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Weltreise zuhause : Holiday drin!

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Urlaubsgrüße aus der Urlaubskrise: der Autor macht Ferien. Bild: Oliver Maria Schmitt

Wir sollen unsere vier Wände nicht verlassen. Also buchen wir Reisen am Bildschirm. Das ist luxuriös, günstig und klimaneutral. Wir kommen überall hin! Mit allen Schikanen geht es durch durch die Weltgeschichte.

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          Nie zuvor war Reisen so einfach, so sicher, so günstig und so klimaneutral. Ja ja, schon klar: Für Urlauber und Reisewillige, für Fluglinien und Hoteliers, ja für die Tourismusbranche überhaupt mag der weltweite Stillstand durch das Coronavirus ein schrecklicher Albtraum sein – mich beeinträchtigt er in meiner Bewegungs- und Reisefreiheit aber kaum. Ich reise einfach so wie immer: schnell und virtuell, munter mit allen Schikanen durch die Weltgeschichte.

          Auch wenn die vielen, die jetzt im Homeoffice festsitzen, ihren Aufenthalt in den eigenen vier Wänden eher als Zwangsinternierung in Quarantano begreifen und nicht als Chance – ich mache als versierter Home-Tourist das, was ich schon immer gern gemacht habe: Holiday im Heimresort. Schon kurz nach elf, direkt nach dem Aufstehen, fahre ich den Rechner hoch, und los geht’s. Auf dem Bildschirm bin ich rastlos unterwegs, bin Veranstalter, Tourguide und Gast in Personalunion. Ich reise sensationell klimaneutral, kenne weder Überbuchungen noch Abstürze, stehe in keiner Schlange und bin schon wieder zu Hause, wenn die anderen noch gar nicht abgehoben haben. Durchs Internet zum Wunder der rekreativen Bilokation: Ich bin zu Hause und zugleich im Urlaub unterwegs.

          Die Planung einer Reise ist für mich nicht nur das halbe Ferienvergnügen, sondern das ganze. Und dabei spare ich oft viel mehr als nur die halbe Miete. Hingebungsvolles, ja emphatisches Buchen wallt mich derart auf, dass ich anschließend vor Ort, falls ich überhaupt dahinfahre, nur noch den emotionslosen Abgleich mit der nichtdigitalen Wirklichkeit besorge. Durch die physische Transferleistung meines eigenen Körpers. Entspannter kann man gar nicht reisen.

          Kein Stau und kein Steckdosenadapter

          Habe ich mir erst mal eine gute Flugverbindung rausgesucht, First Class natürlich, dann bin ich schon zufrieden und muss mich nicht mehr durch den erniedrigenden Buchungsprozess quälen, kostenpflichtige Koffer dazubuchen oder an die Sitzplatzreservierungen 24 Stunden vor dem Einchecken denken. Denn als virtuell Reisender lache ich über die Zudringlichkeiten, die dem Normaltouristen den Urlaub vermiesen: Ich muss weder packen noch eine Reiseapotheke zusammenstellen, muss keine Rückenlehne in aufrechte Position stellen, nicht die Uhr umstellen, stehe weder im Taxi noch im Leihwagen in apokalyptischen Vorort-Stauungen, muss vor keinem Museum Schlange stehen und keine Steckdosenadapter kaufen.

          Falls ich Lust habe, fliege ich im Flugsimulator nach Rio und Schanghai, nach Bali und Hawaii. Dann erst mal das Hotel oder das Ferienapartment beziehen. Zuvor habe ich mich fleißig durch mindestens vierzig andere Gästewohnungen geklickt und die dazugehörigen Bewertungen gelesen, jetzt kenne ich die Gegend schon ganz gut. Doch auch die Wohnung will weise gewählt sein. Langweilig sind geleckte Ferienapartments im global einheitlichen Shabby Chic, vollgestellt mit bunten Stühlen, „Midcentury-Designklassiker“ genannten Sperrmüllresten und neckisch verstreuten Ikea-Schnäppchen. Diese Normverliese werden meist von Kleinunternehmern vertickt, die acht Wohnungen gleichzeitig am Laufen haben, immer im gentrifizierten Trendviertel oder knapp nebendran. Früher hatten sie Nutten, jetzt machen sie Airbnb, das bringt einfach mehr.

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