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Weltreise zuhause : Holiday drin!

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Urlaubsgrüße aus der Urlaubskrise: der Autor macht Ferien. Bild: Oliver Maria Schmitt

Wir sollen unsere vier Wände nicht verlassen. Also buchen wir Reisen am Bildschirm. Das ist luxuriös, günstig und klimaneutral. Wir kommen überall hin! Mit allen Schikanen geht es durch durch die Weltgeschichte.

          6 Min.

          Nie zuvor war Reisen so einfach, so sicher, so günstig und so klimaneutral. Ja ja, schon klar: Für Urlauber und Reisewillige, für Fluglinien und Hoteliers, ja für die Tourismusbranche überhaupt mag der weltweite Stillstand durch das Coronavirus ein schrecklicher Albtraum sein – mich beeinträchtigt er in meiner Bewegungs- und Reisefreiheit aber kaum. Ich reise einfach so wie immer: schnell und virtuell, munter mit allen Schikanen durch die Weltgeschichte.

          Auch wenn die vielen, die jetzt im Homeoffice festsitzen, ihren Aufenthalt in den eigenen vier Wänden eher als Zwangsinternierung in Quarantano begreifen und nicht als Chance – ich mache als versierter Home-Tourist das, was ich schon immer gern gemacht habe: Holiday im Heimresort. Schon kurz nach elf, direkt nach dem Aufstehen, fahre ich den Rechner hoch, und los geht’s. Auf dem Bildschirm bin ich rastlos unterwegs, bin Veranstalter, Tourguide und Gast in Personalunion. Ich reise sensationell klimaneutral, kenne weder Überbuchungen noch Abstürze, stehe in keiner Schlange und bin schon wieder zu Hause, wenn die anderen noch gar nicht abgehoben haben. Durchs Internet zum Wunder der rekreativen Bilokation: Ich bin zu Hause und zugleich im Urlaub unterwegs.

          Die Planung einer Reise ist für mich nicht nur das halbe Ferienvergnügen, sondern das ganze. Und dabei spare ich oft viel mehr als nur die halbe Miete. Hingebungsvolles, ja emphatisches Buchen wallt mich derart auf, dass ich anschließend vor Ort, falls ich überhaupt dahinfahre, nur noch den emotionslosen Abgleich mit der nichtdigitalen Wirklichkeit besorge. Durch die physische Transferleistung meines eigenen Körpers. Entspannter kann man gar nicht reisen.

          Kein Stau und kein Steckdosenadapter

          Habe ich mir erst mal eine gute Flugverbindung rausgesucht, First Class natürlich, dann bin ich schon zufrieden und muss mich nicht mehr durch den erniedrigenden Buchungsprozess quälen, kostenpflichtige Koffer dazubuchen oder an die Sitzplatzreservierungen 24 Stunden vor dem Einchecken denken. Denn als virtuell Reisender lache ich über die Zudringlichkeiten, die dem Normaltouristen den Urlaub vermiesen: Ich muss weder packen noch eine Reiseapotheke zusammenstellen, muss keine Rückenlehne in aufrechte Position stellen, nicht die Uhr umstellen, stehe weder im Taxi noch im Leihwagen in apokalyptischen Vorort-Stauungen, muss vor keinem Museum Schlange stehen und keine Steckdosenadapter kaufen.

          Falls ich Lust habe, fliege ich im Flugsimulator nach Rio und Schanghai, nach Bali und Hawaii. Dann erst mal das Hotel oder das Ferienapartment beziehen. Zuvor habe ich mich fleißig durch mindestens vierzig andere Gästewohnungen geklickt und die dazugehörigen Bewertungen gelesen, jetzt kenne ich die Gegend schon ganz gut. Doch auch die Wohnung will weise gewählt sein. Langweilig sind geleckte Ferienapartments im global einheitlichen Shabby Chic, vollgestellt mit bunten Stühlen, „Midcentury-Designklassiker“ genannten Sperrmüllresten und neckisch verstreuten Ikea-Schnäppchen. Diese Normverliese werden meist von Kleinunternehmern vertickt, die acht Wohnungen gleichzeitig am Laufen haben, immer im gentrifizierten Trendviertel oder knapp nebendran. Früher hatten sie Nutten, jetzt machen sie Airbnb, das bringt einfach mehr.

