https://www.faz.net/-gxh-93gdx

Ecuador : Im Vollrausch der Natur

  • -Aktualisiert am

Je weiter die Reisenden in die Wildnis vordringen, umso besser die Organisation, präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Bild: Picture-Alliance

Am Río Napo gibt es eine märchenhaft unberührte Welt zu entdecken, die nun von Ölkonzernen bedroht wird. Doch in einer Luxus-Lodge setzt man sich zur Wehr.

          Hastig krallen sich die Passagiere an den Sitzbänken fest. Adrenalin schießt durch die Blutbahn. Der Bootsführer hat eine ruckartige Rechtskurve hingelegt und das Boot aus voller Geschwindigkeit fast zum Stehen gebracht. Schweißperlen treten auf die Gesichter der Reisenden. Am Ufer schwanken siebzig Meter hohe Urwaldriesen im feuchtheißen Tropenwind.

          „Der Weg ist das Ziel“, eine abgenutzte Phrase, aber hier passt sie, denn die Bootsfahrt auf dem Río Napo ist der Prolog zu einem luxuriösen Abenteuer. Es beginnt in Coca, einer Kleinstadt im Amazonasbecken Ecuadors, die man, kaum dass das Flugzeug auf der einsamen Landepiste aufgesetzt hat, mit einem flachen Speedboot wieder verlässt, denn hier gibt es nichts, was zum Verweilen einlädt. Der bescheidene Wohlstand der siebzigtausend Einwohner stammt aus dem Ölgeschäft, dessen Narben in der Flusslandschaft am Ufer vorbeiziehen, kleine Industriehäfen, Verladestationen für Pipelines, Lkw der staatlichen Petroecuador auf Fährbooten. Doch der zornige Blick der Ökotouristen bleibt nur kurz an den Spuren der Zivilisation hängen, die sofort wieder vom Dschungel verschluckt werden, von einem blickdichten Blätterwald mit Tausenden von Grüntönen, die sich vom flachen Ufer hinauf bis in schwindelnde Höhen stapeln.

          Fluß zum Amazonas

          Die „Sacha Lodge“, von vielen Reiseführern als luxuriöseste Unterkunft im ecuadorianischen Regenwald beschrieben, ist nur mit dem Boot zu erreichen. Der lehmige, hellbraune Río Napo ist einer der großen Zuflüsse des Amazonas, dem er das Regenwasser der Anden und das Schmelzwasser ihrer Gletscher zuführt. Um ein Vielfaches breiter als der Rhein, zerfließt er in Arme voller Strudel und Sandbänke. Und die Untiefen sind es, die die Fahrt zum Abenteuer machen, denn nur das geübte Auge der einheimischen Bootsführer erkennt sie an der Kräuselung der Wasseroberfläche. Mit schnellen Manövern weichen die Speedboote den Sandbänken und den treibenden Baumstämmen aus – im Zickzack von Ufer zu Ufer.

          Der Stich der Konga, eine heimische Riesenameise, kann mehrtägiges Fieber auslösen

          Schwer vorstellbar, wie der dreißigjährige spanische Leutnant Francisco de Orellana mit 57 Soldaten in einem selbstgebauten Schiff im Jahre 1541 genau hier vorbeisegelte – auf der Suche nach dem sagenhaften Goldland Eldorado und wegen der Breite des Flusses in der falschen Annahme, dass das Meer nicht mehr weit sei. Acht Monate später und sechstausend Kilometer weiter östlich erreichte er schließlich im Delta des Flusses, den er Amazonas nannte und als dessen Entdecker er seither gilt, den Atlantik. Weshalb man das ecuadorianische Städtchen Coca auch nur dann auf einer Karte findet, wenn man dessen amtlichen Namen kennt: Puerto Francisco de Orellana.

          Nach zwei Stunden Bootsfahrt ist der Anleger der „Sacha Lodge“ erreicht. Die deutschsprachige Naturführerin Manuela sammelt die Schwimmwesten ein. Die Gäste wissen, dass sie einen Fußmarsch durch den Regenwald und eine Kanufahrt vor sich haben, denn am Flughafen hat jeder ein Faltblatt bekommen, in dem der Ablauf der kommenden Tage skizziert ist. Je weiter die Reisenden in die Wildnis vordringen, umso besser die Organisation, präzise wie ein Schweizer Uhrwerk – und das nicht ohne Grund. „Sacha“ (sprich satscha) heißt auf Kichwa „Wald“. Kichwa ist die am weitesten verbreitete Sprache der Regenwaldvölker Ecuadors, verwandt mit der in Peru gebräuchlichen Inkasprache Quechua. Und ein Kichwa war es, der in den Achtziger Jahren dem Schweizer Weltenbummler Arnold Ammeter, den alle ehrfürchtig „Papa Benny“ nennen, jenen paradiesischen Flecken im Urwald zeigte, auf dem dieser 1992 die Lodge errichtete, die sich am Ende der Kanufahrt am Ufer des Lago Pilchicocha zwischen Palmen, Schilf und Wasserhyazinthen erhebt.

          Weitere Themen

          Keine Angst vor Höllental und Todesfluss

          Nordportugal : Keine Angst vor Höllental und Todesfluss

          Die älteste Stadt des Landes, das schönste Weinbaugebiet der Welt, der berühmteste Heiratsvermittler des Mittelalters: Hoch im Norden zwischen Douro und Minho übertrifft sich Portugal selbst – und bleibt doch ganz bei sich.

          Der schönste Sonnenuntergang Britanniens

          Whitstable in Kent : Der schönste Sonnenuntergang Britanniens

          Whitstable an der Nordküste von Kent gilt Feinschmeckern wegen seiner Austern als Himmel auf Erden. Für einen der berühmtesten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts aber war der Ort die reinste Hölle.

          Topmeldungen

          Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

          Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.

          Der Exosuit : Was uns nach den E-Tretrollern erwartet

          Noch hat sich Deutschland nicht an die E-Tretroller gewöhnt, da kommt schon die nächste Innovation aus Amerika: Die E-Buxe könnte den Straßenverkehr revolutionieren oder noch mehr belasten. Eine Glosse.

          Johnson in Paris : In Berlin war mehr Esprit

          Beim Besuch von Boris Johnson betont Präsident Macron die Einigkeit Europas – und bekennt sich zu seinem Ruf, in der Brexit-Frage ein Hardliner zu sein. Zugeständnisse will er gegenüber dem Gast aus London nicht machen – erst recht nicht beim Backstop.
          Amerikas Botschafter Richard Grenell kritisiert eine neue EU-Verordnung zu Medizinprodukten.

          F.A.Z. exklusiv : Richard Grenell kritisiert neue EU-Verordnung

          Die EU sorgt mit neuen Verordnungen für Medizinprodukte für neuen bürokratischen Aufwand. Der amerikanische Botschafter Grenell meint: „Viele werden sich für die Patienten nicht positiv auswirken.“ Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.