier erwartet uns kein Dschungelcamp und kein Speise-Spuck-Spektakel, sondern eine wissenschaftliche Begegnung mit dem Phänomen des Ekels. „Ekel ist eine der sechs grundlegenden menschlichen Emotionen, und er ist über alle Kulturen hinweg gültig“, sagt Völker.

          Allerdings unterscheiden sich die Geschmäcker extrem, wie wir schon bald feststellen. Auf einem kleinen Tisch am Eingang steht ein Glasbehälter mit einer appetitlichen, bernsteinfarbenen Flüssigkeit: Reiswein, eine beliebte Delikatesse aus dem südlichen China. Beim genauen Hinsehen erst entdecken wir den Bodensatz: Hunderte von Mäusebabys ruhen dort in Schichten übereinander und schenken dem Getränk sein spezielles Aroma. Wie das wohl schmeckt, möchte man lieber nicht probieren. Völker musste es: „der Geschmack von Benzin, mit einem Hauch Verwesung“. Alle Mitarbeiter des Museums haben von den Exponaten gekostet, um den Besuchern authentisch Bericht erstatten zu können. Damit ist schon die erste Aufgabe des Museums erfüllt: die Hemmschwelle vor der Begegnung mit exotischen Speisen zu überwinden.

          Die Schlange wird gekühlt, bis sie ohnmächtig wird

          Wir betreten die Spirituosenabteilung. Das Etikett vom Dreipenisschnaps aus eingelegtem Robben-, Hirsch- und Hundepenis gibt nicht viel her, vielmehr wird unser Blick von der durchsichtigen Glasflasche mit der sich windenden Schlange angezogen. Die Zubereitung des Habushu aus Japan erfordert Geschick. Die Schlange wird gekühlt, bis sie ohnmächtig wird, ausgenommen, wieder zusammengenäht und in die Flasche gesteckt. Nach dem Auftauen erwacht sie kurz und stirbt dann in einer verzweifelten Kampfhaltung. Die Trinker versprechen sich davon eine Stärkung ihrer Kampf- und Manneskraft. Ebenfalls tierisch verfeinert, aber wesentlich sanfter ist der Casu Marzu, eine Delikatesse aus Sardinien. Vor uns liegt ein aufgeschnittener Pecorino, darin wuseln ein paar Dutzend Maden. Deren Kot soll dem Käse erst die richtige Note geben. Es empfiehlt sich allerdings, ihn mit geschlossenen Augen zu genießen, denn die Maden springen dem Genießer gerne ins Gesicht.

          Der Kot der Maden gibt die feine Note: Casu Marzu, eine Delikatesse aus Sardinien. Bilderstrecke
          Disgusting Food Museum : Lieber Schafsaugen oder Bullenpenis?

          „Ekel vor Speisen entsteht meist durch das, was wir sehen, manchmal aber auch allein durch das Wissen um die Zubereitung“, sagt Völker. Das gilt zum Beispiel für den Su Callu. Appetitlich liegt der Käse wie ein Säckchen vor uns, in jedem sardinischen Restaurant ist er der perfekte Abschluss einer gelungenen Mahlzeit – solange man seine Entstehung nicht kennt. Ein frisch geborenes Zicklein wird geschlachtet, sobald es zum ersten Mal Milch von der Mutter getrunken hat, der Magen mit der unverdauten Milch wird entnommen, mit Salz eingerieben und mehrere Monate lang getrocknet. Zum Essen wird die Magenwand aufgeschnitten und der Käse serviert.

          Jeden Morgen frisch aufgetischt

          Der Museumsraum ist hell und weitläufig, die Exponate liegen einzeln auf Tischen aus Edelstahl, alles wirkt wie eine Mischung aus Pathologie und Hipsterbar. „Wir wollten bewusst keine exotische Völkerkunde betreiben und auch keine schummrige Gruselkammer einrichten“, erklärt Völker sein Konzept, er selbst ist Dozent für Ästhetik. „Vielmehr soll es ein Lernort sein und dazu anregen, den eigenen Geschmackshorizont zu erweitern.“ So schlendern wir entspannt zum Bullenhoden, der frisch und glänzend vor uns liegt. Die Cowboys in Amerika klopfen ihn gerne flach, wälzen ihn in Mehl und Gewürzen, frittieren ihn und genießen so ihre „Prärie-Auster“.

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