          Wie schön, man kann Barbies Malibu-Traumhaus bei Airbnb mieten.

          Viel interessanter sind Gästewohnungen von Laienvermietern mit aufgehängten Verwandtenbildern, Muschelsammlungsgläsern, einer LED-Blinkkette und quietschenden Monsterbetten. Die schaue ich mir am liebsten an, denn man weiß nie, was einen in einer solchen Behausung erwartet. Einmal, ich glaube es war ein Apartment in Bayern, hatte ein Vermieter einfach den Opa auf dem Bild vergessen. Vielleicht gehörte er aber auch zur Einrichtung. Ruhig saß der Opa auf einem Stuhl, fast trotzig neben dem wuchtigen Esstisch. Unklar war, ob man den alten Herrn für die Zeit der Buchung mit übernehmen und versorgen musste. Und ob er überhaupt darüber in Kenntnis gesetzt wurde, dass seine schöne Wohnung jetzt an Fremde verhökert wurde.

          Spazieren mit Google Maps

          Habe ich dann in Gedanken mein Feriendomizil bezogen, wird erst mal die Nachbarschaft erkundet. Mit Google Maps spaziere ich durch die Straßen, schaue versonnen nach oben rechts und hinten links und verlaufe mich auch mal. Sich treiben lassen. Gehört einfach dazu. Doch so fragwürdig die Umgebung auch sein mag, in die ich gerate, ich fühle mich jederzeit sicher. Weder drohen Hundehaufen, noch stinken Taschendiebe. Und wenn mir die Gegend langweilig wird, beame ich mich im Mausumdrehen in ein anderes Stadtviertel oder gleich in eine andere Stadt auf einem anderen Kontinent. Oder ich schaue mir Kunst an. Die meisten Museen bieten inzwischen schon virtuelle Touren oder sogar einen von Helen Mirren gesprochenen Podcast durch die aktuelle Ausstellung. Hat man jedoch Pech, und der Rundgang durch postimpressionistische Vasenbilder wird von Veronica Ferres eingelesen, ist das nächste Museum nur einen Mausklick entfernt.

          Dann freilich kommt Hunger auf, und ich plane die Mahlzeiten. Auch hier kann ich mich via Tripadvisor in den besten, teuersten oder billigsten Restaurants der Umgebung hemmungslos sattsehen. Meist sprechen die oft erstaunlich gut geknipsten Essensfotos eine viel deutlichere Sprache als das unbeholfene Gestammel der Gäste, die das hochgeladen haben und für die es außerhalb des Wahrnehmungskontextes „lecker“ kaum nennenswerte Geschmackserlebnisse zu geben scheint.

          Muss man feststofflich vielleicht nicht gesehen haben: Das Lokal Kiepenkerl in Münster ist auch auf Google Streetview eindrucksvoll.

          Ein Gutteil des Reisevergnügens ist natürlich Schadenfreude; nämlich die unverhohlene Freude darüber, nicht dort interniert zu sein, wo andere schon logieren mussten. „Die Zimmer waren klein, schmutzig und übelriechend. Einfach jenseits von dreckig. Ich würde lieber obdachlos auf der Straße leben, als noch einmal in diesem Albtraum von Hotel zu übernachten“, schreibt ein Überlebender eines Hotels in Neu-Delhi auf einer der üblichen Bewertungsplattformen. Doch auch woanders kann man Pech haben: „Handtücher wie Schleifpapier, im Zimmer lauter Schaben und eine lange Liste von Strafgebühren, wenn man irgendetwas zerstören oder mitgehen lassen würde. Der Besitzer versuchte die ganze Zeit, mir sein Hotel zu verkaufen, und fragte immer wieder, ob ich irgendjemand in England kannte, der es vielleicht kaufen würde“, klagt ein Gast, der dieses türkische Hotel, in das er unverschuldet geraten war, offenbar nicht zu erwerben gedachte.

