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Die Sandburg : Eine Welt aus Sand

Ideale Welten werden aus Sand gebaut, jeden Sommer. Bild: Getty

Bald stehen viele Büros leer, denn die Eltern folgen den Schulkinderherden an die Küsten. Und was machen sie da, an den Rändern Europas? Eine kleine Sandburgenkunde zu Urlaubsbeginn.

          Das Gute am Kind ist, dass es dem Erwachsenen erlaubt, die seltsamsten Dinge zu tun und dafür auch noch Applaus zu bekommen. Beispiel Strand: Ein Erwachsener, der sich, ohne dass der Verteidigungsfall ausgerufen wurde, eine Düne hinunterrollen lässt und unten am Meer unter Schweißausbrüchen und Keuchen im Akkordtempo gigantische Wälle auftürmt, hinter denen er mit der Schaufel im Anschlag herannahenden Wellen auflauert – so ein Mann würde, täte er all das allein, schnell als sonderlich oder paranoid gelten. Hat er ein Kind dabei, heißt es: So ein guter Vater! Auch das Kind gräbt gern alles um am Meer, die leere, glatte Fläche des Sands löst einen existentiellen Optimismus aus: Die ganze Welt kann umgebaut werden, alles ist Material und formbar und neu zusammensetzbar, wie Lego, nur weicher.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Kinder lieben tiefe Löcher und Burgen, nutzen aber die Zeit, in denen die Eltern die ersten hundert Kubikmeter ausheben und noch keine spektakulären Wellen heranrauschen, gern für ausgedehnte Spaziergänge. Das bringt die grabenden, als Eltern nun nicht mehr erkennbaren Eltern gegenüber den neugierig bis skeptisch stehen bleibenden Naturfreunden natürlich wieder in Erklärungsnot, weshalb sie wie ertappt in Richtung ihres fernen Kindes zeigen, ähem, bitte sehr, hier die Grabeberechtigung, hier unser Grund, eine gigantische Flutanlage mit Seegrasfahnen zu dekorieren und den Schriftzug „Chateau Emilia“ aus roséfarbenen Muscheln zu legen, machen wir alles nur für das kleine Mädchen da hinten, wo ist sie denn jetzt? Ah da, die Kleine, die gerade in der Gischt verschwindet.

          Es ist Material für alle da

          Amerikanische Forscher behaupten, das Formen von Sand sei die älteste Form von Kunst, schon die Ägypter hätten Pyramidenmodelle aus Sand und der indische Poet Balarama bereits im 14. Jahrhundert Sandburgen gebaut, aber genau nachweisbar ist das alles nicht. Man weiß nur, dass Künstler in Atlantic City in New Jersey im 19. Jahrhundert Ungeheuer und Nixen und Schlösser zur Unterhaltung der badenden Massen bauten und das Sandburgenbauen so gesehen ein demokratischer Sport ist, kostet nichts, macht Spaß, es ist Material für alle da.

          Man muss verschiedene Typen von Sandburgenbauern unterscheiden. Es gibt die Ingenieure, die Hochbauer, die durch Umsetzung möglichst großer Sandmengen möglichst hohe Bauten errichten wollen; der Weltrekord für handgeschaufelte Burgen liegt derzeit bei 16,67 Metern. Mit solchen Monsterburgen muss man vorsichtig sein, ein Deutscher, der morgens um acht eine mit Schaufeln bewaffnete Kinderschar in den Citroën Mehari seiner Freunde lud, an den Atlantikstrand fuhr und neben einem alten Weltkriegsbunker eine wirklich beeindruckende Vaubansche Festungsanlage mit mehreren Flutringen errichtete, wurde am späteren Nachmittag von einem Franzosen befragt, ob dies „der Atlantikwall oder die Berliner Mauer“ sein solle.

          Kleckermatschtürme und Muschelornamente

          Ganz anders die Dekorateure: Wie jeder gute Barockarchitekt versuchen sie, auf geringen Flächen die meisten Kleckermatschtürme und Muschelornamente unterzubringen und insgesamt Gaudís Sagrada Família wie eine eckige Garage aussehen zu lassen. Wichtig für die perfekte Kleckermatschburg ist der Sand, in Dänemark ist er zu matschig, im Indischen Ozean zu muschelig, am Atlantik klebt er am besten. Bei Wettbewerben wird ekelhafterweise eine Art Leim beigemischt. Dann kann man gleich Gummi nehmen.

          Neben den Dekorateuren gibt es die Bildhauer: Junge Männer formen aus dem feuchten Sand nackte Nixen oder Ferraris, Mädchen Hogwarts oder Harry Potter, dem, wenn der Sand zu trocken ist, immer als Erstes die Nase wegbröselt, als wäre er in Wirklichkeit Voldemort (Nasen sind nicht nur bei Antiken, sondern auch bei Sandkunstwerken der gefährdetste Teil).

          Jedenfalls sind Sandburgenbauten immer auch ein Persönlichkeitstest: Zeige mir, was du baust, und ich sage dir, wer du bist. Der Steuerfachangestellte aus Yvelines-sur-Seine baut für seine perfekt gescheitelten Kinder minutiös geglättete Pyramiden und Quader aus Sand und schaut verächtlich auf die ungestalteten Massen, die die Holländer neben ihm auftürmen, Menschen aus einer Welt, in der es keine Erhebungen gibt, ganz offensichtlich erregt vom bloßen Triumph, Hügel zu erschaffen.

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