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Prag erwacht : Am Grunde der Moldau wandern die Steine

Zeit der Stille: Zehn Millionen Touristen kamen vor Corona Jahr für Jahr nach Prag, und jeder ging mindestens einmal über die Karlsbrücke – oder schob sich über sie, denn der Ansturm war so gewaltig, dass er sogar den Pragern zu viel wurde. Bild: dpa

Seit einer Woche öffnet sich Prag wieder, doch nichts wird sein wie zuvor. Wie sehr Corona die Stadt verwandelt hat, konnten wir zwischen den beiden Lockdowns erfahren: Jetzt begreift sie, was es bedeutet, einer der schönsten Orte der Erde zu sein.

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          Ein Wunder ist geschehen, doch vollbracht hat es keiner der dreißig Wundertätigen, die auf der Prager Karlsbrücke als Gottes Ehrengarde aus barocken Sandsteinskulpturen Spalier stehen. Weder der heilige Nepomuk noch Christophorus, Franziskus oder Augustinus, weder die heilige Barbara noch Margarethe, Elisabeth oder Ludmilla hätten es sich angesichts des Prager Tourismusbooms wohl in ihren kühnsten Visionen vorstellen können, dass sie an einem sonnigen Samstagnachmittag des Jahres 2020 in aller Seelenruhe mit uns Zwiesprache halten würden – ohne die Menschenmassen, die sonst schon um sechs Uhr morgens die Karlsbrücke verstopfen, ohne das Gewimmel, Geschiebe, Gedränge, das den Krönungsweg der böhmischen Könige zu jeder Tageszeit in einen Rummelplatz verwandelt. Jetzt aber hat man alle Zeit der Welt, die Mystik dieser Brücke auf sich wirken zu lassen, die den Besuchern ganz leise das Geheimnis ihrer Unvergänglichkeit zuraunt: Ihr Grundstein wurde im Jahr 1357 am 9. Juli um fünf Uhr und einunddreißig Minuten gesetzt, und wenn man diese Zahlen über und hintereinander schreibt, ergibt sich eine Pyramide mit auf- und absteigenden Ziffern von eins bis neun und wieder bis eins, die die Ewigkeit der Karlsbrücke symbolisiert. Deswegen überspannt sie so unerschütterlich wie Cheops’ Grab in Gizeh die majestätische Moldau, die jetzt wieder den Schwänen und Enten und dem alten Fischer in seiner Schaluppe gehört, während die drei Dutzend Ausflugsboote flussabwärts fest vertäut liegen wie eine Armada aus Geisterschiffen.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Prag ist wieder Prag und nicht mehr die Welttourismusmetropole, die bis Corona unter dem Ansturm ihrer Besucher und deren Lust auf Exzesse allzu oft zur Sauf- und Selfie-Kulisse degradiert wurde. Zehn Millionen Besucher kamen im vergangenen Jahr an die Moldau und stauten sich fast ausschließlich auf den wenigen Quadratkilometern der Altstadt zu beiden Seiten des Flusses. Drei Direktflüge gab es jeden Tag allein aus China, drei weitere aus den Vereinigten Staaten und noch viel mehr Billigflugverbindungen aus europäischen Städten, die nicht selten ein trink- und rauflustiges, kunst- und kulturresistentes Publikum an Bord hatten und Prag die Normalität eines permanenten Ausnahmezustands bescherten.

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