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Helsinki : Harmonie am Messerboulevard

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Start-ups drängen in Apartments

Doch schon dünnt dieses Konglomerat aus, eine stille Revolution findet statt in Kallio: Investoren haben das Viertel entdeckt. Augenfälligstes Anzeichen des Umbaus ist die Markthalle von Hakaniemi. Einhundertzwei Jahre nach ihrer Eröffnung wird das zweistöckige Backsteingebäude grundlegend saniert. Damit die Kunden währenddessen nicht auf karelische Piroggen und frische Blaubeeren verzichten müssen, wurde eine Ersatzhalle hingestellt. Jetzt werden dort Zimtschnecken, Maränenfilets und Steinpilze verkauft, und Kunden wie Händlerinnen haben die Vorteile des weiten, lichten Pavillons inzwischen so schätzen gelernt, dass sie selbst nach der Fertigstellung gar nicht mehr in das verwinkelte, alte Gemäuer zurückmöchten.

Überall kreischen Baukräne, Straßen werden aufgerissen, das neue Hotel Noli soll Touristen mitten ins Szene-Abenteuer locken. Die Polizei verdrängt zunehmend Dealer und Drogensüchtige und sorgt für die Sicherheit der anderen. Ein böses Wort macht laut die Runde: Gentrifizierung. Grundstückspreise schießen nach oben, kleine Trödler können sich die Mieten nicht mehr leisten. IT-Start-ups drängen in Apartments, Fine-Dining-Lokale und vegane Restaurants lösen die Schmuddelkneipen ab. Kallio wird feiner, die Ärmeren wandern notgedrungen weiter, an die Ränder, nach Vanha Vallila oder Harju. Helsinki, sagt eine alteingesessene Kallio-Bewohnerin lachend, liege gerade unterm Messer und lasse einen Prozess plastischer Chirurgie über sich ergehen. Die Operationen seien dabei so gründlich und umfassend wie seit den fünfziger Jahren nicht mehr, als die Stadt für die Olympischen Spiele umgekrempelt wurde.

Manta ahnt: Vielen Bewohnern geht die Sache mit den Veränderungen zu schnell und zu weit. Soviel Vertrautes, das verschwindet, soviel Ungewohntes, das plötzlich irgendwo steht und vor einem Jahr noch nicht da war. Neuerdings haben Architekten im Internet immer öfter mit Hasstiraden gegen ihre jüngsten Schöpfungen zu kämpfen, Hohn und Spott begleiten die Eröffnung neuer Gebäude.

Unisex-Toiletten mit Milchglastüren

Da kommt den Erneuerern Oodi gerade Recht. Denn die neue Bibliothek hat fast von Anfang an breiteste Unterstützung gefunden. Oodi, die Ode, wie sie nach dem Willen der Hauptstädter genannt wurde, hat einen höchst prominenten Standplatz gefunden. Rund um den Kansalaistori, den Bürgerplatz im Herzen der Stadt, gruppieren sich die acht Jahre alte Musikhalle, das Glas-und-Stahl-Gebäude des Helsingin-Sanomat-Medienkonzerns, das finnische Parlament mit seinen neoklassizistischen Säulen und Kiasma. Letztere, die moderne Halle für Gegenwartskunst, lässt den reitenden Herrn auf dem Sockel davor, den im finnischen Nationalbewusstsein so übermächtigen General Mannerheim, auf eine vernünftige historische Größe zurecht schrumpfen. Mit Oodi gesellt sich zu Politik, Musik, Geschichte, Kunst und Presse jetzt die Literatur, und ganz bewusst finden sich Besucher auf dem Balkon der Bibliothek auf Augenhöhe mit dem Dach des Parlaments gegenüber.

Ein Tempel für die Literatur: Die neue Bibliothek Oodi.
Ein Tempel für die Literatur: Die neue Bibliothek Oodi. : Bild: Picture-Alliance

Oodi ist eine in der Bewegung erstarrte, langgezogene Welle aus Fichtenholz mit gläsernem Aufsatz. Die gewundene, honigfarbene Fassade strahlt Kraft, Eleganz und Dynamik aus, und im überwölbten Eingang schmettert an diesem Nachmittag wie in einer Grotte ein ungarischer Chor auf Durchreise ein paar Volkslieder. Es herrscht ein dauerndes Kommen und Gehen auf den drei Etagen. Im Erdgeschoss zeigt das Kino finnische Klassiker, neben der Cafeteria singt in der Kleinkinderecke ein Betreuer mit den Jüngsten, während im Keller ein großer Raum mit Toiletten den diesbezüglichen Mangel in der Stadt zumindest etwas mildert. Dass es Unisex-Toiletten sind, dazu mit Milchglastüren, daran müssen sich ausländische Besucher erst gewöhnen.

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