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Zuhause unterwegs : Ich bin dann mal daheim

Um seinen Horizont zu erweitern, muss man nicht unbedingt das Haus verlassen. Bild: Picture-Alliance

Es gibt Menschen, die Reisen als Menschheitsrecht begreifen und sich jetzt darum betrogen fühlen. Dabei handelt es sich tatsächlich um ein Menschheitsgeschenk.

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          Quarantäne. Welch ein schreckliches Wort! Das beginnt ja schon bei der Buchstabiererei und endet noch lange nicht bei der Vorstellung von Zelten aus durchsichtigen Plastikplanen, unter denen schweißgebadet Menschen vor sich hinsiechen, käseweiß im Gesicht und eine Nierenschale aus Pappdeckel neben dem sterilisierten Kunststoffkissen. Als ich das letzte Mal auf der Quarantänestation der Frankfurter Universitätsklinik lag, hatte ich zweiundvierzig Grad Fieber und Magenkrämpfe im Minutentakt, die mit jedem Mal schlimmer wurden, obwohl ich bei jedem einzelnen dachte, ihn vor Schmerzen nicht zu überleben. Ich war gerade aus Nairobi zurückgekehrt, und ohne lange zu fragen, hatte irgendjemand für mich den direkten Weg vom Flughafen zum Krankenhaus bestimmt. Dort schüttelte ein junger Oberarzt den Kopf, als ich Nairobi sagte. „Das sieht so gar nicht nach Kenia aus“, analysierte er, während ich mich auf dem Krankenbett wälzte und fest davon ausging, dass mein letztes Stündlein geschlagen habe. Wo ich denn sonst noch so gewesen sei. Als ich stöhnte: „Ägypten. Und in Peru“, sagte wiederum er: „Nicht in diesem Jahr. In den vergangenen vier Wochen.“ Und ich machte ihm klar, dass ich das genau so verstanden hatte.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Dann pumpte er mich kurzerhand mit Drogen voll, deren Namen ich leider nie erfahren habe, sonst hätte ich davon stets ein Päckchen griffbereit, und ließ mich auf die Quarantänestation bringen, auf der ich im Halbdämmer bei nunmehr normaler Körpertemperatur und einigermaßen erträglichen Magenkrämpfen die kommenden fünf Tage verbrachte, bis der Spuk von einer Sekunde zur anderen vorüber war, ich vergnügt aus dem Bett sprang und der Schwester mitteilte, man könne mich als genesen entlassen – was man mit Freude tat. Auf die Frage, was es denn nun gewesen sei, zuckte der Stationsarzt mit den Schultern. „Ein Virus“, sagte er, zuckte nochmals mit den Schultern und fügte an: „Vermutlich.“

          So viel gibt es da zu entdecken

          Wie anders: Homeoffice. Das klingt weich, weil man das erste O eher haucht als spricht, das zweite schon fast zu einem Versprechen wird und das Zischeln, in dem das Wort endet, ganz von allein ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Homeoffice: Das ist Arbeiten unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Weshalb man die Ohren nicht über die Maßen angestrengt spitzen muss, um ein leises Raunen zu vernehmen, aus dem sich vor allem ein Begriff herausschält: Urlaub – Ferien in den eigenen vier Wänden. „Und die Decke“, fragen manche, „was ist mit der Decke?“ Ich zumindest wüsste keinen Grund, weshalb sie einem auf den Kopf fallen sollte. Xavier de Maistre blieb zweiundvierzig Tage lang in nur einem Raum und schrieb danach den wunderbaren Abenteuerbericht „Die Reise um mein Zimmer“. Allein für die paar Schritte vom Bett zum Schreibtisch braucht er mehrere Kapitel. So viel passiert unterwegs. So viel gibt es zu entdecken. Und dann geschieht auf dem Weg auch noch ein Unfall. Lange vor solchen Begriffen wie Flugscham, „Overtourism“ oder Reiseverbot führte er vor, wie nachhaltiger Tourismus in seiner extremsten Form funktionieren kann.

          Literarischer Stubenhocker: Illustration zu Xavier de Maistres „Reise um mein Zimmer“.

          De Maistre schrieb das Buch im Jahr 1790, und zugegebenermaßen saß auch er, damals siebenundzwanzig Jahre alt, nicht freiwillig fest. Vielmehr stand er nach einem unerlaubten Duell unter Arrest. Ansonsten war er zeitlebens ein Vielreisender, teils auf der Flucht, teils berufsbedingt, teils mit dem Militär. Er hatte die Versuche der Brüder Montgolfier mit ihren Heißluftballons verfolgt und gemeinsam mit einem Freund Flügel konstruiert, mit deren Hilfe sie bis nach Amerika fliegen wollten, was allerdings misslang. Obwohl er sich in seinem Roman mit parodistischen Anspielungen und Seitenhieben auf die Expeditionsberichte kühner Forscher jener Tage nicht zurückhält, taugt sein Buch als Handreichung für jene, die in den kommenden Wochen eingesperrt zu Hause sitzen müssen oder wollen. „Tausend und abertausend Menschen“, prophezeit er, „werden sich entschließen, meinem Beispiel zu folgen.“ Dann legt er sein Reisegewand an und macht sich auf den Weg Richtung Norden seinem Sessel entgegen.

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