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Sankt-Lorenz-Strom : Die stille Dramatik des Highway H2O

  • -Aktualisiert am

Das Stelldichein der großen Walfamilie

Nur wenige Menschen haben sich in den vereinzelten kleinen Dörfern niedergelassen, die der Wildnis trotzen. Man merkt allerdings sehr schnell, dass in Charlevoix nicht mehr die Pioniere von einst am Werk sind. Stattdessen haben sich allein zwischen Baie-Saint-Paul und Tadoussac mehrere hundert Künstler mit Ateliers und Galerien etabliert. Es mag hier nicht die legendäre Leuchtkraft der Provence herrschen, aber die kanadischen Maler schwören auf das Licht von Charlevoix, und ihre Bilder enthalten jene ganz besondere nordische Helligkeit, die der große Strom an seinen Ufern reflektiert. Das markanteste Kunstwerk freilich steht überdimensional in der Landschaft selbst: Das Hotel La Ferme in Baie-Saint-Paul ist die gelungene kubistische Abstraktion eines typischen kanadischen Bauernhofs mit Haupthaus, Scheunen und Silos, die vorher auf diesem Ufergelände am Sankt Lorenz standen. Auch die Gastronomie bemüht sich am Rande der Wildnis um gehobene Kochkunst, die inzwischen sogar von den anspruchsvollen Großstädtern aus Montreal geschätzt wird. Unterstützung bekommen die Köche von engagierten Schaf-, Schweine- und Geflügelzüchtern, von Produzenten, die Cidre aus Äpfeln, Birnen oder Pflaumen herstellen, von der Microbrasserie Charlevoix, die saisonale Biere braut, von Käsereien, Bäckern, Metzgern und Biobauern, die sich zur „Route des Saveurs de Charlevoix“ zusammengeschlossen und ein gemeinsames regionales Gütesiegel entwickelt haben.

Trotz dieser zivilisatorischen Errungenschaften bietet die Natur am Sankt Lorenz nach wie vor das eindrucksvollste Schauspiel. Beim Städtchen Tadoussac prallen drei unterschiedliche maritime Ökosysteme aufeinander: das Süßwasser des Sankt Lorenz mit den Sedimenten des halben Kontinents, die eiskalten Gebirgsgewässer aus dem Saguenay-Fjord und das Salzwasser, das die Gezeitenströme aus dem Atlantik hereindrücken. Daraus entsteht ein heftiges Gemenge aus warmen und kalten Strömungen, aus Süß- und Salz- und Brackwasser, aus dreihundert Meter tiefem Fjord und reißendem Strom. Die Folge ist eine überbordende Menge an Krill und Fischen, die ihrerseits die ganz großen Meeressäuger an diese maritime Kreuzung locken. Weiße Belugawale, die sich eigentlich nur in arktischen Gewässern aufhalten, Blauwale, die vom Aussterben bedroht sind, und Finnwale, die sich sonst selten in Küstenregionen zeigen, geben sich zusammen mit Buckelwalen und Zwergwalen im Sommerhalbjahr ein Stelldichein für ein monatelanges Festmahl. So viele Walarten zusammen lassen sich sonst nirgendwo auf der Welt von kleinen Ausflugsbooten und sogar vom Ufer aus beobachten.

Ist das der Weg nach China?

Beim Treffpunkt der Wale vor Tadoussac misst der Sankt Lorenz schon fünfundzwanzig Kilometer Breite und ist gerade noch als Strom zu erahnen. Weiter östlich weitet sich der Mündungstrichter rapide auf dreißig, sechzig und hundert Kilometer, und man weiß nicht mehr so recht, ob man an einem Flussufer oder bereits an der Atlantikküste entlangfährt. Hinter der Insel Anticosti schließlich verschwimmt der „Highway H2O“ endgültig in den Fluten des Ozeans – dort, wo Kapitän Cartier noch voller Zuversicht auf eine China-Passage spekulieren konnte.

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