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Reisen mit der Eisenbahn : Ein feiner Zug

  • -Aktualisiert am

Feiner kann man fast nicht an eine Tür klopfen: An Bord des Venice-Simplon-Orient-Express Bild: VSOP

Mit dem Schlafwagen durch Europa zu reisen, ist entweder sehr teuer und oder sehr hart - nach Paris im Luxussonderzug, zurück mit der russischen Staatsbahn

          7 Min.

          Im Kinofilm „Snowpiercer“ des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho ist die Erde nahezu vollständig vereist. Der Versuch, die Erderwärmung durch ein synthetisches Kühlgas zu stoppen, ist gründlich misslungen, die meisten Menschen sind tot. Nur eine kleine Schar von Überlebenden reist mit einem Hightech-Zug um den weißen Planeten, auf einem erdumspannenden Schienenweg, den ein ultrareicher Visionär rechtzeitig hat anlegen lassen.

          Im „Snowpiercer“ gibt es jeden erdenklichen Luxus. Die Menschen vergnügen sich in edlen Bars und Gemächern, an nichts besteht Mangel. Das trifft allerdings nur auf die kleine Minderheit an der Spitze des Zuges zu. Je weiter man nach hinten kommt, desto übler werden die Zustände und desto grimmiger werden die Menschen. Der Film schöpft seine Dramatik daraus, dass die entrechteten Sklaven sich nach vorne kämpfen - bis an die Spitze des Zuges.

          Es gibt nur eine Klasse

          Ein solches Problem hat der Orient-Express, der kürzlich zum ersten Mal zwischen Berlin und Paris verkehrt ist, nicht. Es gibt jeden erdenklichen Luxus, aber keine Reisenden zweiter oder gar dritter Klasse, die dies denen in der ersten Klasse neiden könnten.

          Abteile für Ärmere waren gar nicht Teil des Konzepts, als der Unternehmer James Sherwood 1977 anfing, übriggebliebene Waggons des legendärsten Zugs der Welt zu ersteigern und aufwändig zu restaurieren. Er wollte einen Luxuszug schaffen, ganz im Geist der 1920er Jahre. Und das ist ihm rundum gelungen. Seit 1982 verkehrt der „Venice Simplon-Orient-Express“ zwischen März und Oktober auf der Stammstrecke London-Paris-Venedig und auf ausgewählten Sonderstrecken, manchmal auch zum historischen Ziel, Istanbul, dem früheren Konstantinopel.

          Seit neuestem gibt es auch eine deutsche Sonderstrecke. Um beim bisher unter den Reisenden schwach vertretenen deutschen Publikum das Interesse zu wecken, hat der Betreiber für 2016 und 2017 je eine Sonderfahrt zwischen der deutschen und der französischen Hauptstadt anberaumt. Der diesjährige Zug hielt extra in Düsseldorf, damit der Reporter dieser Zeitung als eingeladener, hinsichtlich der privaten Finanzkraft völlig deplatzierter Gast zu der illustren Gesellschaft stoßen durfte.

          Schon die Einfahrt des 400 Meter langen Zuges mit 16 Waggons ist ein Ereignis. Auf dem Bahnsteig stehen normalsterbliche Zugreisende, während vor ihnen ein nachtblau-goldener Traum aus Metall zum Halten kommt, aus dessen Fenstern der Luxus nur so leuchtet: Herren in Smokings; Damen in Abendkleidern; Bedienstete in hellblauen, dunkelblauen, weißen Uniformen; ein nackter Mann, der in seiner Kabine auf seinem Bett fläzt und im Stil eines römischen Kaisers Weintrauben isst. Der soziale Kontrast könnte kaum größer sein. Draußen Menschen, die vielleicht nicht mehr haben als Hartz IV; drinnen solche, die für eine knapp 24-stündige Zugfahrt 2800 Euro hinblättern können. Eine „Snowpiercer“-artige Revolte gegen die einrollenden „one percent“ bleibt aber aus. Zu groß ist das Überraschungsmoment.

          Geschichte auf Schienen

          Wer den Orient-Express betritt, lässt die Zeitrechnung von draußen auf dem Bahnsteig mit wenigen Schritten hinter sich zurück. Die mit feinstem Stoff bezogenen Sitzflächen, die kunstvollen floralen Intarsien an den Wänden, die Obstschale mit frischen Maracujas, Papayas und Drachenfrüchten, das edle Porzellan des Waschbeckens - all das summiert sich zu einem ästhetisch überwältigenden Eindruck, einem Gesamtkunstwerk, das eine mentale Reise zurück in die 1920er Jahre in Gang setzt. In manchen Abteilen befinden sich oberhalb des Kopfkissens kleine runde Beschläge an der Wand, mit Samt überzogen: dort haben die Herren früher ihre Taschenuhren aufgehängt.

          Es sind keine perfekten Fälschungen, die hier unterwegs sind, sondern getreu restaurierte Originalwaggons mit individuellem Gepräge, in denen sich all jene legendären Geschichten ereignet haben, die dem Zug seinen bis heute wirksamen Klang gaben.

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