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Sankt-Lorenz-Strom : Die stille Dramatik des Highway H2O

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Die schönste Stadt am Sankt-Lorenz-Strom: Québec mit dem Château Frontenac
Die schönste Stadt am Sankt-Lorenz-Strom: Québec mit dem Château Frontenac : Bild: Image Source / vario images

Der Strom präsentiert sich nun zunehmend maritim und maßlos. Allein die Dimensionen der Marschwiesen und Wattflächen, die er bei Ebbe freilegt, sind unermesslich. An seinen Ufern hingegen wehrt sich der Mensch gegen diesen Gigantismus der Natur mit einer zurückhaltenden Provinzialität. Eine bäuerliche Aristokratie, die hier seit vielen Generationen ansässig ist, baut Getreide und Mais an oder betreibt Viehzucht. Es sind die Erben jener „seigneuries“, die von der französischen Krone einst an Kolonisten vergeben wurden: Landgüter mit schmaler Front am Fluss und langgestreckten Grundstücken hinein in die Wälder des Hinterlands. Heute haben die Bauern Verkaufsstände für Eier, Kartoffeln, Spargel oder Erdbeeren am Straßenrand aufgestellt, neuerdings sieht man sogar den einen oder anderen Weinberg. Die beschaulichen Dörfer sammeln sich um trutzige Kirchen, die Holzhäuser sind bescheiden, die Gärten gepflegt, die Rasenflächen penibel gemäht, und sogar die Getreidefelder sind für kanadische Verhältnisse begrenzt und übersichtlich. Nichts erscheint provisorisch, alles ist sauber und ordentlich – gekehrt, geputzt und frisch gestrichen. Kamouraska am Südufer und Saint-Siméon oder Cap-Santé am Nordufer sind regelrechte Bilderbuchdörfer ohne den geringsten Makel, wie hergerichtet für einen unmittelbar bevorstehenden Schönheitswettbewerb. Und in vielen Gemeinden wirkt tatsächlich ein „Comité de Embellissement“, das sich um Verschönerung kümmert.

Nebel, Stürme, Treibeis, Lebensgefahr

Die Menschen haben sich hier niedergelassen und eingerichtet, pflegen ihr Eigentum und sind offenbar nicht, wie anderswo in Nordamerika, ständig auf dem Sprung zu einem neuen Wohnsitz oder auf der Jagd nach einem weiteren amerikanischen Traum. Alles erscheint deshalb in sich gekehrt, man ist froh, hier dauerhaft gelandet zu sein und nicht mehr aufs Wasser hinauszumüssen, nicht mehr wie einst wirtschaftlich abhängig zu sein von den Launen des großen Stroms. Man schaut zwar noch gern vom Wohnzimmer, von der Gartenlaube oder einem romantischen Sitzplatz unter Bäumen auf den Fluss, Stege für ein Boot jedoch sieht man kaum. Die „Route des Navigateurs“ ist längst kein Wasserweg mehr, sondern eine touristische Autostraße, die am Südufer entlangführt. Kleine Hafenanlagen und ehemalige Verladestationen sind dort umgewandelt in Aussichtsterrassen und Piers für Touristen. In Museen und auf Infotafeln am Straßenrand wird die maritime Vergangenheit der Region illustriert. Es sind Erinnerungen an eine Epoche, in der sämtlicher Verkehr nur über den Fluss abgewickelt wurde und die Verbindung zur Welt durch ihn allein garantiert, aber zugleich gefährdet war: durch Nebel, Stürme, Treibeis und gefährliche Strömungen.

In der Region Charlevoix am Nordufer des Sankt-Lorenz-Stroms reicht die Bergkette der Laurentides bis ans Flussufer heran, überwuchert von Laub- und Nadelwäldern. Die „Route du Fleuve“, die gebirgige Küstenstraße, führt wie eine Achterbahn ständig bergauf und bergab und erlaubt immer wieder dramatische Ausblicke auf den Fluss. Manchmal erreicht die Straße extreme zwanzig Prozent Gefälle, und hinter einer Kuppe meint man, direkt in den Sankt-Lorenz abzustürzen. Dieser Eindruck lässt sich sogar noch verstärken beim Skifahren auf den Pisten von Le Massif: Dort steigen die Hänge vom Ufer aus schroff in die Höhe, und fast alle Abfahrten sind so angelegt, dass man hinter jedem Buckel das Gefühl bekommt, mit einem kleinen Sprung im Wasser zu landen. Ähnliches können Golfspieler auf dem Golfplatz von La Malbaie erleben: Er ist in die Berge oberhalb des Stromes eingepasst, gestattet von jedem einzelnen Abschlag aus einen grandiosen Blick auf den Mündungstrichter und lässt die weit geschlagenen Bälle scheinbar in der Tiefe des Flusstales verschwinden.

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