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Revolution auf der Skihütte : Vegan für Wintersportler

Bis vor kurzem eine feste Burg der Fleischesser: die klassische Skihütte in den Alpen. Bild: www.fotex.de

Vegane Küche ist ein fast schon gespenstisch erfolgreicher Kochtrend. Jetzt haben die Extremvegetarier die letzte Festung der Fleischküche gestürmt: die Jausenhütte in den alpinen Skigebieten.

          Wir wissen nicht, wie es dem Rest der Menschheit geht, aber wir kennen persönlich höchstens ein oder zwei Veganer und haben maximal von dreien oder vieren im entfernteren Bekanntenkreis gehört. Das lässt nur zwei Schlüsse zu: Entweder leben wir in einer klaustrophobischen Nische unverbesserlicher Fleischesser und meiden intuitiv den Kontakt zu den Heerscharen der Verächter von Filet und Frischkäse. Oder aber der gegenwärtige, geradezu gespenstische Boom der vegetarischen und vor allem der veganen Küche findet keine Entsprechung in der Wirklichkeit. Doch wer kauft dann die Hunderttausende von veganen Kochbüchern, deren Zahl sich von 2011 bis 2013 glatt vervierfacht hat? Seither werden die Bestsellerlisten zuverlässig von Titeln angeführt, die den Weg zu Gesundheit, Glückseligkeit und Gewissensharmonie dank des Verzichts auf sämtliche tierischen Nahrungsmittel weisen. Es spricht also vieles dafür, dass die erste Schlussfolgerung richtig ist. Und den endgültigen Beweis dafür könnte jetzt Attila Hildmann, der Guru der veganen Kochliteratur, erbracht haben. Denn er hat die letzte, bis dato als uneinnehmbar geltende Festung der Fleischküche im Sturm erobert: die klassische Pistenhütte in den Alpen.

          Bald nur noch ein Relikt aus der grauen kulinarischen Urzeit des Skifahrens? Das Wiener Schnitzel.
          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Seit diesem Winter werden in ausgewählten Bergrestaurants des österreichischen Skigebiets Hochkönig auch vegane, von Hildmann inspirierte Gerichte wie Sesamfalafel mit Hummus oder Linseneintopf mit Röstzwiebeln serviert – wahre Exoten in hochalpinen Regionen, in denen sich die Fleischlosigkeit bisher in Semmelknödeln oder Kaiserschmarrn erschöpft hat und der Verzicht auf die Wurst im Erbseneintopf als moralinsaures Memmentum stigmatisiert wurde. Wir wollen jetzt nicht moralisch werden und betrachten den Veganismus lieber jenseits aller dogmatischen Fragen als das, was ihn auch in den Augen der Freunde des Fleisches tolerabel macht: als eine Art Notwehr gegen die Industrialisierung der Ernährung, gegen die Usurpierung des Essens durch die Lebensmittelkonzerne, gegen die perfide, systematische, legale, aber ganz gewiss nicht legitime Täuschung der Kunden. Wenn man keine Chance hat, die Machenschaften der Nahrungsindustrie zu durchschauen, wenn man schutzlos Dioxin-Eiern und Antibiotika-Gockeln ausgeliefert ist, dann verzichtet man lieber radikal auf die ganze Chose.

          Schweineschnitzel aus dem Presswerk

          Gerade auf Skihütten wird man permanent Opfer dieses mechanisierten, maschinisierten, manipulierten Essens: Man bekommt Schnitzel, die allesamt eine bizarr identische Form haben, als kämen sie nicht aus der Hüfte eines Lebewesens, sondern aus dem Presswerk, was sie wahrscheinlich auch tun; oder Saucen, in die ein halber Chemiebaukasten gerührt wurde und die trotzdem nach nichts schmecken; oder eine Gulaschsuppe, deren Fleisch auch als Hundefutter durchgehen könnte, allerdings nur für anspruchslose Tiere. Und man hat oft genug das Gefühl, dass die Jause auf der Skihütte bloße Nahrungsaufnahme, Kalorienzufuhr, Energiespeicherauffüllung ist – und nichts mit Genuss zu tun hat.

          Neue Zeiten, neue Teller: ein Zucchiniröllchen mit Kürbisfüllung von Attila Hildmann, dem Superstar des veganen Kochens.

          Deswegen gibt es vielleicht gar keine bessere Gelegenheit für einen sporadischen Fleischverzicht als das Skifahren. Vielleicht ist es sogar höchste Zeit, dass der Veganismus auch auf den Pisten Einzug hält, weil er und nicht der Schweinsbraten, dieser vermeintliche Kraftprotz und Kraftspender, der natürliche Verbündete des ermatteten Wintersportlers ist. Man atmet frische Luft, ist inmitten der reinen Natur, genießt das unverfälschte Bergerlebnis, dazu das Gefühl von Ursprünglichkeit und Wahrhaftigkeit, tut seinem Körper Gutes und seiner Seele auch. Da braucht man nicht unbedingt noch eine Bratwurst aus Fleischabfällen mit Pommes aus Kartoffelsägemehl und Ketchup aus anorganischen Ersatzstoffen, da wird man auch mit einem ehrlichen Kichererbsenpüree froh – es sei denn, es steht ein schönes Bœuf Bourguignon von glücklichen Salzburger Almkühen auf der Karte.

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