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Ruinenstadt Küstrin : Ist die Natur grausam oder barmherzig?

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Wo einst Kinder spielten und Hunde bellten, ist heute nur noch Vogelgezwitscher zu hören. Bild: Peter Westrup

Küstrin war eine prachtvolle Festungsstadt, bis sie im Frühjahr 1945 in rauchenden Trümmern versank. Heute liegen ihre Ruinen wie ein vergessenes Pompeji unter Gras und Gestrüpp an der deutsch-polnischen Grenze.

          Achtzig Kilometer sind es von Berlin bis Küstrin, die Oderlandbahn braucht eine Stunde. Dann sind wir in einem anderen Land. Der prächtige wilhelminische Bahnhof in leuchtendem Ziegelrot ist viel zu groß für die kleine Stadt, die jetzt Kostrzyn nad Odra heißt und in Polen liegt. Kostrzyn ist die ehemalige Küstriner Neustadt auf der nördlichen Seite der Oder, lieblos und chaotisch zusammengeschustert, endlose Plattenbauten mit bunten Fassaden säumen die Straßen, einige graue Häuser erinnern wie stehengebliebene, stumpfe Eckzähne an die deutsche Vergangenheit. Die Supermärkte sind groß und grell und neu, davor riesige Parkplätze. Plakate preisen auf Deutsch billige Zigaretten, Alkohol und Kleidung an, an den Wochenenden kommen ganze Scharen aus Berlin und Brandenburg zum preiswerten Einkauf. Wir aber sind aus einem ganz anderen Grund hier: Wir wollen die Festung Küstrin besuchen.

          Auf einer langen Brücke überqueren wir die Warthe, dann ist da keine Stadt mehr, nur noch eine grüne Wiese und dahinter ein Wäldchen. Julia, unsere polnische Führerin, erwartet uns. Wir folgen ihr über einen Feldweg in eine Wildnis aus Dornengestrüpp, verwildertem Buschwerk und schütteren Bäumchen, ein verfilzter, undurchdringlicher Wald. Wir hatten eigentlich erwartet, zumindest eine eingestürzte, dicke Festungsmauer zu sehen oder einen zusammengefallenen Torturm wie bei einer mittelalterlichen Burgruine, aber wir sehen nichts dergleichen. Eine verbogene, rotweiße Stange versperrt den Weg, daneben ein verrostetes Schild mit der Aufschrift Uzbrojenie Starego Kostrzyna, Küstriner Altstadt.

          Eine unterirdische Stadt aus Kellern

          Verwundert fragen wir Julia, wo denn nun die Festung Küstrin sei. „Da, vor uns, das ist sie“, lacht sie und geht uns voraus auf eine Bresche im Dickicht zu. Und dann stehen wir tatsächlich auf einer Straße mit gewölbtem Granitpflaster, wellig und eingefallen, mit geborstenen Randsteinen und dem Rest eines schmalen Gehsteigs, zwischen dessen zersplitterten Steinplatten das Gras sprießt. Dahinter ein Wall aus eingestürztem Ziegelmauerwerk mit Putzresten und Treppchen, die mit schiefen Stufen zu nicht mehr vorhandenen Hauseingängen führen, hinter denen eine grüne Wildnis beginnt. Jetzt erkennen wir sogar Kellerfenster mit gemauerten Bögen, hinter denen wir dunkle Kellergewölbe ahnen. Ohne Zweifel, wir befinden uns auf der Straße einer ehemaligen Stadt, sechs Meter breit. Ein neues Straßenschild zeigt uns an einer Hausecke, die keine mehr ist, in zwei Sprachen an, dass wir uns auf der Predigergasse, der Zaulek Sw.Klemensa befinden.

          So sah es einst hier aus: Die Pfarrkirche Sankt Marien mit dem Denkmal, von dem nur der Sockel blieb.

          Das war bis zu ihrer Zerstörung im Frühjahr 1945 die Festung Küstrin, auf deren Überresten wir nun stehen, auf deren freigelegten Straßen wir die nicht mehr vorhandene Stadt durchstreifen und deren ehemalige Häuser wir vergeblich suchen werden. Bis auf die Keller wurde nach der Zerstörung alles abgeräumt, die Ziegelsteine brachte man nach Warschau zum Wiederaufbau der von den Deutschen zerstörten Altstadt. Nur die Keller blieben erhalten und wurden größtenteils zugeschüttet, wie uns Julia erklärt, um den Einsturz der Gewölbe und einen unerlaubten Zugang zu verhindern. Und so verbirgt sich unter dem Polster des Gestrüpps und des Buschwerks eine unterirdische Stadt, die es oberirdisch nicht mehr gibt.

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