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Marokko : Die Sache mit dem Mosaikstein

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Marrakesch mit der Koutoubia-Moschee und dem Atlas-Gebirge im Hintergrund Bild: dpa

Ruhe im Riad, Trubel im Souk: In Marrakesch versteht man es, Innen und Außen zu trennen. Dadurch erhält das Leben eine ganz neue Qualität.

          7 Min.

          Als ich neun Jahre alt war, kauften meine Eltern - für teuer Geld, wie meine Mutter immer betonte – von meinem Kunstlehrer einen Mosaiktisch, den er nach einer Nordafrikareise angefertigt hatte. Das Wichtigste war die Platte, ungefähr anderthalb mal anderthalb Meter groß, belegt mit dunkelblauen, hellblauen, türkisfarbenen und goldgelben Mosaiksteinchen, die der Kunstlehrer selbst gebrannt und anschließend in einer Lage aus Beton oder Fugenmörtel aufgebracht hatte. Eine stümperhafte Arbeit, denn schon nach wenigen Tagen begann die Platte sich zu verziehen, und als der Untergrund getrocknet war, hatten sich ihre vier Ecken so traurig dem Boden zugeneigt, dass der Tisch nur noch in der Mitte eingedeckt werden konnte. Dann sprangen die Fugen auf, Steine lösten sich. Meine Mutter klebte sie wieder an, doch nichts half, und sie verbannte den Tisch aus der Wohnung auf die Terrasse. Die gebogene, unebene Platte verbarg sie unter einer Tischdecke mit Tomatenmuster.

          Ich aber liebte die Tischplatte. Ihre im Sonnenlicht schimmernden Steine, jeder ein Unikat mit seinem luziden Farbverlauf, wiesen für mich auf ein Leben in einem fernen Land hin, unerreichbar, jedoch eingefangen durch Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Immer, wenn ich später Fotos von Wänden, Decken, Brunnen mit Zellij-Mosaiken geschmückt, üppigen Innenhöfen und prachtvoll ausgestatteten Räumen Marokkos sah, fiel mir die Tischplatte wieder ein.

          Und nun Marrakesch. Es ist kurz vor sieben am Morgen, als ich Schritte im Patio höre. Draußen ist es längst hell, vor ein paar Stunden hatten mich die Vögel schon einmal geweckt, dann der Ruf eines Muezzins. War das Vögelzwitschern im Morgengrauen noch hoch über dem Innenhof zu hören, toben sie nun quer durch alle Bäumchen, Spatzen, die kurz stiller werden bei den Schritten auf dem Hof, dann weiter schimpfen, auf Arabisch, bilde ich mir ein.

          Ein Schuhhändler in der Altstadt von Marrakesch.

          Die Buntglasscheiben des Zimmers zeichnen ein weiches Licht auf die Vorhänge des Bettes, bilden ein Farbenspiel an der Wand und füllen das Zimmer mit einer Art stummen Lebens. Ein Bett und sein zarter, von Lurexfäden durchzogener Vorhang, ein Sofa mit großen, bestickten Kissen. Ein Sessel, eine alte, metallene Truhe, ein massiver Holzschrank: All das sind Möbel, die bereits ein Leben vor diesem Zimmer hinter sich hatten. Das vermittelt eine Ahnung von Zeit und deren Verlauf. Jetzt wäre es gut, die große Flügeltür des ebenerdig liegenden Zimmers zum Hof hin zu öffnen, damit die Morgensonne hereinfließt, aber ich will mich nicht bewegen, nur die hohe Decke mit ihren Gipsarabesken betrachten.

          Beingness im Riad

          Als ich später ans Fenster gehe, sehe ich einen großgewachsenen Mann mit eisgrauem, kurzem Haar. In seinem langen, dunklen Gewand wirkt er asketisch, beinahe mönchisch. Er trägt eine Djellabah, das traditionelle Männergewand. Es ist Peter Bergmann. Früh am Morgen schaut er in den drei Innenhöfen des Hotels Ifoulki nach dem Rechten. Er kommt aus Dänemark, ist aber seit mehr als vierzig Jahren in Marrakesch zu Hause und führt das Ifoulki seit vielen Jahren.

          Untergebracht ist es in einem Riad, wie die marokkanischen Stadtpaläste und auch kleinere Häuser heißen, Ensembles aus mehreren Gebäuden, die um einen oder mehrere Gärten angelegt sind. Dieser hier liegt am Ende einer Sackgasse im historischen Zentrum der Stadt. Es gibt keine Wegweiser, keine Schilder am Eingang. Sein dunkles Tor wirkt, als sei es das Ende und der Beginn einer Reise. Beim Frühstück erzählt Bergmann von Ruhe, Stille und Rückzug, hier, nur sechs Gehminuten vom Platz Djemaa el Fna entfernt. Auf die Frage, was das Besondere an dieser Stadt sei, antwortet er mit einem hintergründigen Lächeln, ebenso ehrlich wie geübt, dass Marrakesch mit nichts auf der Welt vergleichbar sei.

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