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Revolution in Bordeaux : Beton ist keine Gotteslästerung

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Extravaganz im Bordelais: Jean Nouvels Kellerei für das Château La Dominique.
Extravaganz im Bordelais: Jean Nouvels Kellerei für das Château La Dominique. : Bild: Rob Kieffer

Die tollkühnste und irritierendste Kreation im Bordelais ist zweifelsohne die „Winery“ im Margaux. Als ob der Architekt ein Gewächshaus auf den Kopf gedreht hätte - so präsentiert sich der Bau, ein Gewirr aus Stahl, Glas und ausgedienten Bahnschwellen. Die „Winery“ ist ein Shopping- und Erlebnisuniversum mit mehr als tausend Weinen nicht nur aus dem Bordelais, sondern aus der ganzen Welt. Als Philippe Raoux seinen traditionsreichen Gutssitz Château d’Arsac mit Werken von César, Niki de Saint Phalle und anderen Künstlern umgab und seine Kollektion sogar für das Publikum öffnete, hielten ihn die Einheimischen für nicht ganz bei Trost. Als er dann noch die „Winery“ schuf, mit Kaufberatung durch Sommeliers, Spezialitätenrestaurant, Skulpturenausstellungen, Konzerten, Theateraufführungen und Kinderspielecken, brachte er die sakrale Abschottung der Bordelais-Weinbauern vollends ins Wanken. Wein als didaktischer Spaßfaktor für die ganze Familie, das war bisher undenkbar. Erfrischend anders ist in der „Winery“ auch die Kunst: Die mannshohe, goldgewandete Skulptur des Belgiers Jan Fabre vermisst die Wolken, und Kinder quietschen vor Begeisterung auf einer Rutschbahn, die aus einer gullivergroßen Plastikweintraube der Designerin Catherine Lacroix herausragt.

Audiovisuelle Reisen durch Zeit und Raum

Auch in Bordeaux selbst, der an der Garonne gelegenen Kapitale der Weinregion, hat man das Potential auffälliger Architektur erkannt. Seit der Aufnahme in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes im Jahre 2007 macht sich die aus einer langen Lethargie erwachte Kaufmannsmetropole zusehends fein. Eines aber fehlt bisher ausgerechnet in der Stadt, die dank des Handels mit Wein reich wurde: ein repräsentatives Schaufenster für die heimischen Crus. Das soll sich mit der „Cité des Civilisations du Vin“ ändern, die derzeit inmitten eines Brachlands in der nördlichen Hafengegend entsteht und bei deren Planung die Londoner Docklands Pate standen. 63 Millionen Euro wird dieser Themenpark kosten, der den Wein als universales Kulturgut vorstellt. In zwei Jahren soll er eröffnet werden, dann wird man audiovisuelle Reisen durch Zeit und Raum unternehmen können, bei denen man sowohl Winzer aus Frankreich als auch aus Südtirol, Thailand, Georgien oder Bulgarien kennenlernt. Die Besucher werden den Wein schmecken, ertasten und an interaktiven Multimediageräten herumspielen können, Napoleon Bonaparte begegnen, der gerade an seinem Lieblingstropfen Chambertin nippt, und der Schriftstellerin Colette, die dem inspirierenden Saft poetische Elogen widmet.

Noch spektakulärer als der Inhalt ist die Hülle, für die das Bordelaiser Architekturbüro XTU verantwortlich ist. Der 55 Meter hohe Bau, an dessen Spitze eine Panoramaweinbar aufgepropft wird, soll an eine Karaffe erinnern und an die Schwingungen, die entstehen, wenn man bei Verkostungen den Wein im Glas drehen lässt. Die Deutung des monumentalen Gebildes ist Interpretationssache, denn man kann in dem versponnenen, von mehr als dreitausend Glas- und Aluminiumtafeln eingekleideten Korsett auch eine Kobra sehen, die den Kopf in die Höhe streckt, einen zusammengestauchten Zauberhut oder eine Gummiente mit plattgedrücktem Schädel.

Die Latte liegt hoch

Die „Cité des Civilisations du Vin“ soll Bordeaux definitiv zur Weltkapitale des Weines adeln - so sehen es zumindest die Stadtväter um Bürgermeister Alain Juppé und die Tourismusmanager, denen eine Magnetwirkung wie beim Guggenheim-Museum in Bilbao vorschwebt. Im Amphitheater sind Konferenzen mit der Elite der Weinpäpste geplant. An Pontons werden Flussschiffe andocken, die zu Probiertouren an die Ufer von Garonne, Dordogne und Gironde aufbrechen. Mit einer halben Million Besuchern pro Jahr wird gerechnet. Die Latte liegt hoch, der Optimismus ist unbegrenzt. Und die verstaubte Zeit scheint endgültig vergangen zu sein, als sich im Bordelais das Zurschaustellen des Weinpatrimoniums auf Ausstellungen von Korkenziehern oder die fahnengeschmückten Prozessionen der Weinbruderschaften beschränkte.

Neuer Wein in neuen Schlössern

Weingüter: Die beschriebenen Weingüter können ausnahmslos besichtigt werden. Eine vorherige Anmeldung ist obligatorisch. Kontaktadressen, Öffnungszeiten, Preise und Anfahrtswege erfährt man auf den jeweiligen Internetseiten: Château Lafite Rothschild (www.lafite.com), Château Mouton Rothschild (www.chateau-mouton-rothschild.com), Château Cheval Blanc (www.chateau-cheval-blanc.com), Château La Dominique (www.vignobles-fayat.com), und Château Faugères (www.chateau-faugeres.com).

Weinbar: Die Winery in Arsac-en-Médoc (Route du Verdon-Rond Point des Vendangeurs, Telefon: 0033/556/ 390490), die 1700 verschiedene Weine im Sortiment führt, kann ohne Voranmeldung besucht werden. Sie ist täglich von 10.30 bis 19.30 Uhr geöffnet. Weitere Auskünfte auch zu Verkostungen findet man auf der Seite www.winery.fr.

Informationen: Allgemeine touristische Auskünfte gibt es beim Office de Tourisme de Bordeaux (12, cours du 30 juillet, Telefon: 0033/556/ 0066000, www.bordeaux-tourisme.com) und beim Französischen Fremdenverkehrsamt Atout France (Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt, www.rendezvousenfrance.com). Die Reise wurde von Atout France unterstützt.

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