https://www.faz.net/-gxh-qxis

Reisen im Privatjet : Diskretion über den Wolken

  • -Aktualisiert am

Fortbewegungsmittel für exzentrische Millionäre? Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Bei Reisen im Privatjet kann man neben der Schwimmweste auch Champagnerflaschen unter dem Sitz finden. Und nicht nur Oskar Lafontaine und Paris Hilton fliegen gerne im Jet: Die kleinen Luxusbrummer erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

          3 Min.

          Diskretion ist ein Geschäftsgrundsatz in der Privatjet-Branche, aber manchmal kann Armin Hinz nicht an sich halten. Er ist Pilot einer zweistrahligen Cessna Citation, in der er bis zu acht Passagiere auf bequemen Ledersesseln mit fast 800 Kilometern pro Stunde an ihr Ziel bringen kann - bis zu 2700 Kilometer weit. Kürzlich hatte er Paris Hilton und ihren Verlobten an Bord.

          Die Trash-Diva war auf Werbetour nach Deutschland unterwegs: „Ihr Freund hat uns im Cockpit angebrüllt und sich betrunken“, erinnert sich Flugkapitän Hinz ärgerlich. „Paris Hilton sollte sich eigentlich an Bord für den Werbeauftritt ein gelbes Kleid anziehen, aber sie hatte keine Lust und verließ den Flieger im lila Trainingsanzug.“ Zurück blieben Essensreste an den Wänden und Müll auf dem Kabinenteppich. Da hatte es der schnieke Captain mit dem Hollywoodstar Cate Blanchett besser, die er kurz danach von London-Gatwick nach Berlin-Schönefeld zu einem „Wetten daß“-Auftritt expedierte. „Eine sehr nette Schauspielerin“, schwärmt er. Sauberer als bei Paris allerdings war die Maschine nach der Landung auch nicht.

          Hierzulande ein Symbol für Verschwendung

          Wer einmal im Privatjet geflogen ist, will sich danach nie wieder in einen Linienflieger quetschen, lautet eine Weisheit der Branche. Selbst Oskar Lafontaine scheint das zu wissen, auch wenn der Saarländer das bestreitet und gegen Berichte, er habe für die Anreise von seinem Urlaubsdomizil Mallorca zu einer Veranstaltung nach Berlin auf einem Privatjet bestanden, jetzt klagen will. In Deutschland gilt der eigene Jet immer noch als Prunksucht und Verschwendung. Viele Wirtschaftsbosse sind geradezu panisch darauf bedacht, vor Aktionären und Mitarbeitern zu verheimlichen, daß sie die Luxusflieger benutzen. Großkonzerne wie VW oder Daimler-Chrysler vermeiden auf der firmeneigenen Jetflotte jeden Hinweis auf ihr Unternehmen.

          In Amerika dagegen haben fast alle großen Firmen eigene Flugzeuge, insgesamt 3350 nichtkommerzielle Jets sind registriert. Hierzulande sind es nur einige Dutzend, doch überall wächst das Geschäft mit den Privatjets, der Umsatz beträgt in Europa etwa drei Milliarden Euro bei rund zwölf Prozent Wachstum pro Jahr. Viele Firmen merken, daß auf bestimmten Reisen ein gemieteter Privatjet sogar billiger sein kann, als Führungskräfte und Mitarbeiterstab zeitraubend auf Linienflüge zu buchen.

          Ab 6000 Euro über den Wolken

          Aber auch wohlhabende Urlauber nutzen verstärkt den exklusiven Jetflug: „Wir haben ein Ehepaar, die bei uns immer wieder einen Jet mieten, um mit ihren zwei großen Dobermann-Hunden gemeinsam nach Spanien zu fliegen“, sagt Toni Goth von Air Partner, dem weltgrößten Vermittlungsunternehmen für Flugzeuge aller Art. Die Hunde erhalten in der Kabine für die Reise von Mannheim nach Malaga eigene Sitze. Für Hin- und Rückflug sind dann über 15.000 Euro fällig.

          Günstiger sind Tagesreisen innerhalb Deutschlands, sie kosten ab 6000 Euro. „Einen Geschäftsführer, der aus dem Urlaub auf Sylt für ein paar Stunden in Düsseldorf an einer Sitzung teilnehmen muß, holen wir mittags in Westerland ab, abends ist er wieder bei der Familie“, sagt Toni Goth. Die kleinen Jets können rund 10.000 Flughäfen in ganz Europa bedienen und fast überall landen. In großen Städten gibt es oft zeitsparende Flughäfen - etwa Oberpfaffenhofen oder Memmingen anstelle von München, oder Egelsbach statt Frankfurt.

