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Geschichte der Reisekrankheit : Klinisch unter Palmen

  • -Aktualisiert am

Homer Simpson hält sich für Jesus

Das Stendhal-Syndrom ist nicht die einzige in diesem Sinn echte Reisekrankheit. Wesentlich bekannter und einschneidender ist das „Jerusalem-Syndrom“, das es bis in eine Folge der amerikanischen TV-Serie „Die Simpsons“ geschafft hat: Bei einer Reise ins Heilige Land werden zunächst Homer und dann fast alle anderen Mitglieder der Reisegruppe aus Springfield von ihm befallen. Zentral sind dabei Wahnvorstellungen meist aus dem religiösen Bereich, die sich bei Reisenden – in der Realität häufig männlich, Single und aus streng protestantischen Familien – einstellen, die in Jerusalem von den Eindrücken und der Dichte der religiösen Bezüge überwältigt werden. Viele – wie auch Homer Simpson – halten sich für Jesus, andere biblische Figuren oder verspüren eine göttliche Beauftragung.

Das Ganze hat neben den psychischen Problemen zum Teil fatale Folgen: Bei manchen Reisenden, die im Heiligen Land vermisst werden, argwöhnt man, dass sie – auch das greifen die Simpsons auf – freiwillig in die Wüste gegangen sind, entsprechend der 40 Tage und 40 Nächte, die Jesus der Bibel zufolge dort verbracht hat. Die genaue Ursache des Jerusalem-Syndroms ist nicht geklärt und kann von Patient zu Patient unterschiedlich sein: Sei es, dass eine schon bestehende psychische Erkrankung nur ausbricht, der Betroffene zwar gesund, aber psychisch anfällig ist, oder es auch zuvor vollkommen Gesunde treffen kann.

In die entgegengesetzte Richtung geht das „Paris-Syndrom“, das vor allem bei japanischen Touristen in – natürlich – Paris auftritt: Neben ähnlichen Symptomen wie beim Stendhal-Syndrom: Herzrasen, Schwindel, Kurzatmigkeit, zeichnet es sich durch Angstzustände oder Verfolgungswahn aus. Auslöser sollen aber nicht wie in Florenz oder Jerusalem die tiefen positiven Eindrücke sein, sondern eher Enttäuschungen. Verantwortlich, so ein wissenschaftlicher Fachartikel, sei die Kombination einer Reihe von Faktoren. Genannt werden Isolation außerhalb der eigenen sozialen Umgebung, aber auch wegen mangelnder Sprachkenntnisse, oder enttäuschte Erwartungen infolge des idealisierten Bildes, das von Paris in Japan herrscht. Daneben kulturelle Unterschiede insbesondere bei den Umgangsformen, weshalb viele Japaner sich in Frankreich extrem unhöflich und unfreundlich behandelt fühlen, und schließlich Erschöpfung wegen Jetlag und übervollen Reiseprogramms.

Hier schließt sich der Kreis. Die vermuteten Gründe für das Paris-Syndrom lesen sich wie eine allgemeine Aufzählung von negativen Aspekten des Reisens, die in der Summe dann zu Problemen bis hin zu Krankheitsbildern führen. Umgekehrt sind es beim Jerusalem-Syndrom und besonders beim Stendhal-Syndrom in Florenz die sonst positiven Aspekte des Reisens, wie das direkte unmittelbare Erleben von Schauplätzen, Geschichte und Kunst, die zu viel werden können. Der Reisende sucht das andere, Neue, das direkte Erleben, das Besondere, das Authentische, die unmittelbaren Eindrücke. Nur manchmal wird – auch wenn es im Überdruss der engen Wohnung momentan schwer vorstellbar ist – gerade das zu viel. Bei dem einen schneller, bei der anderen nicht so schnell. Es erinnert an das berühmte Zitat von Paracelsus „Dosis sola facit venenum“, dass die Dosis entscheidend dafür ist, ob etwas als Gift wirkt, also schädlich ist oder nicht. Das gilt auch und besonders für Reisen und alles, was mit ihm zusammenhängt. Im Zentrum steht das „Überwältigende“, ob positiv oder negativ. Das ist die eigentliche Reisekrankheit, die nicht von der körperlichen, sondern der geistigen, seelischen, emotionalen Bewegung herrührt, dem eigentlichen Kern des Reisens, der jenseits der mechanischen Fortbewegung liegt. Deshalb liegt auch die Therapie auf der Hand: In schweren Fällen hilft nur die rasche Heimreise.

Literatur

Graziella Magherini: „La Sindrome di Stendhal“; Ponte Alle Grazie, Florenz 1989

Stendhal: „Reise in Italien. Rom – Neapel – Florenz“; Deutsche Bearbeitung von Friedrich v. Oppeln-Bronikowski, Diederichs Verlag, Jena 1911, Nachdruck München 1996

Y. Bar-el, R. Durst, G. Katz, J. Zislin, Z. Strauss, H. Y. Knobler: „Jerusalem syndrome“; The British Journal of Psychiatry. 176 (2000), S. 86–90

A. Viala, H. Ota, M. N. Vacheron, P. Martin, F. Caroli: „Les Japonais en voyage pathologique à Paris: un modèle original de prise en charge transculturelle“, Nervure – Journal de Psychiatrie 5 (2004), S. 31–34

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