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Reise zu den Kleinen Antillen : Die weiße Pracht

Der Sand ist auf Anguilla weißer als anderswo in der Karibik, die Gewitter sind die gleichen. Bild: www.guenterstandl.de

Anguilla ist weniger bekannt als andere Karibikinseln. Ihre 33 Strände aber gehören laut diverser Rankings zu den besten der Karibik.

          9 Min.

          Einmal Malliouhana, bitte! Nein, das ist kein Chinese im Coffee-Shop. Es ist der alte Name einer Insel, die etwas Beneidenswertes schafft: im Auge des Betrachters schlanker zu wirken, als sie ist. Wie sollte man das sonst erklären? Dass die Arawak, ihre ersten Bewohner, sie Malliouhana nannten, was Pfeil bedeutet. Und dass die Spanier, die als erste Europäer vorbeikamen, ihr den Namen Anguilla gaben: Aal. So heißt sie noch heute, diese längliche, an den richtigen Stellen aber auch rundliche Insel, weich eingerahmt von 33 Stränden. Ein wohlgeformtes Eiland, das auch in Nachbarschaft makellos schlanker Topmodels wie Sylt, Langeland, Hiddensee keine schlechte Figur gemacht hätte. Und das auch in der Karibik tut, wo die Konkurrenz noch größer ist.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Eine Insel namens Aal also. Dabei ist Aal, neben Matjes vielleicht, so ziemlich das Einzige, das schwimmt und schmeckt und trotzdem nicht zu kriegen ist auf Anguilla. Selbst auf deren winzigstem Außenposten fällt es schwer, schlecht zu essen. „Was wollt ihr? Es gibt alles“, sagt Deon Gumbs hinter seinem kleinen, grün verkleideten Empfangstresen und zückt Zettel und Stift. Deon ist eine Art Mini-Insel-Concierge: auf Sandy Island, einer Sandbank mit Gastronomie zehn Bootsminuten vor der Küste. Er nimmt Haltung an für die Gäste des Tages, die vom verwegenen Landemanöver noch etwas wacklig vor ihm stehen. Und legt los: „Ich habe Hummer, Crayfish, ich habe Mahi Mahi, Snapper, Grouper, ich habe . . .“ Danke, reicht schon.

          Dem Namen nach ein Aalglattes Eiland

          Während unser Hummer nun in der Bretterbude hinter Deons Empfangs-Desk zubereitet wird, umrunden wir zu Fuß die Insel. Nach circa drei Minuten kommen wir wieder vorn an, bei Claudel, dem Boots- und Rastamann. Während der Überfahrt hat er uns hüpfende Delphine gezeigt und lustiges Fischerlatein von nächtlichen Harpunenjagden aufgetischt, ist nun aber mit Schubkarre unterwegs. Bis wir zurück an Land wollen, arbeitet er am Fundament für zusätzliche Tische und Bänke, die zur Hochsaison ab Weihnachten benötigt werden. Dann sind an manchen Tagen über hundert Gäste auf Sandy Island zu bewirten. Claudel, den alle Ponkie rufen, schippt also Sand vom Inselrand, wo der Wind kleine Dünen auftürmt, in die Karre und fährt ihn in die tieferliegende Inselmitte, also etwa zwanzig Meter weit. Die Arbeit eines gutgelaunten karibischen Sisyphus – schaufeln, schieben, kippen, glätten, kurz gesagt: sich nicht unterkriegen lassen.

          Vor zwei Jahren veranstalteten sie auf Sandy Island ein Musikfestival, „Livin’ in the Sun“. Kurz vor der zweiten Ausgabe kam ein ungebetener Gast namens Irma vorbei. Am nächsten Tag war alles fort, was vorher auf dem Inselchen stand. Die Bühne, die Hütten, die Palmen. Es war nicht irgendein Hurrikan, es war der schwerste in der Karibik seit Menschengedenken. Auf der ganzen Welt hatte es noch keinen so ausdauernden Wirbelsturm gegeben wie Irma. Die Spitzenintensität mit Windgeschwindigkeiten von knapp dreihundert Kilometern pro Stunde hielt 37 Stunden an.

          Aufgeräumt ist Anguilla nach Sturm Irma längst wieder - nicht nur im Hotel „Malliouhana“.

          Auf Anguilla hatte man die meisten Häuser schon nach früheren Stürmen aus Stein wiederaufgebaut. Doch Irma ließ sogar Betonwände schwanken. Und wehte unzählige Dächer fort. Wo sind sie alle hin? Irgendwo in der Karibik muss es einen Friedhof der Dächer geben. Für viele Insulaner waren die eigenen vier Wände nach dem Sturm wirklich nur noch vier Wände. Immer noch steht die älteste Kirche von Anguilla unbedacht da; die älteste Pension, inzwischen aufgegeben, ebenfalls. Glück hatten die älteren Zöglinge der „Comprehensive School“ in der Inselhauptstadt The Valley, denen die Schäden am Schulhaus einen pubertären Langschläfertraum bescherten: Unterricht im Schichtbetrieb für die unteren Klassen bis zwölf Uhr, für die oberen erst danach. Pech dagegen hatten die paar Häftlinge im winzigen Gefängnis von Anguilla. Bei der Polizei gegenüber flog das Dach weg. Bei ihnen nicht.

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