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Sankt-Lorenz-Strom : Die stille Dramatik des Highway H2O

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Ein Fluss wie ein Meer: Die Schiffe auf dem Sankt-Lorenz-Strom würden auch einem Ozean zur Ehre gereichen. Bild: Volker Mehnert

Das gigantische maritime Eingangstor zu Nordamerika ist der Sankt-Lorenz-Strom. Doch an seinen Ufern zeigt er sich beschaulich – es sei denn, tollkühne Menschen kommen hier auf wahnwitzige Ideen.

          Geht’s hier nach China? Diese Frage stellten sich die französischen Entdecker um Jacques Cartier, die 1535 in den breiten Mündungstrichter des Sankt-Lorenz-Stroms hineinsegelten und auf eine Meerespassage in Richtung Orient hofften. Spätestens vor den gewaltigen Stromschnellen beim heutigen Montreal war der Traum jedoch vorbei; dort ging es für die Segelschiffe nicht mehr weiter. „La Chine“ nannte ein Spötter daraufhin diese turbulente Passage, und der Name hat sich bis heute gehalten: les Chutes de Lachine. Das gefährliche Hindernis freilich führte später zu einer urbanen Erfolgsgeschichte. Montréal entwickelte sich zunächst zur Drehscheibe des Pelzhandels und dann zum Bindeglied zwischen Atlantischem Ozean und nordamerikanischem Kontinent. Statt mit Segelschiffen nach China ging es anfangs mit Kanus Tausende Kilometer hinein ins unerforschte Hinterland. Das Schleusensystem des Saint Lawrence Seaway sorgt seit 1959 dafür, dass sogar Hochseeschiffe vom Atlantik aus bis zu dreitausendsiebenhundert Kilometer ins Landesinnere vordringen können. „Highway H2O“ ist die prägnante Kurzform für diese weltweit einzigartige Wasserstraße.

          Die französischen Seeleute des sechzehnten Jahrhunderts waren visionäre und abenteuerlustige Gesellen, aber einen brauchbaren Transportweg konnten sie damals im Sankt Lorenz nicht erkennen. Und erst recht kamen sie nicht auf die irrwitzige Idee, ausgerechnet dessen rabiate Stromschnellen mit einem Schiff zu bezwingen. Derartige Eskapaden sollten den Touristen des einundzwanzigsten Jahrhunderts vorbehalten bleiben. Sie besteigen heute Jetboote, die mit einer speziellen Entwässerungstechnik ausgestattet sind und sich deshalb in die wildesten Strudel hineinwagen können, angetrieben von Motoren mit dreizehnhundert Pferdestärken. Damit lässt es sich sogar an Stellen manövrieren, an denen die Stromschnellen die ansonsten kaum bezwingbare Klasse fünf erreichen. Dass Brillen, Kameras und Mobiltelefone am Ufer zurückbleiben müssen, deutet auf einen wilden Wellenritt hin, der sich dann auch prompt einstellt. Denn es geht nicht darum, die Strudel möglichst rasch und elegant zu meistern, sondern mit ihren Wellen und ihrem Drehmoment so zu spielen, dass alle Passagiere trotz Schutzkleidung und Plastikumhängen pitschnass werden. Für Sekunden sitzen sie bis zum Hals in der wirbelnden Strömung; die größten Wasserwalzen, passend „brainwash“ oder „flash flood“ getauft, spülen sogar über die Köpfe hinweg.

          Die verrückteste Veranstaltung des Winters

          Die Einheimischen allerdings treiben es noch toller: „La course en canots“ ist die verrückteste Veranstaltung des Winterkarnevals in der Stadt Québec, ein lebensgefährliches Unterfangen bei arktischen Temperaturen. Treibeis und tückische Strömungen verändern die Wasseroberfläche im Sekundentakt, während die mutigen Kanuten bei diesem Wettkampf den Fluss überqueren müssen. Kommen sie trotz wendiger Navigation nicht mehr voran, verlassen sie geschwind ihr Kanu, schieben es über die nächste Eisscholle, springen anschließend zurück ins Boot und hoffen, dass bei diesen Manövern niemand ins eiskalte Wasser fällt. Das Rennen erinnert an jene Zeiten, als es am Sankt Lorenz weder Brücken noch Eisbrecher gab und die Menschen den Fluss mit kleinen Booten überqueren mussten – ein erhebliches Risiko, denn jeden Winter schwemmt der Strom Millionen Tonnen von Eis aus dem Binnenland in den Nordatlantik, während es die Gezeitenströme gleichzeitig vor- und zurückschieben, so dass keine verlässliche Oberfläche entstehen kann. Angesichts des weißen, langsam treibenden Bandes nannten die Algonquin-Indianer den Fluss einen „Weg, der sich vorwärtsbewegt“.

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