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Moçambique : Die Geschichte vom alten Baptista

João Baptista, Sehenswürdigkeit Nummer sechs auf Ibo Bild: David Klaubert

Ibo ist eine Insel im Norden Moçambiques, die von der Welt vergessen wurde. Gut, dass sie einen Geschichtsschreiber hat.

          Wer Angst hat, soll einen Hund kaufen“, sagt der alte Baptista. „Ich hab keinen Hund im Haus.“

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Als einziger wagte er damals unter dem großen Mangobaum den Aufstand. Der Gouverneur war zu Besuch, und das ganze Dorf kam zusammen, voll Wut auf die Bürgermeisterin, die lieber Fisch aufs Festland verkaufte als ihre Arbeit zu tun. Und zu allem Überfluss wollte sie auch noch das Archiv der Gemeindeverwaltung verbrennen, um Platz im Rathaus zu schaffen; all die Papiere, die der alte Baptista im Lauf der Jahrzehnte geordnet und gestapelt hatte – sein Lebenswerk. Unter dem Mangobaum rief er deshalb: „Entschuldigung, ich will diese Schlampe nicht!“

          Ein paar Tage später habe die Bürgermeisterin ihre Sachen gepackt und sei für immer von der Insel verschwunden, sagt der alte Baptista.

          João Baptista, benannt nach dem Täufer Johannes, geboren am 23. Juni 1927, ist eigentlich ein treuer Genosse, Parteimitglied Nummer 240337. Er ist ein Schlacks, seine Arme baumeln wie die Segel der Dhaus bei Flaute. Doch wenn es um die Geschichte Ibos geht, die lange Geschichte dieser kleinen Insel, dann fährt Leidenschaft in seinen hageren Körper. Wut oder Begeisterung, je nachdem.

          Die Insel Ibo ist ein von Meer und Mangroven eingerahmter Flecken Land im Norden Moçambiques, der aus der Zeit gefallen ist. Und wer durch die sandigen Straßen streift, wer am Haus Nummer 33 in der Rua da Fortaleza haltmacht und dort dem alten Baptista lauscht, fällt mit heraus.

          „Herzlich willkommen in der schönen, historischen und touristischen Stadt Ibo“ Bilderstrecke

          Morgens um halb vier steht er auf, jeden Tag. Er wäscht sich mit dem kalten Wasser aus dem Brunnen hinter seinem Haus. Dann geht er nach vorn, auf die steinerne Veranda. Dort stellt er seinen ausgesessenen Holzstuhl auf und an die Hauswand hängt er eine Urkunde: „JoãN Baptista: Berater und Historiador der Insel Ibo“. Historiador: Geschichtsschreiber. Geschichtenerzähler. So stolz ist der alte Baptista darauf, dass ihn der kleine Fehler in seinem Namen nicht stört. Und jeden Abend nimmt er seine Urkunde wieder vom Nagel, damit sie ja niemand klaut. „Die Jungs heute, das sind Schurken“, sagt er.

          Der erste schwarze Junge, der die Schule Afonso de Albuquerque besuchen durfte, war: João Baptista. Der erste Schwarze auf Ibo, der lesen und schreiben konnte: João Baptista. Der einzige seiner Klasse, der das Schuljahr 1941 mit 19 Punkten abschloss: João Baptista.

          Wie alle Schwarzen wuchs er im bairro macúti auf, im Palmwedel-Viertel, in einem Haus aus Lehm, Korallenstein und Mangrovenästen, das Dach gedeckt mit Palmblättern. Ins bairro cimento, ins Zement-Viertel, durften die Schwarzen nur, um für die Portugiesen zu arbeiten. João Baptista aber freundete sich mit dem Sohn des portugiesischen Verwalters und mit der Tochter der Direktorin an. Sie stapelten Steine zu Häuschen, ließen ihr aufziehbares Spielzeugauto rattern oder ratterten selbst mit dem Fahrrad über die gepflasterten Straßen des Zement-Viertels.

          All seine Geschichten hat der alte Baptista in schmale Hefte geschrieben. Sorgsam verwahrt er sie in einem blauen Plastiksack, zum Schutz vor der feuchten Meeresluft, zum Schutz vor dem Vergessen. Jahr für Jahr verblassen seine Erinnerungen. Sie werden brüchiger wie so vieles auf Ibo. Die kolonialen Handelskontore der Portugiesen, die katholische Kirche, das Zollhaus, die Wohnhäuser und Villen mit ihren arabischen Säulen und indischen Balustraden sind längst verlassen. Viele sind in Selbstmitleid zusammengesunken und überwuchert. Nur die drei Forts der Insel stehen stoisch und stur. Aus ihren Schießscharten lugen verrostete Kanonen aufs Meer, so als erwarteten sie noch immer feindliche Flotten.

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