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Im Südosten der Peloponnes : Den Göttern so nah

Karge Kalkstein-Landschaft auf der Halbinsel Mani. Bild: Picture-Alliance

Die Antike ist hier überall. So wie die Ölbäume, deren knorrige Stämme den Reisenden auf dem Weg nach Sparta begleiten: Eine Rundreise im Südosten der Peloponnes.

          Dies ist die Geschichte zweier Trümmerstädte, eines englischen Abenteurers, der in einem Dorf an der Südspitze Griechenlands zur Ruhe kam, und einer Höhle voller Säulen. Vor allem aber ist es die Geschichte einer Landschaft.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Von ganz weit oben betrachtet, von da also, wo kein normaler Reisender je hinkommt, ähnelt die Peloponnes einer Pfote mit vier Krallen: Die äußeren sind kurz und dick, die beiden mittleren lang und dünn. Die westlicher gelegene davon, die Halbinsel Mani, ist die Verlängerung eines Gebirgsrückens, des Taygetos, dessen Gipfel bis zu zweieinhalbtausend Meter aufragen. Auf beiden Seiten, im Osten und Westen, haben die Flüsse Eurotas und Pamisos fruchtbare Talebenen aufgeschwemmt. Die östliche der beiden heißt Lakonien; ihre Hauptstadt seit Urzeiten war und ist auch heute Sparta. Die westliche Ebene heißt Messenien; ihr Zentrum, Messene, wurde 369 vor Christus gegründet und bestand etwa neunhundert Jahre. Sparta und Messene waren keine friedlichen Nachbarn – sie waren Feinde, sie bekriegten sich bis aufs Blut. Doch das ist vorbei. Heute ruhen Messenien und Lakonien vereint unter der milden Herrschaft des Olivenbaums.

          1. Kalamata

          Wer auf der nagelneuen mautpflichtigen Autobahn von Athen nach Kalamata fährt, sieht sie in grünen Wellen die Taygetoshänge herabfließen: weite, offene, im Wind silbrig glänzende Haine. Kalamata, die heutige Hauptstadt Messeniens, ist das Zentrum der griechischen Olivenölproduktion. Wenn man durch die breiten Alleen und über die gepflegten Plätze der Stadt läuft, möchte man nicht glauben, dass es je eine griechische Wirtschaftskrise gegeben hat. Nur in der Altstadt unter der fränkischen Kreuzritterburg zeugen bröckelnde Fassaden von der Depression, der das Land sich langsam entwindet. In der Apostelkirche an der Kreuzung dreier Straßen wurde im März 1821 der Beginn des Freiheitskampfes gegen die Türkenherrschaft verkündet. Kalamata war die erste Stadt, die die Rebellen unter Theodoros Kolokotronis und Petros Mavromichalis in Besitz nahmen, und obwohl die Türken vier Jahre später zurückschlugen und die Stadt niederbrannten, nimmt sie in der imaginären Geographie der Griechen einen herausragenden Platz ein. Auch deshalb floss nach dem Erdbeben von 1986 so viel Geld nach Kalamata, dass die wiederaufgebaute Stadt an vielen Stellen etwas südfranzösisch Aufgeräumtes hat – und das bei deutlich niedrigeren Preisen.

          Kalamata ist das Zentrum der griechischen Olivenölproduktion.

          Warum es mit dem griechischen Export trotz bester Qualität aller Agrarprodukte nicht richtig klappt, erfahren wir bei einer Olivenölverkostung im Laden von George Koutelas am Altstadtrand. Das Öl, das man bei Koutelas aus angewärmten Glasschälchen süffeln und beidseitig schlürfend auf die hinteren Papillen der Zunge ziehen muss, schmeckt genau so köstlich nussig wie die schwarze Kalamata-Olive überhaupt, aber es gelangt nie in deutsche Supermarktregale. Entweder verzehren es die Griechen selbst, oder es wird von italienischen Importeuren aufgekauft und mit anderen Ölsorten zum immergleichen schwachbrüstigen Extra-Vergine-Öl verschnitten, an das die Verbraucher nördlich der Alpen gewöhnt sind. Denn in Hellas sind die meisten Hersteller Familienbetriebe, Kooperativen gibt es kaum. Marktmacht lässt sich so nicht aufbauen. Ein paar Jungunternehmer, sagt Koutelas, haben die Zeichen der Zeit begriffen und versuchen, Netzwerke aufzubauen. Aber sie müssen viele Hindernisse überwinden: Jede Lage und jeder Jahrgang haben ihren besonderen, von Klima und Bodenbeschaffenheit abhängigen Geschmack und jeder Produzent hat seine eigene Vorstellung von Preisgestaltung. Auch hier herrscht das Kirchturmdenken, das schon die antiken Stadtstaaten in unaufhörliche Kleinkriege gegeneinander trieb.

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