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Sauerland : Zwei Minuten Sessellift

Gewimmel am Winterberg: Das halbe Ruhrgebiet und drei Viertel Hollands fahren hier am Wochenende Ski. Bild: Sandra Kegel

Alpines Skivergnügen ist etwas anderes. Trotzdem kann man in Winterberg im Sauerland seinen Spaß auf den Brettern haben. Nur kontaktscheu darf man nicht sein.

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          Man hatte uns gewarnt. Kommt bloß nicht zu spät, sagten sie schon am Telefon, als wir unser Wochenende planten, auf der Piste sei dann der Teufel los. So recht hatten wir es nicht geglaubt, waren dann aber in aller Frühe aufgestanden und im morgendlichen Nebel durch eine romantische Schneelandschaft Richtung Winterberg gefahren. Wir begegneten niemandem auf der einsam durchs Hochsauerland kurvenden Straße. Waren wir die Einzigen mit dem kühnen Plan, hier im deutschen Mittelgebirge Ski fahren zu gehen? Prompt erwischten wir in Winterberg, allzu sorglos geworden, den falschen Parkplatz und mussten zu Fuß erst noch einen Berg überqueren, um schließlich gegen halb zehn bei unserem Skiverleih anzukommen - und unseren Augen nicht zu trauen. Im Innern des Flachdachbaus drängten sich mindestens zweihundert Menschen in bunten Skianzügen um einen schmalen Tresen, hinter dem junge Männer Skier, Skischuhe und Skistöcke im Akkord ausgaben. Zwei Stunden dauerte unser Weg durch die Menge zum ersehnten Carver-Material, an dessen Ende vier Erwachsene und drei Kinder ihre Nerven, Lust und gute Laune verloren hatten. Der Skikursus für die Kleinen war längst auf und davon. Wer war bloß auf die Idee gekommen, im Sauerland Ski fahren zu wollen?

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Eigentlich war die Bahn schuld. Denn die hatte in ihrem Bordmagazin einen Bericht über den Skispaß von Winterberg gebracht. Und da wir, Eltern eines schulpflichtigen Kindes, ahnten, dass es in diesem Winter wohl nicht mehr klappen würde mit einem Skiurlaub in den Alpen, waren wir gleich Feuer und Flamme. Am nächsten freien Wochenende brachen wir auf und fuhren, seltsam genug, zum ersten Mal zum Skifahren in Richtung Norden.

          Unser Schnee muss planbar werden

          „Das größte Skivergnügen nördlich der Alpen.“ So wirbt das Sauerland für sich und baut dieses Image immer weiter aus, seit es vor zehn Jahren mit Hilfe des Landes Nordrhein-Westfalen einen Plan ausgetüftelt hat, um das dreizehntausend Einwohner zählende Städtchen vor dem schleichenden Ruin zu bewahren. Mit der Gesundheitsreform waren auch in Winterberg die Kurgäste ausgeblieben. Seither nennt man sich, zumindest zwischen Dezember und März, "Wintersport Arena Sauerland" - und pfeift auf die Ängste vor der Klimaveränderung.

          Während in den Alpen schon manche Piste abgebaut, schon mancher Hang renaturiert und manches Dorf zurückgebaut wurde, hält man sich hier an das Motto: Unser Schnee muss planbar werden. In zehn Jahren hat man fünfundsiebzig Millionen Euro in den Ausbau der Skiregion investiert, hauptsächlich in die künstliche Herstellung von Schnee sowie in hochmoderne Sesselliftanlagen für sechs oder acht Skifahrer pro Bank. An neunzig Tagen soll hier in der Saison der Carverschwung möglich sein.

          Kurzes Vergnügen von tausend Metern

          Heute ist auf jeden Fall so ein Tag. Zwar beschneien in Winterberg hundertsechzig Schneekanonen siebenundzwanzig Pistenkilometer. Doch vergangene Nacht hat sich der Schnee ganz von allein auf den Bergen rund um den 841 Meter hohen Kahlen Asten, den zweithöchsten Berg des Rothaargebirges, eingestellt. Jetzt kommt auch die Sonne hervor, wofür sogar die Tüftler von Winterberg bislang keinen technischen Ersatz erfunden haben.

          Die ersten Schwünge am Herrloh fühlen sich normal an. Die Pisten sind präpariert, und da sie meist leicht oder nur mittelschwer sind, kommen wir mit wenig Mühe relativ elegant den Berg herunter. Das Vergnügen ist allerdings kurz, denn die meisten Abfahrten sind schon nach tausend Metern zu Ende. Zweiundachtzig Pisten gibt es im Skiliftkarussell Winterberg rund um den 745 Meter hohen Poppenberg und den 809 Meter hohen Bremberg sowie am 732 Meter hohen Herrloh und der vierundvierzig Meter höheren Kappe. Von fast überall hat man die Skischanze St.Georg im Blick, die wie eine filigrane Riesenskulptur aus den fünfziger Jahren in den Himmel ragt. Und immer wieder sieht man junge Männer mit sehr langen Skiern, die in schwindelerregender Höhe auf die Schanze steigen, um ins Tal zu fliegen. Dann bleiben die Skifahrer auf den Pisten stehen und applaudieren. Das tun sie auch vor der Berghütte mit direktem Blick auf St.Georg.

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