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Geschichte der Reisekrankheit : Klinisch unter Palmen

  • -Aktualisiert am

Komfort geht anders: „Die Passagiere“ von Girolamo Nerli, um 1890. Bild: Picture-Alliance

Schon vor Corona war das Reisen nicht ungefährlich: In Florenz, Paris und anderswo werden immer wieder Touristen mit Herzrasen, Allmachtsphantasien und Nervenzusammenbrüchen eingeliefert. Wie kommt das?

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          Was waren das noch für Zeiten, in denen man reisen konnte, wie man wollte. Die Veränderung ist immens. Innerhalb von wenigen Wochen hat das Coronavirus den Tourismus weltweit praktisch zum Erliegen gebracht. „Stay Home“ lautet die neue Devise. Der Flugverkehr ist auf ein Minimum reduziert, die Staatsgrenzen sind für Urlauber dicht, Hotels und Gaststätten geschlossen, und sogar zwischen Bundesländern wurde die Bewegungsfreiheit teilweise eingeschränkt.

          Für näher gelegene Destinationen zeichnet sich Besserung ab, die Ferne aber ist wieder dorthin gerückt. Was die Sehnsucht nach ihr bei vielen eher befeuert. Fast lässt das virusbedingte Fernweh vergessen, dass Reisen schon immer auch seine Schattenseiten hatte und speziell seine Verbindung mit Krankheiten nichts Neues ist. Nicht nur im Magen-Darm-Bereich im klimatischen Süden, Stichwort Montezumas Rache. Man denke nur an die sogenannten Tropenkrankheiten: exotische Krankheiten ganz ohne den gleichnamigen Flair. Aber auch an eher gewöhnliche, altbekannte Leiden. Wie etwa die „Reisekrankheit“, die schließlich sogar ihren Namen dem Reisen verdankt. Jene heftige Übelkeit, die einen überall dort befallen kann, wo sich etwas bewegt. Zum Beispiel an Bord eines Schiffes auf offener See: die Seekrankheit. Das englische Wort „nausea“ für Übelkeit kommt vom griechischen Wort „naus“ für Schiff. Streng genommen, ist die Reisekrankheit deshalb gar keine Reisekrankheit, sondern eine Bewegungskrankheit, und so lautet auch ihr medizinischer Fachausdruck: Kinetose, nach dem griechischen kinein, bewegen, von dem sich auch der Name des Ortes für bewegte Bilder ableitet: Kino. Deshalb kann man auch im Kino an einem festen Ort sitzend „reisekrank“ werden, wenn, etwa bei 3D-Filmen, der Effekt der bewegten Bilder besonders betont wird. Oder, moderner, in der virtuellen Realität, zu Hause auf dem Sofa mit einer VR-Brille auf der Nase, die einem eigene Bewegungen zwar nur vorgaukelt, aber doch sehr real empfinden lässt.

          Florenz, starkes Herzrasen

          Auch die exotischen Krankheiten, die klassischen Tropenkrankheiten oder die Malaria sind im Grunde keine Reisekrankheiten. Sie sind – meist infektiöse – Krankheiten, die in bestimmten Gegenden, etwa den Tropen und Subtropen, verbreitet sind und dort zahlenmäßig ganz überwiegend Einheimische, also gerade Nichtreisende, befallen. Nur aus Sicht derer, die dorthin reisen, spricht man von „reiseassoziierten Infektionskrankheiten“. In den Malariagebieten selbst käme kaum jemand auf die Idee, Malaria mit Fernreisen in Verbindung zu bringen.

          Näher kommt man dem Begriff „Reisekrankheit“ mit einer ganz anderen, weniger beachteten Form von Krankheit auf Reisen. Zum Beispiel die, welche die Psychiaterin Graziella Magherini am Krankenhaus Santa Maria Nuova in Florenz beobachtete. Sie stellte fest, dass bei ihr immer wieder Touristen in der Klinik landeten, die von der Stadt und ihrer Kunst so überwältigt waren, dass sie körperliche Symptome bekamen: Herzrasen, Schwitzen, Brustschmerzen, Schwindel und Ohnmacht. Aber auch psychische: Panikattacken, Halluzinationen, depressive Verstimmungen, Allmachtsphantasien oder umgekehrt das Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit angesichts der überwältigenden Kunst.

          Masken schützen vor Corona, aber nicht vor dem Paris-Syndrom.
          Masken schützen vor Corona, aber nicht vor dem Paris-Syndrom. : Bild: Picture-Alliance

          Magherini sammelte die Fälle, schrieb ein Buch darüber und nannte das Krankheitsbild „Stendhal-Syndrom“ nach dem französischen Schriftsteller Stendhal, der Anfang des 19. Jahrhunderts beim Besuch der Kirche Santa Croce in Florenz etwas Ähnliches erlebt hatte. Angesichts der Gräber von Machiavelli, Michelangelo und Galilei und der Schönheit der Kirche hielt er in seinen Reiseerinnerungen fest: „Ich befand mich in einer Art Ekstase bei dem Gedanken, in Florenz und den Gräbern so vieler Großer so nahe zu sein. Ich war in Bewunderung der erhabenen Schönheit versunken; ich sah sie aus nächster Nähe und berührte sie fast. Ich war auf dem Punkt der Begeisterung angelangt, wo sich die himmlischen Empfindungen, wie sie die Kunst bietet, mit leidenschaftlichen Gefühlen paaren. Als ich die Kirche verließ, klopfte mir das Herz; man nennt das in Berlin Nerven; mein Lebensquell war versiegt, und ich fürchtete umzufallen.“

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