          St. Moritz, St. Tropez, Lugano, Elba

          Ferienrefugien der Reichen und Schönen sind mit dem eigenen Jet nonstop zu erreichen. „Zu unseren beliebtesten Urlauberzielen gehören die Flughäfen Samedan bei St. Moritz, La Mole bei St. Tropez, Lugano oder Elba“, sagt Goth.

          In der Präsidentensuite des vornehmen Berkeley-Hotels im Londoner Stadtteil Knightsbridge wohnen häufig Madonna oder Britney Spears, Leonardo DiCaprio und sogar die Queen. Falls einer dieser illustren Gäste schnell und bequem nach Düsseldorf muß, steht Chauffeur Ben mit einer BMW-Limousine bereit. Er steuert seinen Wagen in den Osten von London. „Wir fahren nach Northolt, da bringe ich oft sehr wichtige Leute zum Abflug ihrer Privatjets hin“, erzählt er. Selbstredend könne er nicht sagen, um wen es sich dabei handelt, „Diskretion ist Ehrensache“, sagt der Fahrer.

          Vierunddreißig Minuten nach dem Verlassen der Hotellobby parkt Ben vor einem Wachhäuschen inmitten grüner Wiesen. „Ausweiskontrolle, das ist hier eine Air-Force-Basis“, sagt Ben. Noch ein kurzer Halt vor dem Terminal, dann öffnet sich im Zaun ein Tor. Die schwarze Limousine gleitet aufs Vorfeld, dort steht die Citation von Kapitän Armin Hinz. Ben stoppt, öffnet seinen Gästen die Tür. Die beiden Piloten haben sich schon aus dem Kofferraum das Gepäck geschnappt und laden es ein. Armin Hinz begrüßt die Passagiere, hilft ihnen in die Kabine.

          Schubladen mit Champagner

          „Beim Start bitte anschnallen, Schwimmwesten sind unter ihren Sitzen, und dort finden Sie auch die Schubladen mit Champagner und allen anderen Getränken, bitte bedienen Sie sich“, sagt der Pilot zur Begrüßung. Die Tür ist schon zu, im Cockpit werden die Triebwerke angelassen. Kein Warten, kein Stau, keine Sicherheitskontrollen, eine nur nach Kundenbedürfnissen maßgeschneiderte Reise. Seit dem Einstieg ins Auto am Berkeley-Hotel sind achtundfünfzig Minuten vergangen, als die Citation so kräftig von der Piste in Northolt in den blauen Himmel steigt, daß es die Passagiere in die Sitze preßt. Hoch über dem Ärmelkanal macht eine Flasche Moet die Runde, dazu gibt es Canapees. Bald kommt die Piste von Düsseldorf in Sicht, kaum mehr als zwei Stunden nach Abfahrt vom Hotel in London.

          Weitere Themen

          Alles steht still

          Eine Welt ohne Reisen : Alles steht still

          Wann werden wir uns wieder bewegen? Wann werden wir uns wieder begegnen? Und wann darf ich endlich wieder in mein geliebtes Japan? Erfahrungen einer Reiseleiterin in Zeiten der Pandemie.

          Topmeldungen

          Verschiedene Geldanlagen zu verwalten kann manchem vorkommen wie Jonglage.

          Bilanz ziehen : Neuer Glanz auf altem Vermögen

          So eine Vermögensbilanz kann Überraschungen bergen, Sie aber vor ebensolchen bösen bewahren. Unser Autor hat Tipps zur Aufstellung und zur Umschichtung von Hab und Gut.
          Bitte kein soziales Elend zu später Stunde: Moderator Jan Plasberg und Gäste sprachen in der ARD-Sendung "Hart aber fair" über die Coronakrise.

          TV-Kritik: Hart aber fair : Maximal empathielos

          Wut, Ohnmacht, Verschwörungstheorien: Bei „Hart aber fair“ arbeiten sich Frank Plasberg und seine Gäste an den Nebenwirkungen der Corona-Krise ab. Gefährlich ist, was ungesagt bleibt.
          Wie umgehen mit der AfD? Haldenwang und Seehofer 2019

          AfD als Prüffall : Die Gefahr verbrannter Finger

          Der Verfassungsschutz will die AfD beobachten. Doch die Sache ist schwierig. Ein Leck in einer Behörde kommt der Partei gerade recht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.