          „Übernachtet auf keinen Fall in diesem Dreckloch“

          Leider konnte auch ein im Norden Englands gelegenes Landhotel nicht alle Gäste von seinen Qualitäten überzeugen: „Übernachtet auf keinen Fall in diesem Dreckloch“, schreibt ein entsetzter Ein-Stern-Vergeber, „denn Hotel kann man es absolut nicht nennen. Ich kann mit Worten kaum schildern, wie widerwärtig dieser Laden ist: Blutfleckige Betten, bösartiges Personal, Fenster, die sich nicht öffnen lassen, kein heißes Wasser, kaputte Möbel und Lampen, und im Teekocher schwammen Fäkalien.“

          Warum sollte ich mir das antun? Mein längst in Frieden ruhender Onkel Peter, ein erfahrener und überzeugter Nichtreiseprofi, pflegte stets zu sagen, nachdem andere von Urlaubspleiten-Pech-und-Pannen erzählt hatten: „Wenn du mit einer einzigen Unterhose am Leib aus dem Urlaub zurückkommst, musst du schon froh sein.“ Und der ewig unglückliche und nun gleichfalls in Frieden ruhende David Foster Wallace hasste sich selten mehr, als er den ausgelatschten Pfaden des Tourismus in Neuengland folgte: „Es liegt in der Natur des Massentouristen, dass er gerade das Unberührte, das er erschließen und genießen will, vernichtend berührt. Man drängt sich einem Fleckchen Erde auf, das, abgesehen von den finanziellen Einnahmen, unbedrängt und ohne einen nicht nur besser dran, sondern auch authentischer wäre.“

          Wenn man sich im Hotelzimmer nach zu Hause sehnt.

          Will ich da selbst noch zum Touristen werden? Nur um Instagram oder andere Pixelmülleimer mit genau den Bildern zu fluten, die alle anderen auch schon gemacht haben? Mit ausgebreiteten Armen von hinten fotografiert? Gerade jetzt, wo es zu Hause so ruhig und friedlich ist! Die Straßen sind so leer wie nie, meldet verhalten enttäuscht der ADAC. Deutschland hat schon jetzt seine Klimaziele für 2030 erreicht, und der globale Treibhausgasausstoß ist durch Millionen ausgefallener Flüge auf einem historischen Tiefstand. Zufrieden lacht die Sonne vom kondensstreifenfreigewischten Frühlingshimmel.

          Urlaubsgrüße in der Urlaubskrise

          Da mache ich doch nach dem Mittagessen gleich den nächsten Trip, jetzt ist die beste Jahreszeit. Ich reise natürlich nur in der Nebensaison. Ich bin Schwabe und kann Hauptsaisonpreise psychisch nicht verkraften. Selbst wenn ich ernsthaft und ganz wirklich ein Hotel zur Hauptferienzeit buchen wollte – kurz vor dem zahlungspflichtigen Abschluss bekomme ich immer Schweißausbrüche, Schüttelfrost, Überbein und Fersensporn – und muss dann vorzeitig abbrechen.

          Auch überschätzt: Menschen.

          Lieber etwas Bewegung an der frischen Luft, das ist gerade in Corona-Zeiten besonders wichtig. Zum körperlichen Ausgleich schaue ich mir auf Youtube erst ein Workout-Tutorial und dann eine Wanderung auf dem Annapurna-Trail im Himalaya an und bin danach völlig erschöpft. Freilich weiß ich, dass jetzt, wo man sich überall anstecken kann, die üblichen Vorsichtsmaßnahmen strikt zu beachten sind: Aus Sicherheitsgründen halte ich zum Bildschirm 1,5 Meter Abstand, trage beim Googeln selbstverständlich Mundschutz und desinfiziere die Tastatur nach jeder beantworteten Mail, gerade auch in den schwer erreichbaren Buchstabenzwischenräumen.

          Aber warum immer tippen? Im Urlaub kann ich ja auch mal eine Postkarte schreiben. Vielleicht so? „Lieber Opa Zirbelmayer, wie geht es Ihnen? Noch immer denke ich an die herrlichen Tage zurück, die wir im letzten Sommer in Ihrer Wohnung verbrachten. Das Zusammenleben mit Ihnen war nicht immer einfach, doch wir haben beide überlebt. So wie wir auch Corona überleben werden. Ich wünsche Ihnen alles Gute und sende von zu Hause beste Urlaubsgrüße in der Urlaubskrise.“

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