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Reiseziel Oslo : Alles drängt zum Wasser, zum Fjord, zum Meer

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Innerhalb kürzester Zeit ist das Opernhaus neben der Skisprung-schanze auf dem Holmenkollen zum zweiten architektonischen Wahrzeichen Oslos geworden. Bild: Volker Mehnert

Mit der radikalen Umgestaltung seiner Küstenlinie macht sich Oslo zum verschwenderisch dekorierten Schaufenster des norwegischen Ölreichtums.

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          Ein Opernhaus ist ein Opernhaus, und darin führt man Opern auf. Manchmal finden auch Ballett, Konzerte, Musicals und Theaterstücke statt. Ganz und gar nicht vorgesehen sind hingegen Erwachsene und Kinder, die allein oder in kleinen Gruppen flanieren, spielen und sonnenbaden, herumlümmeln oder Bier trinken – außer in Oslo. Zwar ist auch dort das Operahus zunächst ein typisches Opernhaus mit verschiedenen Sälen und Bühnen, mit großartiger Akustik, Proberäumen und einem lichtdurchfluteten Foyer. Der Clou jedoch liegt in den Außenanlagen: Das abgeschrägte, weitläufige Dach des Gebäudes formt sich zu einer steinernen Landschaft aus verschiedenen Ebenen mit sechsunddreißigtausend Marmorplatten, ungleich verlegt mit Schrägen und Treppen, Mauern und Mäuerchen, Stufen, Absätzen und Rillen. Wie eine gigantische Eisscholle scheint das Gebäude am Fjordufer in der Bucht von Bjørvika zu schwimmen.

          Als urbanes Freiluftareal spottet diese Opernkonstruktion jeder Vornehmheit und jedem divenhaften Standesdünkel. Sie dient den Bürgern als egalitärer Spazierweg: als Treffpunkt für Verliebte, Tummelplatz für Jugendliche, Spielplatz für Kinder, Laufparcours für Jogger und als öffentliche Bühne für Selbstdarsteller. Touristen und Kreuzfahrtpassagiere nutzen das Dach als Aussichtsplattform und genießen den Blick auf den Fjord und auf den Schiffsverkehr der Segler und Paddelboote, der Fähren und der Kreuzfahrtschiffe – ein maritimes Panorama, das sich in den riesigen Glasfronten des Gebäudes spiegelt und vervielfacht.

          So tanzt das Volk der feinen Operngesellschaft zwar auf dem Kopf herum, doch die raffinierte Positionierung der Fenster ermöglicht zugleich eine Verbindung zwischen Foyer und Dachlandschaft, zwischen Kulturbeflissenheit und lässiger Freizeitbeschäftigung und erlaubt wechselseitiges Beobachten von der Innen- zur Außenwelt und umgekehrt. In normalen Zeiten haben deshalb alle gleichermaßen ihre Freude. In diesen Monaten des erzwungenen kulturellen Tiefschlafs und der Kontaktsperren aber wird der ungezwungene Betrieb auf dem Dach weitaus früher wieder zu gewohnter Intensität zurückfinden als die gehobene Kultur auf den Bühnen. Die volkstümliche Spielwiese auf dem Dach, das bestätigt sich jetzt noch einmal auf unvorhersehbar drastische Weise, ist die eigentliche Bühne der norwegischen Hauptstadt.

          „Hier fangen wir an“, scheint Christian IV. zu sagen und zeigt unterhalb seines Denkmalsockels am Osloer Dom auf den Boden. An dieser Stelle soll der königliche „Grundlaegger“ nach einem verheerenden Brand im Jahre 1624 das moderne Oslo gegründet haben. Christiania nannte er die Siedlung, die er im Stil der Renaissance schachbrettartig anlegen ließ. Erst 1925 erhielt die norwegische Hauptstadt ihren alten Namen zurück. „Hier fangen wir an“, haben sich wohl auch Oslos Stadtväter fast vier Jahrhunderte nach König Christians Entscheidung gedacht, als sie den gigantischen Bau der neuen Oper direkt am Oslofjord in Angriff nehmen ließen. Tatsächlich diente das im Jahr 2008 eröffnete Gebäude als Initialzündung für einen urbanen Neuanfang.

          „Fjordbyen“, Fjordstadt, heißt das Vorhaben, das die gesamte Küstenlinie der Stadt umkrempelt. Hafenanlagen, Werften und Bahnlinien werden von kulturellen Institutionen, Wohn- und Geschäftshäusern mit gewagter Architektur, Promenaden und Parks ersetzt. Eine Schnellstraße verläuft jetzt nicht mehr am Ufer, sondern durch einen Tunnel. Auf der Halbinsel Tjuvholmen ist ein völlig neuer Stadtteil entstanden, in dem mehr als zwanzig Architekten ihre Vorstellungen von moderner Urbanität verwirklichen konnten. Herausragend ist dabei das Astrup-Fearnley-Museum des Italieners Renzo Piano, das jetzt eine der bedeutendsten skandinavischen Sammlungen für zeitgenössische Kunst beherbergt. Mit seinem segelförmigen Dach über den luftigen Fassaden von drei gläsernen Pavillons gliedert es sich so harmonisch wie extravagant in die urbane Uferbebauung ein.

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