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Retiro-Park in Madrid : Held der Liebe, dein Lächeln ist ewig

Nur ein kleiner Ersatz für das Meer, aber besser als nichts: Die Madrider lieben ihren See im Retiro-Park. Bild: AFP

Zum guten Rückzug: So nannten die Habsburger das Schloss, das dem Retiro in Madrid seinen Namen gab. Der wichtigste Rückzugsort für die Hauptstädter ist der Park heute mehr denn je.

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          Der Duft der raschelnden Blätter unter den Füßen dringt kaum durch die Maske. Die Versuchung ist groß, das Stück Stoff unter die Nase zu ziehen. Doch die meisten Madrider halten sich eisern an die Maskenpflicht. Die älteren Spaziergänger tragen selbst im Retiro-Park ihre dicken FFP2-Masken. Andere schieben den Gesichtsschutz nach einem vorsichtigen Blick nach links und rechts zur Seite – um einmal tief durchzuatmen, für einen flüchtigen Kuss oder für eine Zigarette. Die Erinnerung an das Frühjahr ist noch zu nahe. Madrid zählte die meisten Corona-Toten im Land, die Hauptstadt stand fast drei Monate lang still. Der Lockdown damals war so streng wie in wenigen anderen Ländern auf der Welt. Für die Bewohner des Stadtzentrums war er besonders schmerzhaft: Die schmiedeeisernen Tore des Retiro-Parks, der grünen Lunge der Metropole, blieben von März bis Ende Mai verriegelt. Selbst das Joggen rund um den hohen Zaun war verboten. Die Pandemie verwandelte den nahen Park in einen unerreichbaren Sehnsuchtsort.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Buen Retiro“ nannten die Habsburger das Schloss, das sie sich am Stadtrand bauten, „zum guten Rückzug“. An seiner Stelle erstreckt sich der Park, der seit mehr als hundertfünfzig Jahren den Bürgern gehört: Hundertzwanzigtausend Bäume auf hundertzwanzig Hektar Fläche – der Retiro kann es problemlos mit dem Londoner Hyde Park und dem Central Park in New York aufnehmen. Für viele Madrider ist er ihr privater Garten, den sie sich in der Stadt nicht leisten können. Als sich im Morgengrauen des 25. Mai endlich die Tore wieder öffneten, wartete draußen schon ungeduldig eine Menschenmenge. Erleichtert stellten die Besucher fest, dass ihr Park nicht gelitten hatte. Das kleine Heer der Gärtner wurde nicht in Kurzarbeit geschickt und hatte weitergearbeitet. Alles war makellos wie immer.

          Ein See aus dem siebzehnten Jahrhundert

          Der Park gehört heute mehr denn je den Madridern. Denn die Touristen, die im März überstürzt abreisten, sind bisher nicht zurückgekehrt. Die meisten Hotels sind geschlossen. Dennoch wird es gegen Abend und am Wochenende voll auf den Alleen. Viel mehr als diese kleinen Fluchten unter das Dach der Bäume ist den Madridern auch nicht geblieben. Denn Anfang Dezember wird die Hauptstadt wie schon im November wieder abgeriegelt, dieses Mal für zehn Tage. Die Regionalregierung will verhindern, dass die Einwohner über die Brückentage in Scharen Madrid verlassen und das Virus im restlichen Land verbreiten. So sonnen sich die Menschen statt am Mittelmeer am Ufer des „Estanque“, des künstlichen Sees, der im siebzehnten Jahrhundert angelegt wurde. Früher wurden dort Seeschlachten nachgespielt, die Königsfamilie unternahm Bootsausflüge. Heute reiht man sich in die lange Schlange mit dem vorgeschriebenen Sicherheitsabstand ein, bis eines der Ruderboote frei ist. Nur ungern machen die Enten und der große Möwenschwarm, die lange Zeit das Gewässer für sich allein hatten, den ungeübten Ruderern Platz. Andere Vögel werden die alte Frau vermisst haben, die jeden Nachmittag pünktlich um fünf Uhr aus ihrem Einkaufsroller eine große Tüte mit Bröseln hervorholt. Schon bevor sie auftaucht, kommen die Tauben, Spatzen und Mönchsittiche angeflogen und warten ungeduldig neben ihrer Bank. Auch sie ist zurück, als wäre es nie anders gewesen.

          Nie ohne meine Maske: Selbst beim Frühsport im Retiro-Park werden Mund und Nase rigoros bedeckt.
          Nie ohne meine Maske: Selbst beim Frühsport im Retiro-Park werden Mund und Nase rigoros bedeckt. : Bild: dpa

          Die Mönchsittiche mit dem grünen Gefieder sehen aus wie kleine Papageien. Als sie auftauchten, fotografierten sie Einheimische und Touristen noch fasziniert. Mittlerweile übertönt ihr lautes Krächzen die anderen Vogelstimmen. Sie dominieren den Park und sind zu einer Plage geworden. Nun hat die Stadtverwaltung den südamerikanischen Invasoren den Krieg erklärt. Für fast drei Millionen Euro lässt sie zwölftausend Vögel in der Stadt auf ein Zehntel dezimieren. Ihre riesigen Gemeinschaftsnester sind zu einer Gefahr für die Parkbesucher geworden, denn sie können bis zu zweihundert Kilogramm schwer werden.

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